Beitrag vom 05.05.2013

«Arbeit ist ein Grundrecht»

Street Day bei Adecco:

Patrick De Maeseneire im Brüsseler Zentralbahnhof beim Verteilen von Flyern


Adecco-Chef Patrick De Maeseneire über Marktsituation, 1:12-Initiative und die Attraktivität der Schweiz

von Cornelia Krause

Brüssel Der Zürcher Personaldienstleister Adecco hat vergangene Woche seinen ersten Street Day begangen. Er will damit einen Beitrag gegen die grassierende Jugendarbeitslosigkeit leisten.

Im Brüsseler Zentralbahnhof verteilt auch der belgische Konzernchef Patrick De Maeseneire, 55, Flyers mit nützlichen Tipps für Stellensuchende. Immer wieder gelingt es den Adecco-Leuten, Reisende in ein Gespräch zu verwickeln. Keinerlei Interesse zeigt eine Zigeunerin, die mit einem Lollipop-lutschenden Mädchen an der Hand bettelt. «Das Schlimmste an der Arbeitslosigkeit ist, dass sie vererbt werden kann», sagt De Maeseneire. Dass die Aktion auch als Imageförderung und Teambildung gedacht ist, räumt er unumwunden ein.

Der belgische Baron Patrick De Maeseneire geht zum 1. Mai auf die Strasse, im roten Kapuzenpullover. Was ist los?

Wir haben unseren Street Day weltweit um den Tag der Arbeit organisiert, weil dann viel über Arbeit gesprochen wird. Unser Ziel ist es, jungen Arbeitslosen auf der ganzen Welt zu helfen. In Spanien und Griechenland sind fast 60 Prozent der Jugendlichen betroffen. Wir laufen Gefahr, eine ganze Generation zu verlieren. Für mich ist Arbeit ein Grundrecht!

Sprechen Sie von einer festen Stelle oder von einer temporären Stelle, wie Sie sie grösstenteils vermitteln?

Natürlich bin ich der Ansicht, dass Menschen, vor allem ältere, einen festen Arbeitsplatz haben sollten. Nur so können sie zum Beispiel eine Hypothek aufnehmen, um ein Haus zu kaufen. Aber um diesen festen Job zu bekommen, müssen sie erst einmal Berufserfahrung sammeln. Untersuchungen zeigen, dass Temporärarbeiter um über 60 Prozent bessere Chancen auf einen festen Job haben als Arbeitslose.

Sie geben am Street Day praktische Hilfen, etwa, wie man einen Lebenslauf schreibt. Was nützt das Jugendlichen, wenn es keine Jobs gibt?

Es geht uns darum, auf das Problem der Jugendarbeitslosigkeit aufmerksam zu machen, anstatt nur höhere Löhne zu fordern, wie die Gewerkschaften das tun. Menschen, die bereits in der dritten Generation arbeitslos sind, haben doch keine Perspektiven mehr. Die Folge sind soziale Spannungen, die zuweilen gewalttätig ausgetragen werden. Das ist eine Gefahr für unsere Demokratie. In Europa sind über drei Millionen Stellen nicht besetzt. Wir müssen die richtigen Leute für diese Jobs finden. Dafür müssen Arbeitslose aber auch bereit sein, vielleicht in ein anderes Land zu gehen.

Akzeptiert die Jugend auch Mini-Jobs, wie es sie in Deutschland gibt?

Junge Griechen haben mir gesagt, sie würden um jeden Preis arbeiten, wenn sie nur könnten. Ich bin ein grosser Befürworter von Mini-Jobs, auch wenn ich dafür kritisiert werde. Als ich in meiner Jugend kellnerte, verdiente ich umgerechnet 4.50 Euro, indem ich 36 Humpen Bier servierte . . .

. . . und heute verteidigen Sie in Ihrer Heimat Belgien Stundenlöhne von 5 Euro!

Ja, aber viel wichtiger als der Einstiegslohn ist es für Jugendliche, überhaupt erst mal einen Fuss auf den Arbeitsmarkt zu bekommen.

Aus welchen sozialen Verhältnissen stammen Sie?

Meine Mutter war Hutmacherin, mein Vater Berufsmilitär. Meiner Schwester und mir haben sie früh beigebracht, hart zu arbeiten. Mit meinen Kindern halte ich es genauso: Meine Tochter arbeitete mit 14 im Restaurant, später half sie beim Entladen von Lastwagen für H&M. Ich fing in einem Mini-Job an und bin jetzt in einem Maxi-Job.

Allerdings. Sie verdienten 2012 5,9 Millionen Franken.

Ein Drittel davon ist fix, zwei Drittel von meinem Lohn sind variabel, vom Unternehmensergebnis abhängig und werden in Aktien vergütet.

