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Unkontrollierte Mikromimik zeigt, was man eigentlich verbergen möchte: die wahre seelische Verfassung
von Sabine Olff
Der Psychologe Cal Lightman kann mit blossem Auge einen Lügner entlarven. Gestik, Mimik und Körpersprache verraten ihm, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt. Lightman ist ein lebender Lügendetektor und die Hauptfigur in der US-Serie «Lie to me», die am Mittwoch auf Vox anläuft. Polizei und Regierungsbehörden ziehen den Psychologen und seine Mitstreiter immer dann zu Rate, wenn es um die Suche nach der Wahrheit geht.
Das klingt nach Sciencefiction. Ist es aber nicht. «Lie to me» beruht auf den Arbeiten des renommierten US-Psychologen Paul Ekman, 76, der wie kein Zweiter das Gesicht als Spiegelbild der menschlichen Seele studiert hat. Ekman steht den Serienmachern beratend zur Seite. Und er ist bei der Sicherheitsbehörde FBI wie beim Geheimdienst CIA ein gefragter Mann.
«Wenn sie herausfinden wollen, ob jemand lügt, müssen sie vor allem auf Diskrepanzen achten», sagt Ekman. Etwa ob die Worte eines Verdächtigen nicht zu seinem Gesichtsausdruck passen. Das Gesicht sei bei der Frage wahr oder unwahr wahrscheinlich die stärkste Quelle.
Seit den 60er-Jahren erforscht Ekman die menschliche Mimik. Er hat herausgefunden, dass es sieben Grundemotionen gibt, die überall auf der Welt erkannt werden: Freude, Zorn, Angst, Überraschung, Traurigkeit, Ekel und Verachtung.
Ekman und Kollegen haben eine Art Atlas der Gefühlsausdrücke erstellt: das «Facial Action Coding System» (FACS). Sie entdeckten im Gesicht 44 frei kombinierbare Bewegungseinheiten («action units», AU), die jeweils aus der Bewegung eines oder mehrerer Muskeln bestehen. Hinter «AU 4» steckt etwa das Runzeln der Stirn. Gut 10 000 Gesichtsausdrücke gibt es, 3000 davon haben einen emotionalen Sinn. Mit Hilfe von FACS kann man etwa ein wahres von einem falschen Lächeln unterscheiden.
Manchmal huschen Emotionen nur für einen Bruchteil einer Sekunde übers Gesicht. Mikromimik nennt das Ekman. «Sie entzieht sich der willkürlichen Kontrolle», sagt Willibald Ruch, Persönlichkeitspsychologe an der Universität Zürich. Die Mikromimik zeige, was man eigentlich nicht zeigen will: die wahre seelische Verfassung. «Ausreichend untersucht ist das aber noch nicht.»
Ekman entdeckte die Mikromimik erstmals in Filmsequenzen von Suizid-Gefährdeten. Für einen kurzen Moment zeigte sich ein Ausdruck von Verzweiflung in ihrem Gesicht, obwohl sie versicherten, sich nicht das Leben nehmen zu wollen. Und im Gesicht von Ex-Präsident Bill Clinton soll ein Hauch von Ärger aufgeflackert sein, als er die Affäre mit Monica Lewinsky vehement bestritt.
Ganz wenige Menschen erkennen die Mikromimik anscheinend intuitiv und merken, dass sie nicht zum sonstigen Verhalten passen. Der grosse Rest soll sich das Zeug zum Lügendetektor mit einem Training aneignen können. Ekman und Kollegen bieten CDs und Fortbildungskurse an, die derzeit vor allem von FBI- und CIA-Mitarbeitern, Antiterror-Einheiten, Polizisten und Wachleuten besucht werden.
Im Kampf gegen den Terror stehen neuerdings an einigen US-Flughäfen uniformierte Gesichterleser - ausgebildet von Ekman & Co. Sie sollen nach verräterischen Mienen Ausschau halten. Nach was genau, verrät Ekman nicht. Ähnlich geheimnisumwittert ist ein Projekt namens «Signale für einen unmittelbar bevorstehenden Angriff». Bei der Analyse von Attentäter-Mienen aus der ganzen Welt fiel Ekman auf, dass kurz vor der Tat eine ganz bestimmte Mimik durch ihr Gesicht huschte. Um Gewaltattacken zu vermeiden, soll künftig an Flughäfen und Schulen nach dieser Mimik gespäht werden.
Selbst in der Finanzwelt gibt es offenbar Bedarf für menschliche Lügendetektoren. So sollen bereits Hedgefonds-Manager zu Lügen-Analysten ausgebildet worden sein. Anhand von Mimik, Gestik und Sprache stellen sie die Glaubwürdigkeit von Firmenpräsentationen auf die Probe.
Auch in der Schweiz gibt es Seminare, die etwa Richtern und Polizisten helfen sollen, besser zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden zu können. «Die Mimik ist aber nur einer unter ganz vielen Punkten», sagt Revital Ludewig vom Kompetenzzentrum für Rechtspsychologie an der Universität St. Gallen. «Für uns ist viel wichtiger, was eine Person sagt.» So deutet eine karge Erzählung eher auf eine unwahre Aussage hin als eine detailreiche. Komme ein nervöses Lächeln an einer unpassenden Stelle dazu, sei das ein weiterer Hinweis für eine Lüge. «Mehr nicht.»
Dass Mimik, Sprache und Gesten nur auf eine Lüge hinweisen und sie niemals beweisen können, weiss auch Ekman. Schliesslich sieht die Angst, erwischt zu werden, gleich aus wie die Angst, unglaubwürdig zu sein.
Publiziert am 07.03.2010