Beitrag vom 21.10.2012

Der Schlüssel zu geistigen Höhenflügen

Illustration: Mario Wagner


Brillante Köpfe erklären die Bedeutung von Kooperation und Risikokompetenz - und machen Sie schlauer

Von Balz Spörri

Im angelsächsischen Raum geniesst John Brockman Kultstatus. Der 71-jährige New Yorker ist Gründer der Edge-Foundation, einer Website, auf der sich eine Gruppe handverlesener Denker über brennende Fragen der Forschung und Technologie austauscht (www.edge.org).

Seit 1998 stellt Brockman einmal im Jahr allen Edge-Mitgliedern eine Frage, die sie je nach Lust und Laune beantworten. 2005 fragte er «Woran glauben Sie, auch wenn Sie es nicht beweisen können?» 2010 lautete die Frage: «Wie verändert das Internet unser Denken?» 2011 wollte er wissen: «Welches wissenschaftliche Konzept würde unsere kognitiven Fähigkeiten verbessern?»

151 führende Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler antworteten. Jetzt liegen ihre Texte in Buchform vor. «This Will Make You Smarter» (dt.: Das wird Sie schlauer machen) erlaubt es, einigen der brillantesten Köpfe dieses Planeten über die Schulter zu schauen und zu verfolgen, wie sie neue Ideen entwickeln.

Ein Schweizer Kurator wird als spannendste Figur bezeichnet

«Mein Ziel ist es, die Leute dazu zu bringen, Gedanken zu denken, die ihnen normalerweise nicht in den Sinn kommen würden», schreibt Brockman im Buch. Der Literaturagent, der unter anderem Richard Dawkins und Steven Pinker vertritt, ist eine schillernde Figur. Im New York der 1960erJahre hing er mit dem Maler und Experimentalfilmer Andy Warhol, dem Musiker John Cage oder dem Medientheoretiker Marshall McLuhan herum.

«This Will Make You Smarter» versammelt Beiträge vor allem von Forschern aus den Bereichen Kognitionswissenschaft, Evolutionspsychologie und Informationstechnologie. Auch ein Schweizer ist darunter: der Kurator Hans Ulrich Obrist, den Brockman 2011 in einem Interview mit dem Magazin «Wired» als derzeit «spannendste Figur» der Szene bezeichnet hat.

Die Antworten der Forscher lassen Trends erkennen, die die Wissenschaft in den kommenden Jahren prägen werden. Dieses Jahr fällt ein Megatrend auf: die Bedeutung der Kooperation. Seit den 1960er-Jahren hätten Biologen und Sozialwissenschaftler hartnäckig bestritten, dass es unter Tieren und Menschen Altruismus gebe, schreibt etwa der Sozialpsychologe Jonathan Haidt von der University of Virginia: «Jede Form von Altruismus wurde als versteckte Form von Egoismus wegerklärt, die letztlich der natürlichen Selektion diene.» Erst langsam setze sich die Einsicht durch, dass dieser «biologische Reduktionismus» falsch sei, so Haidt.

Roger Highfield, Redaktor beim Magazin «New Scientist», fordert deshalb eine neue Sicht auf die Evolution. Bislang sei die Wissenschaft von zwei grundlegenden Prinzipien ausgegangen, nach denen die Evolution funktioniere: Mutation und Selektion; wobei Mutation zu genetischer Vielfalt führt und Selektion jene Individuen ausliest, die einer bestimmten Umgebung am besten angepasst sind. «Jetzt müssen wir anerkennen, dass Kooperation das dritte Prinzip der Evolution ist», schreibt Highfield. Einer Welt, deren Alltag von Konflikten geprägt ist, müsste das zu denken geben.

Im Folgenden einige ausgewählte und gekürzte Antworten auf Brockmans Frage zur Steigerung der kognitiven Fähigkeiten:

Richard Dawkins, Evolutionsbiologe, University of Oxford

«Warum glaubt die Hälfte der Amerikaner, dass es Geister gibt? Warum glauben 75 Prozent an die Existenz von Engeln? Und warum glauben mehr als 40 Prozent, dass das Universum erst nach der Domestizierung des Hundes entstanden ist? Dummheit mag mitspielen, aber sie erklärt nicht alles. Der Grund ist ein Mangel an Training, kritisch zu denken und zwischen Meinungen, Anekdoten, Vorurteilen und Beweisen zu unterscheiden. Deshalb sollte an allen Schulen gelehrt werden, was eine Doppelblind-Studie ist. Dadurch würden wir nicht nur lernen, kritisch zu denken und unsere kognitiven Fähigkeiten zu verbessern. Es könnte auch helfen, die Welt zu retten.»

Barry C. Smith, Philosoph, University of London
«Wir hatten viel zu lange eine falsche Vorstellung von unseren Sinnen. Fragen Sie irgendjemanden, wie viele Sinne der Mensch hat. Die Antwort lautet wahrscheinlich: fünf. Warum fünf? Welcher Sinn sagt Ihnen zum Beispiel, ob Sie im Lift auf- oder abwärtsfahren? Neurowissenschaftler gehen heute davon aus, dass der Mensch zwei visuelle Systeme hat. Und es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass wir zwei Geruchssinne haben. Bislang haben wir die Sinne zudem stets isoliert untersucht. Heute wissen wir, dass sie nicht allein agieren, sondern zusammenarbeiten. Wir müssen lernen, dass wir in einer multisensorischen Welt leben.»

