Aus der aktuellen Ausgabe

«Der Druck auf den Franken steigt»

Swissmem-Präsident Hans Hess über die Eurokrise, die Frankenstärke und den Atomausstieg

Von Guido Schätti

Zürich Die Erholung war nur ein Strohfeuer: Die Angst ist zurück an den Märkten und in der Realwirtschaft. Die Börsen taumeln, konjunkturelle Frühwarnindikatoren zeigen nach unten. Unter der Malaise leidet auch die Schweizer Wirtschaft, sagt Hans Hess, Präsident des Industrieverbandes Swissmem.

Nach den Wahlen in Frankreich und Griechenland ist die Schuldenkrise in Europa wieder aufgeflammt. Welche Folgen hat dies für die Schweiz?

Die Risiken sind zweifellos gewachsen. Wegen der Entwicklung in Frankreich fürchten mehr Europäer um ihr Vermögen und suchen Sicherheit. Mit ihrer Stabilität ist die Schweiz dafür noch immer eine bevorzugte Adresse. Das verschärft den Aufwertungsdruck auf den Franken.

Fürchten Sie, dass die Wechselkurs-Untergrenze von 1.20 Franken fällt?

Nein, ich bin überzeugt, dass die Nationalbank alles daran setzen wird, die Marke von 1.20 Franken zu halten und dass ihr dies auch gelingt. Wir fordern zudem, dass die SNB mit taktischen und kommunikativen Massnahmen dafür sorgt, dass sich der Franken weiter abschwächt.

Ihre Forderung nach einer Anhebung der Untergrenze haben Sie aber aufgegeben?

Ich habe stets eine Abschwächung des Franken gefordert, jedoch nie eine Anhebung der Untergrenze über 1.20 hinaus. Die Risiken wären schlicht zu gross. Wenn die SNB die Marke von 1.30 nicht halten könnte, verlöre sie die Glaubwürdigkeit, was auch die heutige Untergrenze gefährden würde. Das wäre fatal für die Exportwirtschaft.

Die konjunkturellen Vorlaufindikatoren haben sich verschlechtert. Steuern wir auf eine Rezession zu?

Die Situation hat sich in den letzten Monaten tatsächlich wieder etwas eingetrübt. Anfang Jahr rechnete noch die Hälfte der Firmen in der Maschinen-, Energie- und Metallindustrie mit einer positiven Umsatzentwicklung, heute ist es nur noch ein Drittel. Die Unsicherheit in Europa überträgt sich auf die Schweizer Unternehmen. Einen dramatischen Einbruch stelle ich aber nicht fest. Deshalb rechne ich nicht mit einer schweren Rezession.

Wo ist die Situation am schwierigsten?

Es gibt in der MEM-Industrie sehr grosse Unterschiede. Im Bereich Werkzeugmaschinen ist die Situation zum Teil sehr schlecht, auch Firmen im Energiebereich haben es zunehmend schwieriger. Ansonsten ist die Entwicklung aber gegenüber 2011 mehr oder weniger ausgeglichen, der überbewertete Franken drückt allerdings weiter auf die Margen. Ich fürchte, dass die Stagnation noch einige Jahre anhalten könnte.

Wie reagieren die Firmen?

Sie ziehen alle Register, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie treiben Innovationen voran, kaufen günstiger ein, verbessern die Effizienz und erhöhen die Automatisierung. Viele greifen auch zu Verlagerungen von Teilbereichen in Länder mit tieferen Lohnkosten.

Führt das zu einer Deindustrialisierung?

Nein, zum Grossteil wird die Industrie in der Schweiz bleiben. Solange die SNB die Wechselkursuntergrenze halten kann, hat sie eine Existenzgrundlage. Aber auch die übrigen Rahmenbedingungen müssen stimmen. Wir sollten uns nicht selber schwächen.

Woran denken Sie?

Beispielsweise an die Energiepolitik. Wenn die Strompreise für die Industrie in der Schweiz verdoppelt würden, um den Atomausstieg umzusetzen und die anderen Länder ihre Strompreise nicht in gleichem Ausmass erhöhen, würde der Werkplatz Schweiz mutwillig gefährdet.

Auch die Befürworter des Atomausstiegs wollen Sondertarife für besonders energieintensive Branchen.

Das reicht nicht. Weil die Personalkosten so hoch sind, ist die Schweizer Industrie heute zu einem hohen Grad automatisiert. Eine Verdoppelung der Strompreise hätte für die Hälfte der Firmen Margeneinbussen von mehr als 2 Prozent zur Folge. Bei 15 Prozent der Firmen würden die Margen um mehr als 5 Prozent sinken. Dies würde viele Arbeitsplätze ins Ausland treiben.

Publiziert am 13.05.2012




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