In Ihrem grössten Markt, Frankreich, muss Adecco kämpfen.

Frankreich muss dringend die enormen strukturellen Probleme lösen. Schauen Sie sich nur die Staatsverschuldung, den erstarrten Arbeitsmarkt und die unzähligen Streiks an. So schafft man keine Arbeitsplätze.

Sind Adeccos dortige Probleme nicht auch hausgemacht?

Wir haben 2011 gesagt, dass wir in Frankreich die Profitabilität verbessern wollen und dafür den Verlust von Marktanteilen in Kauf nehmen. Zudem haben wir endlich auch dort unsere Marken Adecco und Adia zusammengelegt. Die Umorganisation im letzten Jahr ging auch mit Verunsicherung bei Mitarbeitern einher.

Durchkreuzt die Regierung Hollande Ihren Turnaround-Plan?

Nein, wir sind gut unterwegs. Aber wenn der Staat Reiche mit einem Steuerfuss von 75 Prozent schröpfen will, grenzt das nahe an Enteignung. So macht man eine Wirtschaft kaputt, und die letzten noch verbliebenen Unternehmer verlassen das Land. Ich kenne Firmen, etwa aus der Modebranche, die von Paris nach London gezogen sind.

Président Hollande, ein Feind des Volkes?

Ich will mich nicht zu einzelnen Personen äussern. Aber Politiker sollten aus der Geschichte lernen. 1989 fiel die Mauer, weil nicht alle Menschen gleichgeschaltet sein wollten. Die osteuropäischen Länder haben eine freie Marktwirtschaft eingeführt. Wir hingegen gehen in die andere Richtung und bauen wieder Mauern auf mit einem neuen Hang zu staatlichem Dirigismus und Protektionismus. Das kann schlichtweg nicht aufgehen, weil damit Investitionen abgewürgt werden.

Sehen Sie solche Gefahren auch in der Schweiz?

Ich liebe das Land. Die Züge fahren pünktlich, die Seen sind sauber, die Arbeitslosenquote ist tief, genauso wie die Staatsverschuldung. Ein erfolgreich funktionierendes System sollte man nicht ändern. Viele Firmen haben ihren Hauptsitz wegen der Steuersituation, der hoch qualifizierten Mitarbeiter und des guten Bildungssystems hierherverlegt. Dessen sollten sich die Schweizer bewusst sein. Das Anliegen der Minder-Initiative konnte ich nachvollziehen. Ich bin auch dafür, dass Aktionäre über Vergütung und Boni bestimmen. Die 1:12-Initiative jedoch würde den Wirtschaftsstandort dauerhaft schädigen.

Befürchten Sie, dass Firmen das Land verlassen?

Standorte wie Singapur und Dubai buhlen weltweit um Firmen, auch in der Schweiz, und sind bereit, dafür grosse Zugeständnisse zu machen. Deshalb würde ich entschieden gegen die 1:12-Initiative stimmen, wenn ich könnte. In dem Punkt bin ich sehr emotional. Ich mache mir Sorgen um die Arbeitsplätze.

Käme auch ein Wegzug von Adecco infrage?

Adecco wurde von Klaus J. Jacobs hier in der Schweiz gegründet. In der Zwischenzeit sind wir wie Nestlé, Roche oder Holcim zum weltweiten Markführer aufgestiegen. Ein Wegzug steht nicht zur Debatte. Ich vertraue auf das Stimmvolk, das immer wieder Augenmass bewiesen hat.

Angeblich wollen Sie sich einbürgern lassen.

Seit elf Jahren lebe ich in der Schweiz und werde nächstes Jahr den roten Pass beantragen.

An der Generalversammlung lehnte immerhin ein Drittel der Adecco-Aktionäre in der konsultativen Abstimmung den Vergütungsbericht ab. Was heisst das für Sie?

Seit 2009 können unsere Aktionäre über den Vergütungsbericht abstimmen und haben ihn immer mit über 95 Prozent angenommen. Wir werden nun analysieren, wo die Kritik herkommt. Ob es um die Transparenz ging oder die Höhe der Vergütungen. Unter institutionellen Investoren ist allerdings die Vergütung kaum je ein Thema. Über die Jahre bin ich nur zweimal auf mein Gehalt angesprochen worden. Was Investoren viel mehr interessiert, ist die Frage, ob die Manager selbst Aktien halten und so im gleichen Boot sitzen wie sie.

Sehen Sie eine sich anbahnende Revolution unter den Aktionären?

