Aus der aktuellen Ausgabe

Schützenhilfe für die SNB


Ex-Nationalbankdirektor Blattner sieht Draghi-Plan als Durchbruch in Eurokrise - Exporteure skeptisch

von Guido Schätti

Zürich Am Freitag, Punkt 9 Uhr, war es so weit: Erstmals seit dem 15. März stieg der Euro über 1.21 Franken. Erstmals seit Mai konnte die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Notenpresse ruhen lassen. Die 25 «stillen Helden» von SNB-Präsident Thomas Jordan, die seit einem Jahr jedem Anleger Euro für 1.20 Franken abnehmen, konnten für einige Stunden die Beine hochlegen.

Ist das nur eine Verschnaufpause oder die Wende zum Besseren in der Eurokrise? Niklaus Blattner, Ex-Direktoriumsmitglied der SNB, sieht einen Durchbruch: «Nach der Ankündigung von EZB-Direktor Mario Draghi kann kein Zweifel mehr bestehen, dass der Euro fortbestehen und Griechenland in der Währungsunion bleiben wird.»

Draghi, Direktor der Europäischen Zentralbank (EZB), hatte am Donnerstag endlich die «Big Bazooka» gezückt, die Superwaffe gegen die galoppierenden Zinsen auf Anleihen von Europas Krisenstaaten. Die EZB will die Schulden der Sorgenkinder kaufen - in unbegrenzter Höhe und so lange, bis der letzte Spekulant die Waffen streckt.

Scharf schiessen darf Draghi zwar nur, wenn ihm die EU-Kommission grünes Licht gibt und die Krisenländer die Sparvorgaben befolgen, doch die Ankündigung hat gewirkt. Der Euro stieg auch zum Dollar. Und die Aktienmärkte schossen in die Höhe.

Für die Schweiz bedeutet dies: Sie fungiert nicht länger als Zufluchtsort für alle, die ihr Geld aus Angst vor einem Euro-Kollaps in Sicherheit bringen wollen. «Der Druck auf den Franken nimmt ab», sagt Jan Poser, Chefökonom der Bank Sarasin.

Blattner rechnet damit, dass sich der Euro-Franken-Kurs in nächster Zeit von der Untergrenze von 1.20 lösen und sich in Richtung Kaufkraftparität bewegt, die bei 1.30 Franken liegt.

Gebremst wird die Entwicklung allerdings durch Inflationsängste. Wenn Draghi zur Kanone greift, wird die Inflation im Euroraum steigen, während die Schweiz den Pfad der Preisstabilität kaum verlassen wird. «Der inflationsbedingte Aufwertungsdruck auf den Franken bleibt also bestehen», sagt Blattner. Im Unterschied zu den Panikkäufen sei dies aber ein lösbares Problem für die Schweizer Wirtschaft.

Nationalbank könnte bald Milliardenernte einfahren

Die SNB - und mit ihr Bund und Kantone - könnten bald die Korken knallen lassen. Bei einem Kurs von 1.28 Franken würde die Notenbank auf ihren Euro-Anlagen von geschätzten 240 Milliarden Franken einen Gewinn von gegen 20 Milliarden einfahren. Die Diskussion um fehlendes Eigenkapital wäre passé.

Skeptisch sind Ökonomen und Exporteure. «Wir sollten abwarten, wie das deutsche Bundesverfassungsgericht am kommenden Mittwoch über den Eurorettungsschirm entscheiden wird», sagt Nick Hayek, Chef des Uhrenkonzerns Swatch. Wenn die Verfassungshüter den mit 700 Milliarden Euro bestückten Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) für illegal erklären, ginge das Chaos von Neuem los - und die SNB müsste wieder in den Krisenmodus schalten.

Auch Hans Hess, Präsident des Industrieverbands Swissmem, ist nicht überzeugt, dass die Entspannung von Dauer ist. Die SNB müsse die Untergrenze deshalb vorläufig auch dann beibehalten, wenn sich der Franken deutlich abschwächen sollte. «Als Sicherheitsnetz brauchen wir den garantierten Mindestkurs», so Hess. Ein Anheben der Untergrenze ist für ihn kein Thema: «Bei 1.25 oder 1.30 müsste die SNB schon beim ersten kleinen Sturm enorme Beträge investieren, um die neue Marke zu verteidigen.»

Blattner sieht die SNB ebenfalls nicht unter Druck, eine sofortige Exit-Strategie einzuleiten. Sollte die EZB ihre Politik aber wie geplant umsetzen können, komme die Zeit für eine Strategieänderung: «Die Untergrenze sollte nicht länger in Kraft sein als nötig», sagt er. «Schliesslich kann die SNB ihre Geldpolitik erst dann wieder autonom führen, wenn sie auf ein Wechselkursziel verzichtet.»

Bis es so weit ist, dürfte es noch dauern. Die fundamentalen Probleme der Eurozone seien nicht gelöst, sagt Daniel Kalt, Chefökonom von UBS Schweiz. «Das süsse Gift der Geldspritze ist nur eine vorübergehende Betäubung.» Das Aufwachen danach werde umso härter. «Wir halten es für wahrscheinlich, dass Griechenland nächstes Jahr aus der Eurozone ausscheiden wird», sagt Kalt.

Publiziert am 09.09.2012




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