Alison Gopnik, Psychologin, University of California, Berkeley
«Unsere Vorstellungen vom Unbewussten sind von Sigmund Freud geprägt. Er betrachtete das Unbewusste als irrationales, leidenschaftliches, trübes Es. Dieses Bild ist bis heute weit verbreitet, obwohl Freud inzwischen wissenschaftlich weitgehend diskreditiert ist. Die Arbeiten des Mathematikers Alan Turing und kognitionswissenschaftliche Studien streichen dagegen das rationale Unbewusste heraus. So zieht etwa unser visuelles System von Daten auf der Netzhaut völlig unbewusst rationale Rückschlüsse auf die Beschaffenheit von Objekten. Das Konzept des rationalen Unbewussten macht uns erst bewusst, wie klug wir eigentlich alle sind.»

Clay Shirky, Medienforscher, New York University
«Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt 35 Prozent des gesamten Vermögens. Auf Twitter versenden 2 Prozent der User 60 Prozent aller Tweets. Solche Verteilungen werden in den Medien als abnormal dargestellt. So, als ob eine völlig lineare Verteilung des Reichtums zu erwarten wäre. Uns wurde gelehrt, dass die Normalverteilung in der Regel die Form einer Glockenkurve annimmt. Doch der italienische Ökonom Vilfredo Pareto hat schon vor hundert Jahren gezeigt, dass in vielen Systemen eine ganz andere Normalverteilung auftritt, oft im Verhältnis 20/80. Wer jede Abweichung von der Glockenkurve als Anomalie betrachtet, kann unsere Welt nicht verstehen.»

Daniel Goleman, Psychologe, Rutgers University
«Spätestens mit der industriellen Revolution hat unser Planet das Holozän hinter sich gelassen und ist in das Anthropozän eingetreten. Ein Zeitalter, in dem die menschlichen Systeme die lebenswichtigen natürlichen Grundlagen untergraben. Unser neuronales Alarmsystem wurde aber im Holozän geformt, als ein Knurren oder Rascheln im Busch Gefahr signalisierte. Für die Gefahren des Anthropozäns, etwa den Klimawandel, hat unser Hirn kein Warnsystem. Wir können den CO2-Ausstoss messen, aber unsere Amygdala zuckt dabei bloss mit den Schultern. Wir sollten deshalb dringend Wege finden, den Kräften zu begegnen, die den anthropozänen Effekt fördern.»

Gerd Gigerenzer, Psychologe, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin
«Die Geschwindigkeit der technologischen Neuerungen macht es nötig, dass wir lernen, Risiken zu erkennen und mit ihnen umzugehen. Ohne Risikokompetenz gefährden die Menschen ihre Gesundheit und ihr Vermögen. Und sie können manipuliert werden. Die Antwort auf die modernen Krisen heisst nicht einfach mehr Gesetze, mehr Bürokratie oder mehr Geld, sondern vor allem: mehr Bürger, die Risiken abschätzen können. Die Menschen sollten ermutigt und ausgebildet werden, selbstständig fundierte Entscheidungen zu treffen. Dies erreicht man, indem man das statistische Denken pflegt. Risikokompetenz sollte von der Primarschule an unterrichtet werden.»

Hans Ulrich Obrist, Kurator, Serpentine Gallery, London
«Der Begriff kuratieren findet immer breitere Anwendung, und zwar wegen einer Eigenschaft des modernen Lebens, die man unmöglich ignorieren kann: die enorme Vermehrung an Ideen, Information, Bildern, Fachwissen und materiellen Produkten. Diese Fülle macht die Filterung, das Zusammenfügen, das Einrahmen und das Erinnern zu immer wichtigeren und grundlegenderen Navigationswerkzeugen. Genau das sind die Aufgaben eines Kurators, der nicht mehr nur als Person zu verstehen ist, die den Raum mit Objekten füllt, sondern als Person, die unterschiedliche Kultursphären in Kontakt bringt, neue Darstellungsmethoden erfindet und Verbindungen schafft, die unerwartete Begegnungen und Resultate erlaubt.»

J. Craig Venter, Biochemiker, Genom-Forscher, J. Craig Venter Institute
«Ich kann mir keine Entdeckung vorstellen, die die Menschheit mehr beeinflussen würde als die Entdeckung von Leben ausserhalb unseres Sonnensystems. Wir leben auf einem mikrobiellen Planeten. Ein Kubikmeter Wasser enthält eine Million mikrobielle Zellen. Wir haben über die letzten Milliarden Jahre Billionen von Bakterien in den Weltraum geschickt. Es wäre überraschend, wenn wir keine Beweise für mikrobielles Leben in unserem Sonnensystem finden, vor allem auf dem Mars. Der Astronom Dimitar Sasselov schätzt, dass es in unserer Galaxie 100 000 Erden gibt. Das Universum ist jung. Wo immer wir mikrobielles Leben finden, wird es in Zukunft intelligentes Leben geben.»

Brockman hat bereits die nächste Frage auf die Edge-Website gestellt: «Was ist Ihre allerliebste, tiefschürfendste, eleganteste oder schönste Erklärung?» 192 Denker haben bisher geantwortet.

Publiziert am 21.10.2012
von: sonntagszeitung.ch





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