Beitrag vom 07.04.2013

Jedem Gemüse sein eigenes Feuerwerk

Illustration: T.Zaugg/Bediff.com


Buure-, Handball-, Airport-TV - Digitale Sparten-Channel-Netzwerke revolutionieren das Fernsehgeschäft

Von Simone Luchetta

Stellen Sie sich vor, Sie sind Handballfan, sitzen auf der Couch in der Stube und geniessen auf Ihrem TV das EM-Qualifikationsspiel Schweiz - Portugal - und zwar in voller Länge und live. Cool. Oder Sie sind St. Gallerin in Basel und haben plötzlich so Heimweh, dass Sie sich kurzerhand eine Prise St.-Gallen-TV reinziehen müssen. Das tut gut. Oder Sie haben den «Tatort» verpasst und schauen ihn einfach jetzt. Wunderbar.

Das sind keine Wunschvorstellungen, sondern Realitäten - und Zeichen davon, dass sich die TV-Branche im Umbruch befindet. Schuld daran sind das Internet, neue Technologien und ein verändertes Konsumverhalten: Der Zuschauer lässt sich nicht mehr einfach ein fertiges Programm vorsetzen, sondern stellt sich selbst eines zusammen. Er schaut vermehrt, was er will, wann und wo er will, und das auf dem TV, Computer, Smartphone oder Tablet. Umgekehrt spielt sich auf dem internetfähigen Fernseher nebst linearem TV zunehmend anderes ab: eine Diaschau, Twitter-Unterhaltungen oder Youtube-Clips. Zudem holen sich Zuschauer während einer Sendung mit Handy oder Tablet Zusatzinfos aus dem Netz oder klatschen via Twitter über «The Voice of Switzerland».

Während klassische TV-Anstalten wie SRF angesichts solcher Veränderungen vor grossen Herausforderungen stehen, bedeuten sie eine Chance für neue, kleine Anbieter. Etwa für das Sparten-TV-Netzwerk Internettv.ch.

In einem der vielen, neuen Bürogebäude in Zürich West ist der Ableger der St. Galler Firma Ipmedia AG einquartiert, der Herausgeberin von Internettv.ch. Im Sitzungszimmer empfängt uns der umtriebige Chef Marco Demont. Der Anlass: Internettv.ch kommt mit einer App auf internetfähige Samsung-Smart-TVs - und damit in die gute Stube. «Das ist für uns ein grosser Schritt zu mehr Publikum», sagt Demont.

Werber freuen sich, der Streuverlust ist gering

Vor vier Jahren ist der damals 34-jährige PR-Leiter von Postfinance bei Ipmedia als Mitinhaber eingestiegen. Heute ist er Chef von 17 Mitarbeitenden und gibt «das grösste unabhängige Schweizer Web-TV-Portal» heraus, das 170 verschiedene TV-Kanäle unter einem Dach vereinigt. «Und laufend kommen neue dazu.»

Unter den Spartensendern finden sich unterschiedlichste Inhalte: Sie reichen von lokalen News bei Sanktgallentv.ch der Tagblatt Medien über das brandneue Gemüsetv.ch des Schweizerischen Gemüseverbands bis zum beliebten PR-Channel Airporttv.ch des Flughafens Zürich. «Wir bewegen uns im Long Tail», sagt Demont und zeigt auf dem Handy eine Wikipedia-Grafik. Die Masse von Nischeninhalten mache das Produkt als Ganzes interessant. Tatsächlich: Im Monat März 2013 suchten total 140 000 Besucher das Portal auf. Und die beliebtesten Videos auf Airporttv.ch bringen es auf 35 000 Views.

Die einzelnen Kanäle profitieren durch die Einbindung auf der Hauptplattform, zudem sind ähnliche Themen-Channels miteinander verlinkt und in Facebook und Twitter eingebunden, was zu mehr Zugriffen führt.

Bisher war Sparten- bzw. lokales TV in der Schweiz aufgrund der geringen Reichweiten nicht möglich. Das ändert Ipmedia mit einem neuen Geschäftsmodell: Die Channel-Betreiber wählen zwischen drei Lizenzen, je nachdem, ob sie Live-Übertragungen wünschen, 24-Stunden-Service oder spezielle Vermarktungsapplikationen. Auf Wunsch liefert ihnen die Produktionscrew von Ipmedia auch professionelle Videoinhalte. Die Rechnung scheint aufzugehen: Seit 2012 ist Demonts Sparten-TV profitabel.

