Der Wasa-Erbe und die illegale Film-Tauschbörse
Hollywood jagt in Rapperswil nach den Millionen von Carl Lundström, dem Ex-Financier der grössten Piraten-Site der Welt
Von Alexandre Haederli und Julian Schmidli
Rapperswil SG Ganz Hollywood meldet sich derzeit beim Konkursamt Rapperswil. Es geht um illegale Film-Piraterie und um den verschwundenen Schatz eines schwedischen Millionenerben, der seit 2008 praktisch unerkannt am Zürichsee lebt.
Die Rede ist von Carl Lundström, 53, Erben des schwedischen Knäckebrot-Konzerns Wasa und für vier Jahre Einwohner der Stadt am Oberen Zürichsee. Dort hat er jetzt Privatkonkurs angemeldet. «Das Verfahren sollte in den kommenden Wochen abgeschlossen werden», sagt Heiner Scheuble vom Konkursamt Rapperswil.
Vor allem Film-Produktionsfirmen haben sich als Gläubiger gemeldet. Hollywood will am Wahlschweizer ein Exempel statuieren - und Millionen einkassieren.
Lundström ist eine Figur wie aus einem Millennium-Thriller von Stieg Larsson: ein reicher Industrie-Erbe und Sponsor von rechtsextremen Gruppierungen, der an einem sonnigen Morgen im Februar 2009 plötzlich die Weltbühne betritt: als Angeklagter in einem Skandalprozess.
Internetverbindung und Server für The Pirate Bay
Damals bahnte sich Lundström den Weg durch die Journalisten vor den Pforten des Stockholmer Gerichts, die Baseballmütze tief ins Gesicht gezogen, den Blick auf den Boden gerichtet. Vor ihm stolzierten drei junge Schweden in abgetragenen Pullovern und inszenierten sich vor der Weltpresse als moderne Rebellen.
Es ist der Auftakt des Prozesses der Hollywood-Giganten gegen die Betreiber von The Pirate Bay, der grössten Internet-Tauschbörse der Welt. Lundström hatte über seine Firma Rix Telecom Internetverbindung und Server für die Tauschbörse zur Verfügung gestellt. «Ohne die Unterstützung von Lundström hätte Pirate Bay nicht starten können», sagte Co-Gründer Tobias Andersson später gegenüber dem schwedischen Fernsehen.
Lundström und die drei Piraten wurden zu vier bis zwölf Monaten Gefängnis und einer Busse von heute 11 Millionen Franken verurteilt. Die Zahl dürfte Lundström bekannt vorgekommen sein. Genau diese Summe erbte er 1982, im Alter von 22 Jahren, durch den Verkauf der von seinem Grossvater gegründeten Wasabröd-Gruppe an die Basler Firma Sandoz. Das Geld platzierte er damals in einer Schweizer Holding.
Lundström begann in den Achtzigern in Firmen zu investieren, vorerst ohne Erfolg. Bis «Knäckebrot-Kalle», wie er in den schwedischen Medien genannt wird, den richtigen Riecher zeigte und auf das Internet setzte. Ende der Neunziger gründete er Rix Telecom, einen Telefon- und Internetanbieter, den er später für rund fünf Millionen Franken verkaufte. Lundström investierte in der Folge in neue Technologien und traf 2004 an einem Hackertreffen den Schweden Fredrik Neij. Der junge Programmierer suchte Sponsoren, um eine Tauschbörse aufzubauen. «Die grösste Website der Welt» sollte es werden. Wenig später eroberte The Pirate Bay über Lundströms Server das Internet - und zog den Furor Hollywoods auf sich.
Es folgten Anklage und Prozess in Schweden. Noch vor der Urteilsverkündung im April 2009 setzten sich die Angeklagten Fredrik Neij und Gottfrid Svartholm nach Asien ab, der Dritte, Peter Sunde, folgte wenig später.
Carl Lundström verlegte seinen Wohnsitz schon im Frühling 2008 in die Schweiz, kurz nachdem der Staatsanwalt die Untersuchung im Fall Pirate Bay angekündigt hatte. Lundström war darauf bedacht, alle seine materiellen Besitztümer seiner Frau Bettina zu überschreiben. Das geerbte Familienanwesen in Göteborg überschrieb er im März 2009, nur wenige Wochen vor dem Schuldspruch.
