Gut erschlossen billig wohnen
Kombiniert man Fahrplandaten der SBB mit Daten des Mietpreisindexes, lässt sich errechnen, wo es sich bei optimalem Zugang zum öffentlichen Verkehr möglichst vorteilhaft leben lässt - und das ist erst der Anfang von offenen Daten
von Barnaby Skinner
Minimale Verspätungen. Bus- und Bahnverbindungen bis in die Bergtäler. Es gibt wenige Länder, die mit einem so dichten öffentlichen Verkehrsnetz erschlossen sind wie die Schweiz. Mobilität ist hierzulande ein heiliges Gut. Gemäss Bundesamt für Statistik gibt der durchschnittliche Schweizer Haushalt für Verkehrsmittel monatlich mehr aus als für Nahrung oder Bildung.
Doch nicht überall bekommt man für seine ÖV-Ausgaben gleich gute Dienste geboten. Wer etwa das Postauto von Binn in den Nachbarort Ausserbinn im Kanton Wallis nehmen will, muss teilweise zwei Stunden auf die nächste Verbindung warten. Steht man am Zürcher Hauptbahnhof und will an den Paradeplatz, fahren Trams im Minutentakt. Wer in der Nähe der Bahnhofstrasse wohnen will, der bezahlt deshalb unter anderem auch für Mobilität einen viele höheren Mietzins als in Binn.
Doch nicht überall, wo die Mieten tief sind, sind die Anschlüsse so schlecht wie in den Walliser Bergen. Die SonntagsZeitung wollte es genau wissen. Wo stehen die günstigsten Mietwohnungen mit den besten Anschlüssen an den öffentlichen Verkehr? Software-Entwickler André Lison von der Firma General Bytes hat dafür den SBB-Fahrplan «abgehört», inklusive des gesamten Schweizer Regionalverkehrs und Verbindungen ins nahe Ausland. Zusammengekommen sind Daten zu 24000 Bahnhöfen und Haltestellen sowie zu 650000 Verkehrsmitteln mit über
5 Millionen Bewegungen.
ÖV-technisch ist Moosseedorf top
Dann hat Lison die Schweiz in gleichmässige 2,5 auf 2,5 Kilometer grosse Flächen aufgeteilt. Jedem Quadrat ordnete er einen Wert zu, den er dadurch ermittelte, wie weit ein Passagier in zehnminütigen Abständen reisen konnte. Unter http://sonntagszeitung.arrlee.ch kann man prüfen, wie der eigene Wohnort im erstellten Mobilitätsindex abschneidet.
Interessant wird der Index aber erst in Kombination mit anderen Datensätzen. So hat Lison seinen Mobilitätsindex mit Angaben zu Mietpreisen erweitert. Wüest & Partner stellte der SonntagsZeitung dafür den aktuellen Index der Mietpreise zur Verfügung. Der Immobilienberater ging ähnlich vor wie Lison und teilte die Schweiz in Quadrate auf und ordnete jedem Rechteck einen Wert zu. Bei der Verknüpfung der Daten ist die oben aufgeführte Karte herausgekommen. Je dunkler koloriert, desto optimaler ist das Verhältnis zwischen Mietzins und dem Zugang zum öffentlichen Verkehr.
Die Goldmedaille erhält Moutier im Berner Jura. In erster Linie wegen der tiefen Mieten. So ist etwa aktuell am Chemin des Fauvettes 9 eine 3½-Zimmer-Wohnung mit 75 Quadratmetern für 840 Franken zu haben. In Zürich eine Unmöglichkeit. Doch auch verkehrstechnisch ist die Gegend gut erschlossen. Delsberg ist in nur 10 Minuten zu erreichen, Basel in 45 Minuten. Bern in weniger als einer Stunde.
ÖV-technisch noch verlockender ist das Dorf Moosseedorf im Kanton Bern auf Platz zwei. Wohnungen und Häuser sind zwar etwas teurer als in Moutier. Dafür fährt die RBS-Bahn im Viertelstundentakt in die Hauptstadt.