Einer, der von den neuen Möglichkeiten begeistert ist, ist Beat Wernli, Präsident des Schweizerischen Handballverbandes. Dieser betreibt seit Oktober 2012 den Kanal Handballtv.ch, überträgt dort Livespiele der Nati A und bietet Video-on-Demand von Matches. Für den Channel zahlt die Liga pro Jahr 24 000 Franken. Die bisherigen Videos produzierten Vereinsmitglieder. Ziel sei es, dass jeder Verein seine Spiele selbst aufzeichnen könne. «Wenn Internettv.ch jetzt als App auf Smart TV kommt, sind wir endlich auch im Fernsehen», sagt Wernli. Bedarf besteht: Das EM-Qualispiel von vergangener Woche fand 13 000 Zuschauer. Und ganz nebenbei wird der Verband attraktiver für Sponsoringpartner.

Hauptkonkurrent von Internettv.ch ist das grosse Youtube, das Google gehört. Das Videoportal, auf dem sich monatlich 800 Millionen Nutzer über vier Milliarden Stunden Videomaterial anschauen, führte vor kurzem das Angebot One Channel ein. Es bietet Unternehmen und Institutionen einen eigenen Kanal, um ihre Geschichten zu erzählen.

Dort sind allerdings keine Livestreams möglich. «Und die Betreiber verlieren die Kontrolle über den Video-Kontext», sagt Demont. Bei Internettv.ch dagegen bestimmen und vermarkten sie selbst das Umfeld.

Nicht nur Konsumenten und Betreiber, auch Werber haben ihre Freude am neuen TV-Netz. Mit einem Handballtv.ch, Buuretv.ch oder Arosatv.ch erreichen sie zwar relativ wenige Zuschauer, aber der Streuverlust für die einzelnen Zielgruppen ist gering. Klassische TV-Werbung dagegen droht mit dem linearen Fernsehen unterzugehen. Wer schaut schon Werbung, wenn er nur noch schaut, was er möchte?

Das bedeutet auch, dass herkömmliche Messmethoden nicht mehr richtig messen können, wie viele Zuschauer eine Sendung hat. Die alles entscheidende Einschaltquote ist nicht mehr so einfach zu erfassen, wenn zeitversetzt und auf anderen Geräten TV konsumiert wird, wie sich das Nielsen in den USA oder Mediapulse seit Jahren gewohnt sind. Zwar hat die Schweizer Firma Mediapulse ihre Methoden kürzlich angepasst, worauf die Unterschiede gegenüber dem Vorjahr aber prompt so gross wurden, dass sich Sender wie TV+ gegen eine Veröffentlichung der Nutzerzahlen sperren - zu viele Werbegelder stehen auf dem Spiel.

Über solch ein Theater dürfte sich Demont nur wundern. Denn Zuschauer von Web-TV sind gläsern. Man kann detailliert analysieren, wie lange ein Nutzer auf einer Seite weilte, aus welcher Region er kam, mit welchem Gerät, welche Videos er schaute und welche Werbung er anklickte.

Das gilt auch für ein anderes Sparten-Channel-Phänomen, das ebenfalls höchst erfolgreich geschäftet: Machinima.com. Die monothematische Website ist quasi ein MTV für die Videogamer-Generation und wird von Jungs zwischen 18 und 34 aufgesucht; derzeit vereint sie 5000 verschiedene Youtube-Channel-Partner unter ihrem Dach. Diese zeigen Machinimas, also Ausschnitte aus Computerspielen, die die Gamer selbst in Echtzeit aufnehmen.

Andere Netzwerke vermarkten Youtube-Stars

Das konstant wachsende Netzwerk erreicht 210 Millionen Gamer auf der ganzen Welt, die sich im Februar 1,9 Milliarden solcher Clips reinzogen. Die Channel-Betreiber profitieren vom Brand und dem Markektingapparat von Machinima.com, dafür geben sie der Plattform einen Prozentsatz ihrer Werbeinnnahmen ab.

Andere erfolgreiche Channel-Netzwerke wie Maker Studios in den USA oder die Kölner Firma Mediakraft Networks kümmern sich um die Vermarktung von Youtube-Stars. Diese werden über die Netzwerke miteinander verknüpft, um einander Fans zuzuschieben. So werden mehr Klicks generiert, und die Künstler verdienen mehr Geld, da Google sie an den Werbeeinnahmen beteiligt. Doch die Netzwerke sind mehr als ein Verbindungsort: Sie suchen für ihre Künstler Werbepartner und haben eine eigene Produktionscrew und Studios, um ihre Stars ins beste Youtube-Licht zu rücken. Hat der Künstler Erfolg, beteiligt man sich an den Einnahmen.

Auf mehr Lizenzenverkauf dagegen hat es Marco Demont künftig abgesehen, der sein Internettv.ch zu einem «Youtube für die Schweiz» machen will. Jetzt wolle er das profitable Modell skalieren. So könnte Internettv.ch künftig für alle Sportarten interessant sein, die sich mehr TV-Präsenz wünschen. Der Ex-Sportlehrer hat auch bereits den Blick über die Grenze geworfen. In Österreich will er mit einer Partneragentur bald den ersten Channel fliegen lassen. Vielleicht über Tirol.

Publiziert am 07.04.2013
von: sonntagszeitung.ch





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