Nach den Übertreibungen bei Boni und Gehältern im letzten Jahrzehnt sind die Aktionäre mit gutem Recht sensibler geworden. Aber die Lösung besteht nicht darin, alle Löhne aufs gleiche Niveau zu senken. Im Übrigen will ich für meine Arbeit bezahlt werden und nicht fürs Nichtstun. Niemals wird man etwas über eine Abgangsentschädigung für Patrick De Maeseneire hören. Ich könnte mir sonst nicht mehr in die Augen schauen.

In der Schweiz wird man auch sensibler, weil die Mittelklasse vermehrt unter Druck gerät. Viele Familien können sich nicht mehr leisten, in der Stadt Zürich zu wohnen.

Es gibt in der Schweiz viele wunderschöne Orte zum Wohnen. Zum Beispiel Eglisau. Das liegt nur 20 Minuten von Zürich am Rhein und ist gut mit dem ÖV erschlossen. Ich kann Ihnen zahllose Länder aufzählen, in denen die Mittelklasse unter die Räder geraten ist. In der Schweiz herrschen vergleichsweise paradiesische Verhältnisse.

Was halten Sie von der Mindestlohn-Initiative?

All diese Initiativen führen dazu, dass die Schweiz mit ihrer Zukunft spielt. Die Initianten sollten öfter mal mit ihrem Coiffeur oder dem Wirt ihres Stammlokals reden. Mein Coiffeur sagt, er müsse eine seiner acht Angestellten entlassen, wenn die Initiative angenommen werde. Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen Mindestlöhne, aber 22 Franken wäre für KMU zu hoch. In den USA liegt der Mindestlohn bei 7,5 Dollar. Und wir sehen ja, wie sich die USA erholen.

Werden die USA auch Europa auf die Beine helfen?

Die USA wird bei der Konjunktur helfen. In der zweiten Jahreshälfte wird auch China wieder an Fahrt gewinnen. Europa braucht beide Motoren. In Europa müssen der Konsum angekurbelt und die strukturellen Veränderungen rasch umgesetzt werden. Nur so wird die Konjunktur wieder in Gang gebracht, und es werden neue Jobs geschaffen.

Wie steht es um unseren wichtigsten Handelspartner, Deutschland?

In der Automobilbranche beispielsweise lief es bis August sehr gut, dann flaute das Geschäft ab. Zurzeit ist die Nachfrage stabil. Sollte sich die Branche weiter erholen, wirkt sich das positiv auf Norditalien, Belgien und die Niederlade aus, denn diese sind sehr vom Export nach Deutschland abhängig.

Das klingt ja optimistisch!

Ich bin seit vier Jahren Adecco-Chef und war stets pessimistisch für Europa. Jetzt sehe ich zum ersten Mal Licht am Ende des Tunnels. Aber es wird eine holprige Fahrt.

Und die Schweiz?

Die Luxusgüterindustrie kühlt leicht ab wegen der geringeren Nachfrage aus China, der Bau hinkt wegen des schlechten Wetters etwas hinterher. Dank ihrer Stärken schlägt sich die Schweiz insgesamt sehr gut, nur der hohe Franken macht gerade kleineren Unternehmen noch zu schaffen.

Mit dem sehr sportlichen Ziel einer Betriebsgewinnmarge von 5,5 Prozent müssen Sie ja auf Optimismus machen.

Nein, das wäre überhaupt nicht meine Art. Ich bin und bleibe vorsichtig. Wachstumsraten von 3 bis 4 Prozent des Bruttoinlandproduktes werden wir bis 2020 sicher nicht sehen. Ich wäre schon mit 1,5 Prozent zufrieden.

Wie wollen Sie da Ihr Margenziel dennoch erreichen?

Steigt die Nachfrage nach Gütern, werden die Unternehmen zunächst auf Temporärkräfte setzen. Zugute kommen uns auch die strukturellen Veränderungen, die Adecco in den letzten Jahren durchgezogen hat: führende Stellung im Bereich Professional Staffing, Ausbau in den Schwellenländern und schlanke Kostenstrukturen.

Der Verwaltungsrat ist überaus grosszügig gegenüber den Aktionären. Können Sie sich als Konzernchef mit Ausschüttungsquoten von fast 50 Prozent anfreunden?

Unser Unternehmen gehört den Aktionären. Deshalb befürworte ich diesen Entscheid. Mittelfristig stehen keine Akquisitionen an. Wir haben ein Portfolio, mit dem wir organisch wachsen können. Und wir generieren einen hohen Cashflow. 2012 war es über eine halbe Milliarde. Da ist es angebracht, die Aktionäre daran teilhaben zu lassen, sei es über Aktienrückkäufe oder Dividenden.

Publiziert am 05.05.2013
von: sonntagszeitung.ch





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