Genusstipp

von Karin Oehmigen

 

Beitrag vom 22.04.2012

Sprechen Sie kulinarisch?

Fast so schön wie essen ist das Reden übers Essen.

Menschen, die mit leuchtenden Augen von einem in Butter gebratenen Egli schwärmen, nachdem sie drei Stunden lang lustvoll einen Sechsgänger verdrückt haben, sind mir die liebsten Tischpartner.

Über Essen reden ist auch die beste Werbung. Lebens- mitttelhändler könnten ihren Umsatz verdoppeln, wenn sie mit ihren Kunden mehr über Produkte und deren Zubereitung parlieren würden. Als ich neulich auf dem Markt am Zürcher Bürkliplatz meinen Morgen- kaffee trank, hörte ich eine Ode auf eine Dörraprikose, die so verkaufsfördernd war, dass ich selbst im Frühling, wenn die Lust auf Frisches weit grösser ist als die auf Gedörrtes, nicht widerstehen konnte.

Es war am Stand beim Kiosk, jenem kleinen Kraftort für Leib und Seele. Walter Stäger und seine Frau Regula verkaufen in direkter Nachbarschaft frische Pilze und Wildlachs aus Alaska. Gedörrte Aprikosen hatte ich bei ihnen noch nie gesehen. Es sei eine Spezialität seiner Frau, hörte ich Walter Stäger einem Kunden erklären, die Aprikosen mit Frischkäse zu füllen und mit Chili zu würzen, was ein überraschender Gaumenkitzel sei: Die Ouvertüre sei süss, das Finale von einer raffinierten Schärfe. «Probieren Sie doch mal eine.» Ich war zwar nicht gemeint, doch mein waidwunder Blick auf den kauenden Kunden erbarmte Herrn Stägers Herz. Er liess mich ebenfalls kosten, und bevor das süss-scharfe Früchtchen in meinem Magen war, hatte ich die ganze Schachtel gekauft. Genau genommen zwei, denn neben den Aprikosen lag eine weitere Spezialität des Hauses: kleine Röllchen aus Wildlachs, auch sie mit Frischkäse gefüllt, aber diesmal mit Meerrettich geschärft.

Je zwei dieser Röllchen serviere ich heute als AmuseBouche, dazu einen Löffel Erdbeersalat, ebenfalls ein Tipp von Walter Stäger. Die ersten, noch nicht so süssen und reifen Früchte wären dafür perfekt, hatte er mir erklärt.

Gemacht ist der Salat im Nu: Erdbeeren in kleine Stücke schneiden, mit Pfeffer, Fleur de Sel, ein paar Tropfen Aceto balsamico und Olivenöl aromatisieren. Fertig. Eine Dame, die ich beim Erdbeerenkaufen am Früchtestand traf, empfahl mir, den Salat auch einmal mit Kürbiskernen und Kürbiskernöl zu aromatisieren. Die Händlerin wiederum kannte ein Rezept mit Spitzen von grünem Spargel. Auf die heimische Spargelernte müssen wir im Moment zwar verzichten. Der kalte April hat das Wachstum gestoppt. Doch Appetit anreden kann man sich ja schon mal.

Publiziert am 22.04.2012
von: sonntagszeitung.ch





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