Aus der aktuellen Ausgabe

Das dritte Kind ist die Krönung

Illustration: Birgit Lang


Kein anderer Spross wertet den Status der Eltern stärker auf

von Martina Bortolani

Es waren vier Paare, zwei mit Kindern, zwei waren kinderlos. Sie sassen bei einem Nachtessen in einem schicken Ferienhaus im Unterengadin. Das Gastgeberpaar sprach von seiner «reizenden» Nanny und den Kindern, die im Nebenzimmer schliefen. Dann sagte der Vater, und nicht zufällig war es der Mann: «Bald sind wir komplett!» Er schaute zu seiner Frau, legte stolz die Hand auf ihren Bauch und strahlte das siegessichere Lächeln des kaufmännisch Erfolgreichen. Alle schauten ehrfürchtig. Drei Kinder! In der heutigen Zeit!

Kein Kind erregt mehr Aufmerksamkeit bei der Ankündigung wie das dritte. Und keines demonstriert gesellschaftlich deutlicher: «Wir können es uns leisten!» Während ein Kind aufzuziehen ein Phänomen bei Spätgebärenden und Akademikern ist und zwei Kinder dem Durchschnitt entsprechen, gelten drei als beeindruckender Pluralismus - grösseres Auto, geräumigere Wohnung, intensivere Betreuung.

Auch wenn es noch gewagt ist, bereits von einem Abklingen der Individualisierungswelle auszugehen, zeichnet sich nach der starken Selbstverwirklichung in den Neunzigerjahren doch ein Gegentrend ab. Es seien die «traditionellen Familienwerte», die für das persönliche Glück entscheidend seien, sagt François Höpfliger, Soziologieprofessor an der Uni Zürich. «Geborgenheit finden die Menschen in der häuslichen Gemeinschaft.»

Urbane Doppelverdiener sorgen für den Geburtenüberschuss

Spannend ist: Die Städte sind wie- der attraktives Epizentrum moderner Mehrkindfamilien. Und so sind es nicht die Bauernfamilien auf dem Land oder die Ausländer, sondern immer öfter die urbanen Schweizer Doppelverdiener, die sich drei (oder mehr) Kinder leisten. Sie sind es, die aktuell für
den Geburtenüberschuss von 1,48 Kinder sorgen. 2011 gab es gesamtschweizerisch 1,52 Kinder pro Frau. In der Stadt Zürich ist der Wandel am auffälligsten. 4274 Kinder leben aktuell in Dreikindfamilien, das sind 359 mehr als vor zehn Jahren. Nicht ersichtlich ist aus den Zahlen allerdings, ob es sich dabei um Patchworkfamilien handelt.

Doch die Vermutung, dass «die Drei die neue Zwei ist», wurde in Amerika schon vor ein paar Jahren ausgerufen. Das dritte Kind sei in den US-Städten der verlässlichste Indikator für Reichtum und Optimismus. Es seien auch dort vor allem die Gutsituierten und überdurchschnittlich Gebildeten in den Grossstädten, die ein drittes Kind haben. Der «New York Observer» erklärte das dritte Kind sogar «zum Statussymbol der Dekade». «Es verschafft Ihnen auf der Park Avenue mehr Respekt als eine Flotte blitzender Bentleys.»

Zwischen 1995 und 2005 stiegen die Familien der Drittkinder in den USA um sieben Prozent. Prominente Role Models wie Gwen Stefani, Rheese Whiterspoon oder die Beckhams wirken mit ihren Kinderscharen sicher unterstützend in Bezug auf die Fruchtbarkeit der Normalsterblichen.

Mehrere Kinder erfüllen die Sehnsucht nach einer Dynastie

Mehrere Kinder zu haben, dient aber nicht nur der Befriedigung des persönlichen Wohlstands, sondern erfüllt die fast schon «kennedyeske» Sehnsucht nach einer eigenen Dynastie. In der Schweiz sind es zwar nicht die Johns und Roberts, die im gleichen Debardeur mit den englischen Settern im Garten spielen. Aber wenn Fiona Hefti, die Vertreterin der neuen Upperclass im Grossraum Zürich und verheiratet mit einem Milliardär, ihre dritte Schwangerschaft verkündet, dann ist diese straff geplante Familienplanung (sie haben zwei Kleinkinder) auch eine Statusdemonstration. Die Fernsehmoderatorin Anna Maier erwartet im Frühling ihr drittes Kind und das zweite mit ihrem Mann und Piloten Urs Bruggisser. «Wir wollen nicht wissen, was es wird, beides ist willkommen», sagt Maier. Zusammen mit Bruggissers zwei Kindern aus erster Ehe sind sie im Mai zu siebt - die Brangelinas aus Zürich.

