Aus der aktuellen Ausgabe

Machs mit Allen

Van Bo Le-Mentzel und seine Möbel. Links:

Bauplan für das Siwo-Sofa


Mit Do-it-yourself-Möbeln haben junge Designer eine soziale Bewegung ausgelöst

Von Claudia Schmid

Ein Brett für 24 Euro, zwei Kissen, 24 Stunden Zeit, ein Bauplan. Das ist alles, was man braucht, um den 24-Euro-Sessel zu bauen.

Wie man das vom Bauhaus-Stil inspirierte Möbel konstruieren kann, erklärt der Architekt Van Bo Le-Mentzel im soeben erschienenen Buch «Hartz IV-Möbel». Seine gleichnamige Kollektion besteht aus acht weiteren Einrichtungsstücken zum Selbermachen. Etwa das Siwo-Sofa. Siwo steht für Singlewohnung und ist ein Bettsofa, auf dem man «gut schlafen, arbeiten und gut knutschen kann», sagt Van Bo. «Meine Möbel richten sich nicht primär an Hobbybastler, sondern an alle, die wenig Einkommen und viel Geschmack haben.» Der 35-Jährige, der als Kind mit seiner Familie aus Laos nach Berlin flüchtete, hatte selbst wenig Geld: Er war früher von der Sozialhilfe abhängig und hat sich dabei «insgesamt wie der letzte Abschaum gefühlt». Heute arbeitet er bei einer Kommunikationsagentur und ist ein Medienstar. Ob CNN, ZDF oder Arte: Alle Sender haben den Urheber der Hartz-IV-Möbel besucht; 15 000 Menschen haben seine Baupläne angefordert. Seine Mittagspause verbringt Van Bo damit, mit Journalisten zu telefonieren oder sich mit jemandem von der «Crowd», den Möbelbauern, auszutauschen. Diese Leute geben ihm Verbesserungsvorschläge durch, die Van Bo in neuen Bauplänen ergänzt.

Bevor sein Buch erschien, konnte man die Pläne auf der Website Hartzivmoebel.de run- terladen - gratis. Dafür musste man Van Bo in einem Formular mitteilen, wer man ist, und warum man handwerken wollte. In einem weiteren Schritt musste man dem «Chef» ein Foto mit dem selbst gemachten Möbel zukommen lassen. Solche Fotos werden jeden Tag auf Facebook oder Hartzivmoebel.de publiziert und sind im Buch verewigt. Wie das Foto des Werklehrers Thomas Arbenz aus dem solothurnischen Matzendorf, der mit seinen Schülern Van Bos Möbel nachgezimmert hat. «Der Berliner Hocker ist schnell gemacht», sagt er. Der Hocker ist das beliebteste Möbel zum Nachbauen, weil man nur zehn Schrauben braucht - und zehn Minuten Bauzeit.

Le-Mentzel ist der Star der sozialen Möbelbewegung

Aber reicht es denn nicht, ein Billy-Regal zusammenzusetzen? «Nein. Der einzige Weg, ?saubere? Möbel herzustellen, ist, sie von A bis Z selbst zu machen», sagt Van Bo. Man wolle ja auch wissen, woher die Äpfel im Supermarkt stammten. «Ich leite eine Möbelmanufaktur ohne Mitarbeiter, Kapital, Fabrik oder Transport. Und alle sind glücklich.» Denn jeder, der ein Möbel selbst anfertige, sei stolz wie ein Kindergärtner. Bester Beweis dafür sind die Fotos im Buch, auf denen Familien, Hipster oder Grosseltern aus allen Ecken der Welt strahlend neben ihrem selbst gezimmerten Tisch, Stuhl oder Sofa posieren.

Doch warum hat Van Bo so Erfolg? Weil Holz ein riesiges Comeback erlebt? Wegen des Do-it-yourself-Booms, dank dem wir wieder nähen und gärtnern? «Es geht um viel mehr als ?do it yourself?, es geht um "do it together". Teilen heisst das Stichwort.» So werden heute Wissen (Wikipedia), Autos (Car Sharing) oder Wohnungen geteilt (Couchsurfing). «Sharing oder Collaborative Consumption» nennen Trendforscher solche Konzepte. Im Rückblick, glaubt Van Bo, werde man diese Zeit, die vor etwa sieben Jahren mit Facebook und Co., anfing, «digitale Demokratie oder so» nennen. «Wir trauen den alten Systemen nicht mehr. Wir wollen es besser machen - und können es dank dem Internet auch.»

Van Bo mag der bekannteste Exponent der sozialen Möbel-Bewegung sein. Der Einzige ist er nicht. Auch Schweizer haben ähnliche Projekte lanciert. Wie der 34-jährige Berner Architekt Nicola Stäubli, der sich 2007 mit der «Foldschool» einen Namen machte und es damit bis in die «New York Times» schaffte. Auf seiner Website kann man Schnittmuster und Pläne kostenlos herunterladen, um Kartonschaukelpferde oder Hocker für Kinder zu bauen. Wenig später entwickelte er das Do-it-yourself-Regalsystem Indie Furniture. «Mich hat es immer gestört, dass Designermöbel wegen hoher Produktionskosten oder des Zwischenhandels so teuer sind. Ich wollte zeigen, dass es auch anders geht.»

2006 schalteten die Designer Christian Kägi und Christian Lehmann die Website www.machsdirselber.ch auf, die als Diplomprojekt an der Hochschule für Gestaltung Zürich entstand. Heute findet man darauf Baupläne für Lampen oder Garderoben. Inspiriert wurden die Gestalter vom Designphilosophen Victor Papanek, der mit Büchern wie «Design for the Real World» (1971), die nachhaltiges Design propagierten, den damaligen und heute wieder aktuellen Nerv der Zeit traf. Wenig später brachte der heute 80-jährige Enzo Mari die «Autoprogettazione»-Möbel auf den Markt, die man selbst zusammennageln konnte. «Damals hat man mich als Faschisten bezeichnet», erinnert sich der italienische Designer in einem Dokfilm. «Dabei wollte ich, dass die Leute etwas über Design lernen, indem sie mit den Händen arbeiten.»

«Enzo ist mein Gott», sagt Van Bo. «Aber seine Entwürfe tragen eine klare Handschrift. Seine.» Bei der aktuellen Bewegung gehe es darum, dass die Leute die Möbel mit ihrer eigenen Handschrift versehen. «Die Kinder deiner Kinder sollen irgendwann auf einem Hocker sitzen und wissen: den hat Oma gebaut.»

Hartzivmoebel.de. Das gleichnamige Buch ist im Verlag Hatje Cantz erschienen.

Le Van Bo hält am 13. 9. in Biel einen Vortrag. Infos auf seiner Website.
www.nicola-staubli.com
www.machsdirselber.ch

Publiziert am 19.08.2012




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