Nach dem Urteil konnten die schwedischen Behörden nur die Vermögen auf Lundströms Bankkonten in Schweden beschlagnahmen. Sie fanden fast nichts vor. «Wir haben 233 000 schwedische Kronen rückgeführt», bestätigt Henrik Branstad, Sprecher der schwedischen Vollzugsbehörde, das sind knapp 34 000 Franken - bis heute das einzige Geld, das Hollywood von Pirate Bay erhalten hat.
In der Schweiz gründete Lundström eine neue Holding, die er ebenfalls seiner Frau überschrieb. Und er begann zu schreiben: Er veröffentlichte Hunderte von Kommentaren gegen eine liberale Einwanderungspolitik in einschlägigen schwedischen Onlineforen. Er kommentierte im anti-islamischen Blog «Politiskt Inkorrekt», das 2011 geschlossen wurde, und schreibt heute für das Onlinemagazin «Fria Tider».
Das Ausländer-Thema begleitet Lundström seit seiner Jugend. In einer Novembernacht 1986 wurde er von der Stockholmer Polizei verhaftet, nachdem er an der Seite von jungen Skinheads eine Gruppe Chilenen verprügelte. Der damals 26-jährige Lundström wurde auf Bewährung freigelassen.
Der Vorfall wurde 2005 erneut zum Thema, als das vom Journalisten und Krimiautor Stieg Larsson gegründete Magazin «Expo» über Verbindungen von Lundström zu rechtsextremen Organisationen berichtete. Er soll Mitglied der nationalistischen Bewegung Bevara Sverige Svenskt gewesen sein und politische Parteien wie die als ausländerfeindlich bezeichnete Framstegspartiet finanziert haben.
Im Fall Pirate Bay entschied sich Carl Lundström vergangenes Jahr, nach Schweden zurückzukehren, um seine Gefängnisstrafe von vier Monaten abzusitzen. Er tilgte damit seine Schuld gegenüber dem schwedischen Staat. Was offenbleibt, sind die Millionen, die er der Filmindustrie schuldet.
Begünstigter einer millionenschweren Stiftung
Dass Lundström nun Privatkonkurs angemeldet hat, mobilisiert die Anwälte Hollywoods. «Wir sind gut unterrichtet über die verschiedenen Etappen von Herrn Lundströms Parcours», sagt Sabine Henssler, Sprecherin der Motion Picture Association MPA, welche die Film-Firmen vertritt. Sie prüfen momentan alle Optionen, an das Geld zu kommen.
Ob sie etwas erhalten, hängt von den Einsprachen der Gläubiger und vom Konkursverwalter ab. Er hat die schwierige Aufgabe, zu prüfen, ob der Konkurs berechtigt ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass Lundström Geld vor den Behörden zu verstecken versucht.
Ausgerechnet der Financier des freien Datenverkehrs wurde 2008 selber Opfer eines Datendiebes. Ein Informatiker der liechtensteinischen LGT-Bank verkaufte deutschen Steuerfahndern eine CD mit Kunden-Daten. Darunter: Lundström, als Begünstigter der millionenschweren Stiftung «Tilbert.
Johan Lundberg von den schwedischen Steuerbehörden bestätigt: «Wir haben von Herrn Lundström rund 700 000 Kronen an zusätzlichen Steuern für die Jahre 2004 bis 2007 verlangt.» Ob die Tilbert-Stiftung heute noch existiert, kann Lundberg nicht sagen. Keine Kenntnisse davon hat auch das Konkursamt Rapperswil.
Inzwischen zog Lundström mit seiner Familie vom Zürichseeufer nach Wetzikon und wohnt heute in einem dreistöckigen Haus. Daneben steht ein metallic-schwarzer Cadillac, registriert auf seine Frau.
Telefonisch auf seinen Werdegang angesprochen, will sich Lundström nicht äussern. «Ich helfe keinem marxistischen Diffamierungsorgan bei der Arbeit», lässt er per Mail verlauten. Gegenüber dem Onlinemagazin «Fria Tider» erklärte er, er bereue das Abenteuer von The Pirate Bay nicht. Jetzt wolle er neu anfangen: «Ich interessiere mich für Devisenhandel.»
Publiziert am 09.06.2013
