Aus der aktuellen Ausgabe

Eine Woche Mami, eine Woche Papi

Trennungskind, hin- und hergerissen zwischen Mutter und Vater:

Das muss nicht sein
Foto: Getty


Wie Trennungskinder es schaffen, zwischen zwei Welten zu pendeln

von Sabine Olff

Fünf Minuten muss er laufen, dann ist er beim Papi. Hendrik, elf, sitzt in seinem Kinderzimmer in der Wohnung seiner Mutter in Dübendorf ZH und erzählt, wie das so ist in seinem Leben. Montag, Dienstag ist er hier; Mittwoch, Donnerstag beim Vater und an den Wochenenden mal hier, mal dort. «Toll» findet er das. Weil er nicht immer die gleichen Spielsachen habe. «Doof ist, dass ich zweimal putzen muss.» Er lacht und sagt dann ernst: «Hauptsache ist, ich bin bei beiden.»

Immer mehr Kinder haben getrennte Eltern, und immer mehr Kinder wechseln wie Hendrik tage- oder wochenweise zwischen der Vater- und der Mutter-Welt. Doch es gibt Vorbehalte gegenüber diesem Wechselmodell. Kinder bräuchten Kontinuität, gerade nach der Trennung, heisst es. Sie bräuchten ein Zuhause, nicht zwei, eine fixe Basis. Dabei zeigen immer mehr Studien: Wenn die Vorbedingungen stimmen, kommen viele Kinder mit dem Leben an zwei Orten recht gut zurecht.

2010 wurden in der Schweiz mehr als 22 000 Ehen geschieden - das traf 15 000 Kinder. Die Eltern von 7000 Kindern teilten sich die Sorge: Sie haben in Grundsatzfragen, die das Kind betreffen, etwa über Wohnort, Gesundheit oder Bildung, gemeinsam zu entscheiden. Mehr heisst das nicht.

Und viel mehr weiss man in der Schweiz auch nicht. Erst einmal wurden im Rahmen des Projekts «Kinder und Scheidung» der Universität Zürich und des Zürcher Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind (MMI) Scheidungsfamilien zu ihrem Alltag befragt. Demnach kümmerten sich 16 Prozent der Mütter und Väter mit gemeinsamer Sorge zu etwa gleichen Teilen um ihr Kind; bezogen auf alle Scheidungsfälle, waren das lediglich 5 Prozent.

«Das wird künftig zunehmen», sagt Studienleiterin Heidi Simoni vom MMI und nennt dafür zwei Gründe: die gesellschaftlichen Veränderungen, etwa die neue Rolle der Väter, sowie die Tatsache, dass 2013 das gemeinsame Sorgerecht zum Regelfall werden soll und damit die rechtlichen Voraussetzungen für ein Wechselmodell für immer mehr Familien gegeben sein werden.

Wichtig ist, dass die Eltern kooperieren

Erfahrungen aus anderen Ländern bestätigen das. In Australien, den USA und Grossbritannien ziehen die Kinder zwischen Vätern und Müttern seit den Sorgerechtsreformen immer öfter hin und her. Am häufigsten leben Trennungskinder aber überall nach wie vor bei der Mutter. Vor allem aus dem angelsächsischen Raum stammen denn auch Studien zu den Vor- und Nachteilen des Wechselmodells. Liz Trinder, Familienrechtlerin an der britischen University of Exeter, hat die wichtigsten vor gut einem Jahr im Fachblatt «Child and Family Law Quarterly» zusammengetragen. Sie kommt zum Schluss, dass das Hin und Her dem Kind zugutekommen kann, wenn die Eltern erstens miteinander reden und kooperieren können und zweitens wenn sie das Alltagsleben rund um die Bedürfnisse ihrer Sprösslinge aufbauen und es flexibel halten. Bestenfalls können sich die Kinder einbringen.