«Das dritte ist der Übergang von Manndeckung zu Raumdeckung», sagt Oliver, 40, Mehrfachvater aus Basel. «Es ändert alles: Haus statt Wohnung, Van statt Kombi, neue Kita», sagt er. Er lebt mit seiner Frau, die als Gymnasiallehrerin zu 90 Prozent arbeitet, in Basel. Die Kinder - mittlerweile vier an der Zahl - sind zwischen 0 und 10, betreut werden sie von «1,5 Nannys und einem Kitaplatz». Er sagt: «Wir investieren bewusst viel Geld in die Betreuung.»

Typisch für die neue Generation Mehrkindeltern ist nämlich, dass sie sehr bewusst versuchen, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen. Madeleine, 39, dreifache Mutter aus Lausanne, arbeitet ebenfalls halbtags als Rechtsanwältin und sagt, ihr drittes sei ein «absolutes Herzenskind». Sie habe ihren Mann zwar «verhältnismässig lange» überzeugen müssen, aber keines der Kinder habe sie «so bewusst gewollt». Ihr Mann ist selbstständiger Architekt, die Kids gehen in die Krippe oder werden von den Grosseltern betreut. Beide sagen: «Es war unglaublich anstrengend, aber es lohnte sich.» Dem stimmt Käthi Kaufmann, selber Mutter von fünf Kindern und Präsidentin der IG3plus, eine Organisation für Mehrkindfamilien, mit fast schon ansteckend guter Laune zu: «Weil es doch einfach schön ist, etwas mehr als nur Durchschnitt zu sein. Weil es allen guttut, viele zu sein.» Vorausgesetzt, man hat das nötige Kleingeld ...

Rund eine halbe Million Franken kostet ein Kind seine Eltern bis zum 20. Geburtstag. Während die ersten Anschaffungskosten für Kinderwagen, Kleider etc. bei mehreren Kindern amortisiert werden, bleiben die Investitionen in Ausbildung und Hobbys.

Es gibt Ansätze, dass der Entscheidung für oder gegen mehrere Kinder allerdings weniger eine finanzielle, sondern mehr eine «unbewusst emotionale» Kosten-Nutzen-Rechnung der Eltern zugrunde liege, so der US-Ökonom Gary Becker. Er erhielt 1992 für seine sozio-ökonomischen Thesen den Nobelpreis.

«Drei Kinder haben bedeutet permanent Kindergeburtstag»

Becker vertritt den Standpunkt, dass viele Formen des menschlichen Verhaltens als rational und als Ergebnis von Nutzenmaximierung verstanden werden können. Vermuten Eltern drum: je mehr Kinder, desto höher das Glück? Simon, 43, Vater von drei Töchtern, sagt: «Drei Kinder haben bedeutet permanent Kindergeburtstag. Viel Freud und Erfüllung, eine grosse Organisation - oft aber unter Strom, weil die Ansprüche so verschieden sind und man ja selber bloss zwei Hände hat.» Er lebt mit seiner Frau (die ebenfalls Teilzeit arbeitet) in der Stadt Zürich und trifft den Nagel auf den Punkt, wenn er sagt: «Zum Glück gibts in Zürich Genossenschaften.» Nicht umsonst hat Zürich vor zehn Jahren damit begonnen, in mehr familientaugliche, bezahlbare Wohnungen zu investieren. Seit dem Jahr 2000 baute die Stadt Zürich mehr als 1000 Wohnungen. Basel-Stadt zog mit dem kinderfreundlichen Projekt «Auf Augenhöhe 1,20 m» nach. Das wird den Vater im Engadin, der jetzt noch Ferien macht, sicher freuen. Auch wenn er, in einer Eigentumswohnung am Oberen Zürichsee lebend, weniger auf eine günstige Genossenschaftswohnung angewiesen ist als auf einen genug breiten Garagenparkplatz. Für seinen neuen Range Rover.

Publiziert am 03.02.2013




Illustration: Corinna Staffe

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