Aus der aktuellen Ausgabe

«Ich hatte nie Kontakt mit Wauthiers Witwe»

Zurich-Präsident Tom de Swaan über die Folgen des Freitods des Finanzchefs

Von Arthur Rutishauser und  Martina Wacker

Zürich Seit Ende August hat die Zurich-Versicherung einen neuen Präsidenten, Tom de Swaan. Er folgte auf Josef Ackermann, der nach dem Freitod von Finanzchef Pierre Wauthier zurücktrat. Inzwischen hat sich die Zurich eine neue, weniger ehrgeizige Strategie gegeben, und die Untersuchungen der Finanzmarktaufsicht (Finma) zu den Hintergründen des Todesfalls sind abgeschlossen.

Sind Sie ein Übergangspräsident?

Nein, ich habe gemeinsam mit dem Verwaltungsrat entschieden, dass ich mich an der kommenden Generalversammlung zur Wahl zum Präsidenten stellen werde. Nun muss zwar nach Annahme der Minder-Initiative jeder Verwaltungsrat jedes Jahr wiedergewählt werden, aber ich möchte bleiben, wenn die Aktionäre das auch wollen.

Dass Ackermann unmittelbar nach dem Freitod Ihres Finanzchefs Pierre Wauthier sein Amt niederlegte, sorgte in der Öffentlichkeit für Kritik. War der Entscheid überstürzt?

Es liegt nicht an mir, das zu beurteilen. Den Entscheid abzutreten, hat allein Herr Ackermann getroffen. Weder ich noch der Verwaltungsrat haben ihn dazu gedrängt.

Aber können Sie seine Reaktion nachvollziehen?

Ja, denn ich kann mir vorstellen, dass es sehr schwer für jemanden sein muss, wenn ein Brief auftaucht, in dem steht, man trage Mitschuld am Freitod eines Menschen. Ihre Zeitung schrieb: «Gegen einen Toten kann man nur verlieren.»

Nach dem Freitod ordnete die eidgenössische Finma eine Untersuchung an. Können Sie mehr Details zu den Ergebnissen nennen?

Nein. Da die Finma die Untersuchung durchgeführt hat, unterliegen wir der Schweigepflicht. Ich kann Ihnen deshalb nicht mehr sagen, als dass die Finma zum Schluss kam, dass Wauthier keinem ungebührlichen oder unangemessenen Druck ausgesetzt war. Zudem wurde die Korrektheit der Halbjahreszahlen bekräftigt.

Durchgesickert ist, dass Ackermann die schlechte Performance und die Kommunikationspolitik der Zurich
kritisierte. Am Investorentag stellte sich heraus, dass Sie drei der fünf Ziele für 2013 nicht erfüllen konnten. Warum haben Sie das nicht früher gesagt?

Der tragische Tod von Pierre Wauthier passierte im Sommer. Damals konnten wir noch nicht genau sagen, wie sich das zweite Halbjahr entwickeln wird. Da es aber damals schon Anzeichen gab, dass wir einige unserer Dreijahresziele nicht erreichen würden, haben wir dies auch so kommuniziert.

Nur so, dass es keiner wirklich verstanden hat. Würden Sie das heute anders machen?

Nein, ich bin der Ansicht, dass wir das jeweils rechtzeitig deutlich gemacht haben. Auch die Analysten-Feedbacks, die ich erhalten habe, waren positiv. Kein Analyst, mit dem ich gesprochen habe, hat moniert, wir hätten unklar kommuniziert.

Dann haben Sie nicht mit denselben Analysten gesprochen wie wir. Offensichtlich erachten es auch die Aktionäre als Problem. Seit Jahresbeginn verlor die Aktie knapp ein Prozent, während der Markt 15 Prozent zulegte.

Es ist unbestritten, dass sich die Zurich-Aktie im laufenden Jahr nicht so gut entwickelte wie andere Versicherungsaktien. Diese profitieren von einem Aufholeffekt, da sie im Gegensatz zur Zurich während der Finanzkrise teilweise herbe Verluste einstecken mussten. Demgegenüber schrieb die Zurich während der gesamten Finanzkrise immer Gewinn.

Ackermann ist davon überzeugt, dass die Südeuropäer ihre Schulden nicht zurückzahlen können. Die Zurich besitzt aber jede Menge Staatsanleihen aus Südeuropa. Warum?

Teil unserer Anlagestrategie ist ein Gleichgewicht der Aktiva und Passiva: Zur Diversifizierung und zur Vermeidung von Währungsrisiken ist es vorteilhaft, wenn wir das Anlagevermögen geografisch ungefähr so investieren, wie wir Verpflichtungen gegenüber Kunden haben.

Ihre Anlagen in Staatsanleihen führen zu hohen Verlusten, die Sie einfach über das Eigenkapital abrechnen. Ist das nicht der Grund für die schwache Aktienkursentwicklung?

Nein, denn als Alternative käme nur ein vermehrtes Engagement in Aktien infrage. Das ist einfach viel risikoreicher, und das wollen wir nicht.

Gibt es überhaupt etwas, das Sie nach dem Freitod von Wauthier anders machen würden?

Nach allem, was wir jetzt wissen, gibt es nichts, nein. Wir werden wohl nie wissen, was tatsächlich zu diesem tragischen Ereignis geführt hat. Einen ungebührlichen Druck vom Präsidenten oder von sonst jemandem in unserer Firma gab es den Untersuchungen der Finma zufolge jedenfalls nicht.

Ein Finanzchef muss also einen ungeduldigen Präsidenten aushalten können?

Ja, das bringt ein Job in dieser Funktion mit sich. Ich weiss das, denn ich war selber jahrelang Finanzchef.

Sieht das Wauthiers Witwe inzwischen auch so?

Das weiss ich nicht.

Haben Sie sie gefragt?

Nein, ich selbst hatte nie Kontakt mit ihr.

Gilt das für die ganze Zurich?

Einige Konzernleitungsmitglieder stehen mit ihr in Kontakt.

Wie viele Leute befragte die Finma?

Mehr als ein Dutzend.

Die bisherigen Renditevorgaben wurden von der Zurich nach unten korrigiert. Bedeutet das auch, dass Verwaltungsrat und Management weniger verdienen?

Die Vergütung an den Verwaltungsrat wird gleich bleiben. Demgegenüber sieht die Vergütung an das Management auch variable Komponenten vor, weshalb die Löhne entsprechend tiefer ausfallen werden.

Wann werden Sie den neuen Finanzchef verkünden?

In Kürze.

Jüngst wurde die Zürcher Kantonalbank als systemrelevant eingestuft. Fürchten Sie, dass das Gleiche nun auch der Zurich widerfährt?

Im Rahmen der Too-big-to-fail-Diskussionen konnten wir dem Financial Stability Board, das jüngst eine Liste mit weltweit systemrelevanten Erstversicherern veröffentlichte, plausibel aufzeigen, dass es sich bei der Zurich um einen reinen Versicherer handelt. Wir haben uns in der Vergangenheit stark auf unser Kerngeschäft fokussiert.

Sieht die Finma das auch so?

Das müssen Sie die Finma fragen. Aus meiner Sicht darf aber ein Unternehmen wie die Zurich nicht alleine wegen der Grösse als systemrelevant eingestuft werden.

Publiziert am 15.12.2013




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