Beitrag vom 10.02.2013

Little Canada am Simplonpass

Unberührter Schnee:

Bergführer Fredy Tscherrig legt die erste Spur im Skigebiet Rothwald

Foto: B. Van Dierendonck


Das kleine Skigebiet Rothwald ist ein Geheimtipp für Freerider und Schneeschuhläufer

VON BERNARD VAN DIERENDONCK

War es das Bad im Jacuzzi zum Après-Ski? Oder der Powder, der so leicht im lichten Lärchenwald aus den Kurven stiebt? Die Beinmuskeln fühlen sich auch am zweiten Tag im Tiefschnee erfreulich frisch an. Locker folgen wir Bergführer Fredy Tscherrig und Adi Heinzen, dem Sohn der Skilifteigentümer. Ihr Revier ist klein - gar winzig im Vergleich mit den Freeridedestinationen wie Andermatt, Engelberg oder Verbier. Rothwald punktet weder mit endlosen Pistenkilometern noch mit geheizten Sesselliften. An der Simplonpassstrasse, eine halbe Postautostunde von Brig entfernt, summen nur zwei Schlepplifte. Der Hauptlift gilt als Albtraum der Snowboarder. Die 1600 steilen Meter drücken sogar Skifahrern die Bügel ordentlich in die Oberschenkel. Der zweite Lift ist kurz, eigentlich nur eine Fortsetzung des ersten. Adi Heinzen erzählt von alten Ausbauplänen. Man wollte die Berge grenzüberschreitend zwischen Bortelhorn, Wasenhorn und Monte Leone mit einem Netz von neun Liften erschliessen. Doch die Flanken sind zu steil und schattig, die Hänge jenseits der Grenze zu Italien zu abgelegen, um für die Massen attraktiv zu sein. Die Pläne blieben in der Schublade.

Unsere breiten Ski rauschen und zischen im Pulverschnee

Steil, schattig, einsam - das ist Musik in Freeriderohren, das tönt nach unberührtem Powder à discrétion. Tatsächlich treffen wir zwei Tage nach dem letzten Schneefall kaum auf andere Spuren als die unseren. Die Ambiance ist entspannt. Anstatt gestresst lange Warteschlangen abzufertigen, findet das Personal Zeit für einen flotten Spruch. Sie seien eben wie eine grosse Familie, meint der 23-jährige Heinzen, als wir bei seiner Mutter im Bergrestaurant Mäderlicka zur Kaffeepause einkehren. Die Metallhütte ist der Startpunkt für Abfahrten durch den Chapfwald. Nur einige Schritte hinter dem Restaurant stechen wir in die Tiefe. Die Sonne scheint exakt über den felsigen Kamm zwischen Wasen- und Mäderhorn und wirft lange Lärchenschatten auf die glitzernde Schneeoberfläche.

Unsere breiten Ski rauschen und zischen im Pulverschnee. Rhythmisch tauchen die Schaufeln auf. Wir springen über kleine Felsen, fahren Riesenslalom um Föhren und Lärchen, legen enge Schwünge in eindrückliche Steilhänge - der Puls schnellt hoch bis nach 400 Höhenmetern der Rausch an der Passstrasse endet. Auf dem Dach der Strassengalerie gehts zurück zur Talstation. Einige Abfahrten später mischt sich Zweifel in die Euphorie. Stören wir nicht die Wildtiere in diesem lichten Wald? «Habt ihr irgendwo die Fährte eines Tieres gesehen?», fragt Heinzen zurück. Sein Vater sei Jäger und Wildfotograf und tausche sich regelmässig mit dem Wildhüter aus. Tiere beobachte man im Chapfwald kaum. Seit je äse das Wild bevorzugt auf der anderen Talseite, an den Sonnenflanken. Nicht hier, wo, wenn überhaupt, die Sonnenstrahlen nur im flachen Winkel die Hänge streiften. «Die geringe Bestrahlung und die Höhe von 2000 Metern über Meer sind auch die Gründe, wieso der Tiefschnee so lange pulvrig bleibt», sagt Bergführer Tscherrig. Die Norditaliener lieben den flauschigen Schnee. Sie reisen aus dem nahen Domodossola an. Für italienische Freerider ist Rothwald das «Little Canada».

