Borers Wunderpulver
Wie Ex-Botschafter Thomas Borer Produktfälschern das Handwerk legen will
VON ALICE CHALUPNY
TÄGERWILEN TG Wie schlägt sich eigentlich Thomas Borer, der Unternehmer? Gut zwei Jahre ist es her, seit der umtriebige Ex-Botschafter das Verwaltungsratspräsidium eines Start-ups übernommen hat, das mit seinem Sicherheitssystem Produktpiraten das Handwerk legen will.
Die Firma mit dem etwas sperrigen Namen Swiss Authentication Research and Development AG - kurz Sard - hatte hohe Erwartungen geschürt: Der ehemalige CEO Kurt Weber verkündete im Mai 2010, man werde bis Ende 2011 «mindestens 100 Millionen Franken Umsatz» erzielen. Schon im Herbst war Schluss mit der Fantasterei: Weber trat zurück, Borer übernahm auch noch den CEO-Posten, weil das Start-up zu viel Geld verbrannte, als dass es sich einen operativen Chef hätte leisten können. Noch hat Sard die Gewinnschwelle nicht erreicht. Aber: «Trotz sehr hoher Entwicklungskosten gehen wir davon aus, im nächsten Jahr die ersten schwarzen Zahlen zu schreiben», sagt Borer.
Sard hat eine chemische Substanz entwickelt und patentieren lassen. Der Code in Pulverform wird als Markierung auf einem Produkt aufgetragen. Identifizieren lassen sich die in der Substanz programmierten Informationen in Form von Text, Zahlen oder Bildern mit einem lasergestützten Detektor, der die Echtheit einer Ware innert Sekunden anzeigt. Den Detektor gibts in der Grösse eines iPads (nur dicker und schwerer) oder eines Handys.
Die ersten Kunden lassen sich sehen: ein international tätiger Schmuckhersteller, ein Produzent von Schienenfahrzeugen und der Sackmesserhersteller Wenger, der heute zum Victorinox-Konzern gehört und als bisher einziges Unternehmen namentlich genannt werden darf.
Neue Kredibilität dank Kooperation mit der Empa
Nach dem 100-Millionen-Märchen ist Borer nun darauf bedacht, das Image des Start-ups auf neue Füsse zu stellen. Markant an Kredibilität legte es zu, als sich Sard Ende Mai 2012 Forschungs- und Entwicklungshilfe bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa holte. Nanoforscher Hans J. Hug, Professor am Departement für Physik der Universität Basel sowie Abteilungsleiter bei der Empa, ist begeistert von der Technologie. «So etwas habe ich noch nie gesehen», sagt er und bescheinigt dem Produkt «auf jeden Fall» Zukunftspotenzial.
Das Fälschen von gewinnbringenden Produkten hat in den vergangenen Jahren neue Dimensionen erreicht. Den Löwenanteil der gefälschten Produkte machen nach wie vor Kleider, Schuhe, Taschen, Accessoires, Uhren und Schmuck aus. Gemäss Eidgenössischer Zollverwaltung gehören
neun von zehn beschlagnahmten Sendungen zu dieser Gruppe.
Mittlerweile hat sich das Feld auf komplexe Produkte ausgedehnt. In der Industrie etwa tauchen immer häufiger gefälschte Zuliefererteile auf. Hier sind es vor allem kostspielige Verschleissteile. Die Kopien landen in Flugzeugen, Autos oder Produktionsanlagen. Kommt es zu Zwischenfällen, stehen rasch millionenschwere Schadenersatzforderungen im Raum. Für die Komponentenhersteller ist es daher überlebenswichtig, im Streitfall Original von Fälschung unterscheiden zu können.
Etiketten, Strichcodes oder Funkchips können allerdings nur begrenzt eingesetzt werden. Manche Teile kommen unter grosser Hitze oder hohen Druckverhältnissen zum Einsatz. Mit der Empa arbeitet Sard nun an neuen Trägersubstanzen, die widerstandsfähig genug für spezielle industrielle Anwendungen sind. Parallel laufen Versuche mit Testprodukten.
Borers Wunderpulver ist bei weitem nicht die einzige Sicherheitslösung. Hersteller - von Kleinstfirmen bis zum Industrieriesen Bayer - buhlen auf dem rasch wachsenden Industriezweig um Kunden aus allen Branchen.
Experten schätzen das Marktvolumen auf einen zweistelligen Milliarden-Franken-Betrag. Im Angebot sind Wasserzeichen, Barcodes, Funkchips, Hologramme, Biomarker oder mit speziellen Drucktinten aufgebrachte Muster. Vor Fälschungen gefeit ist heute niemand mehr, nachgeahmt wird alles: Medikamente, Handys, Edelparfüms, Golfschläger, Tickets für Grossevents, Autobahnvignetten, Waffenkomponenten, Modellautos, sogar Bordeaux-Weine - seit China zum weltweit grössten Abnehmer wurde, boomen Kopien renommierter Marken wie Château Lafite.
Das Beratungsunternehmen Frontier Economics erwartet bis 2015 ein Handelsvolumen mit Raubkopien von gegen 1000 Milliarden Dollar. Das entspräche einem Anteil am heutigen Welthandel von 5,5 Prozent.
An der Spitze der Absenderländer von gefälschten Produkten, die in die Schweiz gelangen und abgefangen werden, stehen gemäss der Eidgenössischen Zollverwaltung China/Hongkong (88 Prozent), gefolgt von der EU, Thailand und der Türkei.xsil.com
Publiziert am 19.08.2012



