Aus der aktuellen Ausgabe

«Ich wünsche mir keine deutschen Verhältnisse im Detailhandel»

Berninghaus, 47:

«Wir haben ein Gesuch um Aufhebung der Wettbewerbsauflagen eingereicht»

Foto: Saskja Rosset


Ernst Dieter Berninghaus von der Migros-Generaldirektion über Denner, Preiskampf und Jobabbau bei Ex Libris

von Nicole Kircher und Martin Spieler

Zürich Ernst Dieter Berninghaus ist Mitglied der Migros-Generaldirektion und verantwortet den Bereich Handel, zu dem 12 Firmen, darunter Denner, Globus, Migrolino, Interio, Depot und Ex Libris, gehören. Zum Interview erscheint er in aufgeräumter Stimmung und in einem Hemd, auf dem dezent die Initialen seines Namens eingestickt sind: E.D.B.

Die Migros übernimmt das Handelsgeschäft der deutschen Tegut: Was verspricht sich die Migros davon?

Dafür sind die Kollegen von Migros Zürich zuständig.

Kann die Migros Zürich einen solchen Entscheid ohne Einbezug des MGB fällen?

Ja, jede regionale Genossenschaft hat ihre eigenen Gremien, die über solche Akquisitionen befinden können.

Als die Migros vor fünf Jahren Denner kaufte, gab es Auflagen der Wettbewerbskommission (Weko). Diese werden nun hinfällig, weil Aldi und Lidl zusammen 250 Filialen betreiben.

Es stimmt, wir haben bei der Weko ein Gesuch um die Aufhebung dieser Auflagen eingereicht. Aber Denner wird weiterhin seinen eigenen Weg gehen. Die Entwicklung in den letzten fünf Jahren hat gezeigt, dass das Unternehmen hervorragend alleine überlebensfähig ist. Wir gewinnen Marktanteile und haben mehr Kunden in den Läden.

Legt Denner beim Umsatz zu?

Flächen- und preisbereinigt stieg der Umsatz in den ersten 9 Monaten dieses Jahres um 2,5 Prozent. Wir werden Ende Jahr auf jeden Fall ein schönes Umsatzplus ausweisen können.

Wird Denner vermehrt gemeinsam mit der Migros einkaufen?

Wir machen das schon heute und werden es sicher noch stärker tun. Aber der Erfolg liegt nicht in der gemeinsamen Beschaffung mit der Migros, sondern indem wir die richtigen Produkte zum richtigen Preis verkaufen und unsere internen Prozesse laufend optimieren.

Sie klagen über Hersteller von Markenartikeln, die zu hohe Preise verlangen. Zusammen mit der Migros haben Sie mehr Gewicht bei Verhandlungen.

Das kann uns im Einzelfall sicher helfen. Es sind aber vor allem ein paar grosse Markenartikler, die über Gebühr kassieren. Namen werde ich keine nennen. Bei denen versuchen wir natürlich, das Beste rauszuholen.

Werden die Preise bei Denner weiter sinken?

Ja. Zwar steigen in einigen Bereichen die Rohstoffpreise, aber der Wettbewerb ist hart. Alle Konkurrenten expandieren und testen neue Formate.

Wie stark expandieren Sie?

Dieses Jahr werden wir 26 neue Denner eröffnen. Wir wollen auch die nächsten Jahre circa 30 neue Standorte pro Jahr zusätzlich betreiben.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Konzept Denner-Express?

Wir haben 9 Läden, die sehr gut laufen. Wir werden auch damit weiter expandieren.

Um Denner ist es in den letzten Monaten etwas ruhig geworden - das ist schlecht für einen Discounter.

Die Frage ist nicht, wie viel man kommuniziert, sondern was man kommuniziert. Sie können sicher sein, dass Denner weiterhin für die Kunden kämpfen wird.

Wo?

Ein Beispiel ist der Kaffee. Wir haben als Erste Kopien von Nespresso-Kapseln verkauft. Dass es inzwischen alle anderen Händler auch tun, zeigt, dass es eine gute Idee war.

Wie zufrieden sind Sie mit der Warenhauskette Globus?

Wir sind gut auf Kurs, konzeptionell und wirtschaftlich. Letztes Jahr gab es bei den Kunden eine Art Verweigerungshaltung, und Globus wurde da quasi in Sippenhaft genommen. Dieses Jahr gewinnen wir Marktanteile, die Umsätze liegen auf Vorjahresniveau. In grenznahen Gebieten lancieren wir zusätzliche Aktionsangebote. Dennoch wird auch langfristig ein Preisgefälle der Schweiz zum Ausland bleiben. In Kategorien wie bei den Markentextilien ärgere ich mich auch persönlich über die hohen Preisdifferenzen.

... da hätten Sie mit einer Übernahme von Charles Vögele Gelegenheit, um gegenzusteuern.