Unter den Einheimischen ist die Wasenalp ein Geheimtipp

Fredy Tscherrig besitzt zusammen mit seiner Frau Magdalena seit 14 Jahren ein kleines Gasthaus im Weiler Wasenalp. Es ist im Winter nur mit Ski oder Schneeschuhen erreichbar. Mit der verputzten Fassade scheint das Haus nicht zu den dunkelbraunen Holzhütten der Nachbarschaft zu passen. Nach dem Powderslalom im Chapfwald sitzen wir vor dem knisternden Holzofen, und Hausherr Tscherrig erzählt, dass die Wasenalp bis Ende der 70er-Jahre ein Kaufhaus gewesen sei. Was auf Walliserdeutsch so viel wie Umschlagplatz für Schmugglerwaren bedeutet. Lange hätte man das Restaurant im Erdgeschoss nur als Alibi betrieben. Obwohl das Schmuggeln schon lange Geschichte ist, stapeln sich noch heute im Keller die Jutesäcke, mit denen Zigaretten nach Italien und Gummisohlen, Reis sowie Kaffee zu Fuss über die Berge in die Schweiz geschafft wurden. Nachdem die Tscherrigs auf der Suche nach einem Buvettli am Pistenrand dieses Haus vorgefunden hatten, liessen sie beim Innenausbau keinen Stein auf dem anderen. Sie verwandelten mit edlen Schieferplatten, Holz und riesigen Panoramafenstern die Schmugglerbude in ein gemütliches Restaurant. Koch Christian kreiert gut gelaunt ein mehrgängiges Menü Surprise und richtet den marinierten Mozzarella mit Tomatensalat an, den Kalbsrollbraten an Zitronen-Salbei-Sauce und die zartrosa gebackenen Lammentrecotes mit gegrilltem Gemüse. Plötzlich unterbricht ein Gestampfe und Gepolter die gediegene Atmosphäre. Sind die alten Schmuggler wieder erwacht? Nein, die Ankömmlinge sind Schneeschuhläufer! Unter den Einheimischen gilt die Wasenalp als Tipp für den Feierabend. Sie wandern in der Dunkelheit in einer Stunde von der Passstrasse aus über die ausgeschilderten Schneeschuhtrails zum Restaurant. Und wenn draussen der Vollmond scheint, sind hier noch zu später Stunde alle Tische besetzt. Zum Ritual der Winternachtwanderer gehört auch ein Freiluftbad im blubbernden Jacuzzi, bevor sie wieder in der dunklen Nacht verschwinden.

Am Wochenende bei der Talstation der Rothwaldbahn: Überall suchen Autos mit italienischen Kennzeichen einen Parkplatz. Das Postauto aus Brig bringt junge, braun gebrannte Gleichgesinnte mit breiten Ski, weit geschnittenen Goretexkleidern und Rucksäcken. Ist es nun vorbei mit dem entspannten, einsamen Kurven um die Lärchen? Bergführer Tscherrig bringt der Rummel nicht aus der Fassung: Bei der Bergstation zieht er die Felle aus dem Rucksack. Wir machen es ihm nach, stellen die Bindungen auf Aufstieg, kontrollieren die Lawinengeräte und steigen dem Maestro hinterher. Nur eine halbe Stunde und einige steile Spitzkehren später stehen wir auf einem kleinen Pass. Vor uns liegt ein namenloses Schattental mit weiten, unberührten Traumhängen und einem engen Tobel. Ein kleiner Satz über eine Wechte, der Freeriderausch geht weiter. Wieder haben wir die erste Spur. Die Beine dürfen nicht müde werden!

Die Reportage wurde vom Gasthof Wasenalp und vom Skilift Rothwald unterstützt

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Freeriden im Wallis

Rothwald-Wasenalp

Anreise ÖV: Postauto ab Brig nach Rothwald Post (2 Stundentakt), www.sbb.ch. Zur Wasenalp gelangt man entweder zu Fuss (Schneeschuhe) oder mit Ski über die Piste. Skifahren: Das Skigebiet liegt direkt an der Simplonpassstrasse. 2 Schlepplifte und ein Ponylift beim Bergrestaurant, 25 Kilometer Pisten zwischen 1800 und 2200 m ü. M.

Tageskarte: 38 Franken (Erw.) Abseits der Piste: Viele Möglichkeiten. Lawinenausrüstung (LVS, Sonde und Schaufel) sowie eine topografische Karte 1:25 000 gehören zur Grundausrüstung. Fredy Tscherrig von der Wasenalp bietet Freeride-Kurse und Touren an.

Unterkunft: Der Gasthof Wasenalp ist bis 2. April durchgehend geöffnet, DZ mit Frühstück: 70 Fr p. P., Gruppenzimmer, 50 Fr p. P., inklusive Jacuzzi, Tel 027 923 23 70
www.wasenalp.ch

Bruson bei Verbier

Lichte Lärchenwälder laden zum Powdern ein. Das Backcountry bietet erfahrenen Freeridern interessante Tourenmöglichkeiten. Tageskarte 35 Fr
www.televerbier.ch

Zinal - Domaine de Freeride

Bei mässiger Lawinengefahr ist das Freeriden am Steilhang an der Arrête de Sorrebois erlaubt.

Tageskarte 50 Fr
www.rma.ch

Lauchernalp

Dank der neuen Bahn auf dem Hockenhorngrat (3111 m ü. M.) bequemer Zugang zu langen und steilen Variantenabfahrten. Tageskarte 53 Fr
www.loetschental.ch

Wichtig: Vor dem Freeriden Lawinenbulletin checken:
www.slf.ch oder als App «White Risk».

Publiziert am 10.02.2013
von: sonntagszeitung.ch





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