Tom, 16, aus Bern (Name und Ort geändert) redet rege mit. Etwa alle drei Monate sitzt er mit den Eltern zusammen, und sie überlegen, wann er wo ist. Tom: «Das hat keine grosse Ordnung. Für mich ist das so okay.» Und Bignia, 14, aus Zürich, sagt: «Grundsätzlich entscheide ich, wann ich wo bin.» Das Hin und Her stört sie nicht, ausser sie hat mal wieder ihre Schulsachen beim Vater oder der Mutter vergessen.

Doch das Wechselmodell kann auch Schaden anrichten, nämlich in Familien, in denen häufig die Fetzen fliegen und es an den Arrangements nichts zu rütteln gibt. «Die Kinder sind im Kreuzfeuer der Eltern gefangen», schreibt Trinder und zitiert eine australische Studie, laut derer vor allem Jungs, die langfristig zwischen ihren streitenden Eltern pendeln, deutlich öfter hyperaktiv sind als Gleichaltrige, die etwa allein bei der Mutter aufwachsen. Auch bei kleinen Kindern, etwa bis zum
Alter von zwei, drei Jahren, gibt es Bedenken gegenüber dem Wechselmodell.

Doch das letzte Wort ist in der Beurteilung längst nicht gesprochen. «Es gibt grosse Wissenslücken», schreibt Trinder. So werden in vielen Studien kooperierende und streitende Trennungsfamilien in einen Topf geworfen. Zudem kommen nur in wenigen Untersuchungen die Kinder selbst zu Wort. «Eltern neigen dazu, ihre Sicht auch für die der Kinder zu halten», so Trinder.

Michaela Schier vom Deutschen Jugendinstitut in München nennt ein weiteres Manko: «Es fehlt der Blick auf die Alltagsgestaltung.» Sprich: Welche Praktiken tragen dazu bei, dass für die Kinder das Leben an zwei Orten gelingt? Was ist schwierig für sie? Schier und Kolleginnen tauchten deshalb in das Leben von elf Trennungsfamilien ein, deren Kinder in verschiedenen Rhythmen an zwei Orten leben. Die Forscherinnen begleiteten die Kinder, auch auf dem Weg vom einen zum anderen Elternteil - zu Fuss, im Tram und selbst im Flugzeug.

Im Dezember wurden die Ergebnisse der Pilotstudie vorgestellt: «So einschneidend die Scheidung auch ist», sagt Schier, «mit der Zeit wird der Alltag an zwei Orten Normalität. Die Kinder entwickeln neue emotionale Bezüge und mehrfache Zugehörigkeiten.» Die Weichen dafür stellen die Eltern: ein eigenes Kinderzimmer, ein fixer Sitzplatz am Esstisch, der Kontakt zum Nachbarskind oder die bedachte Wortwahl. Schier: «Einfach mal öfter <zu Hause> sagen.»

Für manche ist die Pendlerei kein Kinderspiel

Die Kinder wiederum entwickeln eigene Rituale und Routinen, um an beiden Orten Kontinuität zu erfahren. In der Studie spielte ein Knabe beim Vater etwa immer das gleiche Computerspiel, ein Mädchen hörte bei der Mutter ganz bestimmte CDs. Und auch das, was man zusammen tut, ist entscheidend - nicht die Menge an gemeinsam verbrachter Zeit. Schier: «Familie ist: kleine Alltagsdinge, Gutenachtgeschichten, Erlebnisse, die man schlecht planen kann.»

Die Forscherinnen liessen die Kinder schliesslich mit Bauklötzen und Spielfiguren Menschen und Orte aufbauen, die ihnen wichtig sind. Sie sollten damit anfangen, wo sie zu Hause sind. «Alle haben zwei Zuhause aufgebaut», sagt Schier.

Wo ist dein Daheim? Hendrik überlegt keine Sekunde: «Bei beiden.» Tom sagt nach einigem Zögern: «Bei meinem Vater.» Die Trennung ist erst ein Jahr her. Der Vater ist in der alten Wohnung geblieben, die Mutter innerhalb der Stadt umgezogen. «Aber das Zimmer dort wird langsam auch zu meinem.» Und für Bignia ist zu Hause «ein bisschen eher» bei der Mutter. «Da ist die Schule, und ich hab da meine Haustiere.»