Unsere Beteiligung an Vögele ist eine Finanzanlage.

Aber das glaubt niemand.

Es ist aber so. Operativ ist kein Vertreter der Migros bei Charles Vögele involviert.

Sie haben bei Globus den Effekt des Einkaufstourismus angesprochen. Steigt das Volumen immer noch an?

Der Einkaufstourismus war wie ein Mini-Tsunami, der uns im letzten Jahr überrollte. Wir lernen, damit umzugehen. Ich glaube, dass die Talsohle nun durchschritten ist. Aber die Lage bleibt angespannt.

Wie gehen Sie denn damit um? Indem Sie Kosten sparen?

Natürlich geht es auch ums Kostensparen. Aber in vielen Bereichen nehmen wir geringere Erträge in Kauf. Aber lassen Sie mich noch eines betonen, und zwar als jemanden, der sowohl die deutsche Seite des Handels wie auch die schweizerische kennt: Ich wünsche mir hier ganz sicher keine deutschen Verhältnisse. Die Hälfte aller Beschäftigten im deutschen Detailhandel sind Mini-Jobber oder haben Stundenlöhne von unter 9 Euro. Das ist der Preis der dortigen Discountkultur.

In Ihren Verantwortungsbereich fällt auch das Möbelhaus Interio, das Umsatz verloren hat. Wie läuft es aktuell?

Wieder besser. Interio hat sich in den letzten Jahren nicht mehr neu erfunden. Wenn aber keine Veränderung stattfindet, ist man irgendwann tot. Genau das ist passiert. Wir kamen von einem sehr hohen Ertragsniveau und haben die Entwicklung deshalb lange nicht ernst genommen. Als es dann die Möglichkeit gab, mit dem Boutique-Spezialisten Depot zusammenzuarbeiten, haben wir entschieden, diese beiden Konzepte zu mixen.

Was ein Fehler war.

Ganz klar. Wir haben gegen eine grundlegende Regel verstossen, die da heisst: ein Management, ein Konzept. Wir aber wollten das Beste aus beiden Welten mischen. Am Ende haben wir zwei völlig unterschiedliche Systeme übereinanderlegen müssen. Das Mass an Komplexität, das wir zusätzlich geschaffen hatten, hat alle positiven Effekte weggespült.

Die Migros hat im Sommer den Onlinehändler Digitec gekauft. Sie sind für Ex Libris zuständig. Gibt es da Synergien?

Ex Libris hat Probleme in diesem extrem harten Marktumfeld, auch da gibt es nichts schönzureden. Und natürlich werden die beiden Ketten zusammenarbeiten.

Schliesst Ex Libris Filialen?

Innerhalb der nächsten 18 Monate verschwinden zwischen 20 und 30 Standorte. Bereits heute setzen wir bei Ex Libris 30 Prozent des Umsatzes online um.

Fallen Stellen weg?

Vereinzelt ja. Es sind sehr kleine Filialen, von dem her ist es nicht die grosse Zahl, die betroffen ist.

Digitec ist bei Migros-Chef Herbert Bolliger angegliedert, Ex Libris und Le Shop bei Ihnen. Macht das Sinn?

Digitec bietet für die ganze Gruppe mittelfristig so viele Ansätze für eine Zusammenarbeit, dass es sinnvoll ist, das Ganze beim CEO anzusiedeln. Im Online arbeite ich ohnehin hautnah mit Herbert Bolliger zusammen, denn der Onlinebereich ist eines der wichtigsten strategischen Themen für die Migros in den nächsten Jahren. Wir müssen die Konsumenten künftig nicht nur in unseren Läden abholen, sondern sie auch online begleiten. Nur wer dieses Zusammenspiel beherrscht, wird in zehn Jahren erfolgreich sein.

Hat die Migros die richtige Struktur dazu?

Das werde ich oft gefragt (lacht). Aber die Fakten sprechen für sich: Wir haben in der Migros den genossenschaftlichen Detailhandel, wir haben eine Industrie, und wir haben zentral geführte Unternehmen. Das alles zu führen, ist nicht einfach, aber uns gelingt es doch recht gut, übrigens auch im europäischen Vergleich. Wir haben es zudem geschafft, Akquisitionen wie Globus, Denner oder jetzt auch Digitec zu integrieren. Wer kann das schon?

Also ist alles in Butter?

Natürlich muss sich jede Struktur weiterentwickeln, aber für die Migros sind keine radikalen Schritte nötig.

Welche Ambitionen bei der Migros haben Sie persönlich?

Ich habe einen der besten Jobs im Schweizer Detailhandel. Das, was ich unternehmerisch tue, macht mir wirklich Spass. Folglich ist es müssig, über eine Veränderung zu diskutieren.

Publiziert am 14.10.2012




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