Doch auch wenn sich die Kinder zu Hause fühlen: Die Pendlerei ist für manche kein Kinderspiel, sie ist eine körperliche wie emotionale Herausforderung, vor allem das Abschiednehmen und Ankommen. Das zeigen Schiers Einblicke auch. Besonders anstrengend ist es, wenn die Mutter- und die Vaterwelt sehr verschieden sind. Und noch mal komplexer wird es, wenn bei Vater oder Mutter ein neuer Partner auftaucht. Doch trotz aller Anstrengungen wollten alle befragten Kinder den Kontakt mit beiden Eltern unbedingt aufrechterhalten.

Ist das Wechselmodell womöglich also doch die beste aller Lösungen? «Das Wohl der Kinder ist in erster Linie von der Beziehung der Eltern abhängig», sagt Schier, «und nicht vom Modell.» Das Wechselmodell sei eine Option - nicht mehr, aber auch nicht weniger. «Es entwurzelt die Kinder entgegen allen Befürchtungen nicht.»

Aber es setzt einiges voraus: Die Eltern sollten nah beieinander wohnen, sie müssen sich das Leben ihres Kindes an zwei Orten leisten können, akzeptieren, dass sie aneinandergebunden sind sowie kooperieren und kommunizieren können. «Das Wechselmodell darf keine Projektidee der Eltern sein», sagt Psychologin Simoni vom MMI. «Es muss zum Alltag der Familie und zu jedem einzelnen Kind passen.»
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Traumata nach Scheidungen sind nicht zwingend

Scheiden tut weh - vor allem den Kindern. Doch eine Trennung der Eltern muss die Kinder nicht zwangsläufig ein Leben lang belasten.

Eine grosse US-Studie zeigt, dass die Mehrheit der erwachsenen Scheidungskinder nicht unglücklicher ist und nicht mehr Probleme hat als Kinder aus intakten Familien. Eine deutsche Studie mit 750 Schülern geht in eine ähnliche Richtung: Trennungskinder haben bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit und ihrer sozialen Kompetenzen im Vergleich zu Gleichaltrigen aus traditionellen Familien kaum Nachteile. Ist die Trennung der Eltern jedoch noch ganz frisch, belastet das die Kinder sehr. Nach zwei bis drei Jahren hat sich das Leben für viele aber wieder eingependelt. Schwierig bleibt es jedoch oft für Kinder, deren Eltern sich ohne Vorwarnung getrennt haben. Diejenigen, die gesehen haben, dass es Streit und einen Grund gab, können sich besser arrangieren. Was jedoch viele Trennungskinder mitnehmen: Sie lassen sich später öfter scheiden als Kinder aus intakten Ehen. Das hat auch die Life-Studie von Zürcher Forschern gezeigt.
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Neues Sorgerecht

Nach einer Scheidung soll die gemeinsame elterliche Sorge zum Regelfall werden.

Stimmt das Parlament zu, tritt das Gesetz frühestens 2013 in Kraft. Das Sorgerecht kann einem Elternteil nur vorenthalten werden, wenn dieser bestimmte Voraussetzungen nicht erfüllt, etwa wenn er unerfahren, krank oder gewalttätig ist. Wenn sich die Eltern über die Betreuung und den Unterhalt der Kinder nicht einigen können, setzt das Gericht eine Regelung fest. «Wie genau die Gerichtspraxis aussehen wird, ist noch unklar», sagt der Zürcher Rechtsanwalt Linus Cantieni. Heute müssen beide Eltern mit der gemeinsamen elterlichen Sorge einverstanden sein und dem Gericht eine Vereinbarung über Unterhalt und Betreuung vorlegen.

Publiziert am 05.02.2012




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