Die Karte zeigt, dass man in Graubünden und in der Waadt für den Mietpreis am wenigsten Mobilität bekommt - während das Berner Mittelland, der Jura und die Ostschweiz, gemessen am Mietpreis, verkehrstechnisch optimal erschlossen sind. Das Tessin fällt in den Grenzregionen deshalb ab, weil im Gegensatz zu Frankreich, Deutschland und Österreich für Italien keine Daten zur Verfügung standen.
Die Kombination von Mobilitäts- und Mietzinsindex könnte natürlich beliebig erweitert werden. Um besser zu eruieren, wo man am besten hinzieht, um bei einer möglichst günstigen Miete maximal vom öffentlichen Verkehr zu profitieren, könnte der Steuerindex miteinbezogen werden. Oder wer beispielsweise in der Nähe einer Schule, eines Kindergartens oder Spitals leben möchte, für den könnten Standorte solcher Einrichtungen berücksichtigt werden. Wem saubere Luft besonders wichtig ist, der könnte örtliche Messungen zur Luftverschmutzung integrieren.
Aber nicht nur Passagiere, auch die SBB können von der Öffnung ihrer Fahrplandaten profitieren. Man stelle sich zum Beispiel vor, der Fahrplan würde mit Mobilfunkdaten der Swisscom zusammengeführt. Die SBB würden in Echtzeit sehen, wie gut Strecken ausgelastet sind, und könnten bei Überlastungen schnell reagieren.
Das Potenzial scheinen die Bundesbahnen erkannt zu haben. So gab SBB-Kommunikationsleiter Daniel Bach der SonntagsZeitung an: «Wir bauen aktuell ein Tool auf, um den Fahrplan über eine simple Schnittstelle zur Verfügung zu stellen.» Das Werkzeug, so Bach, soll im Verlaufe des kommenden Jahres parat sein.
Grossbritannien und die USA machen vor, wie es geht
Auch der Bund selber hat den Trend erkannt, Bürger mehr mit Verwaltungsdaten zu versorgen. Er folgt ihm allerdings erst zaghaft. So hat der Bundesrat im Frühling beschlossen, dass bis zum 1. Januar 2014 ein Angebot von Wettervorhersagen und Klimainformationen kostenlos für die freie Wiederverwendung zur Verfügung stehen soll.
Etwas weiter ist Zürich. Die Stadt publiziert seit Juni Daten in maschinenlesbarer Form auf dem Portal Data.stadt-zuerich.ch - das heisst: in einem Format, bei dem Datensätze von Computern automatisch gelesen und verarbeitet werden können. In der Sammlung sind bereits Sachen wie Messungen der Luftqualität oder die Entwicklung der Immobilienpreise enthalten.
Die sogenannten Open-Data-Vorreiter sind im angelsächsischen Raum zu finden. Die Obama-Regierung zum Beispiel veröffentlicht auf dem Webportal Data.gov so viele regierungsspezifische Daten wie möglich. Von Besuchskarteien des Weissen Hauses bis zum geografischen Verlauf von Tornados seit 1950.
Die britische Regierung tut dasselbe auf Data.gov.uk. Neben Rohdaten werden auch Applikationen angeboten. So können Engländer eine Handy-App herunterladen, die anzeigt, auf welchen Strassen es besonders oft zu Unfällen kommt. Die App wurde nicht von den Behörden entwickelt, sondern von privaten Entwicklern. Die Behörden lieferten nur die Daten.
Die Schweizer Verwaltung besitzt ebenfalls solche Rohdaten, mit deren Hilfe Ähnliches gebaut werden könnte. Doch die Verwaltung gibt ihre Daten nur ungern heraus. So musste die SonntagsZeitung für eine Auswertung von Verkehrsunfällen im Jahr 2011 dem Bundesamt für Strassen (Astra) versprechen, die Daten nach dem Gebrauch vollständig zu zerstören. Auf keinen Fall sollten sie frei im Internet zur Verfügung stehen.
Als Argument gegen offene Daten wird oft ins Feld geführt, dass der Datenschutz nicht gewährleistet sei. Im Fall der Astra-Daten könnten Unfallangaben auf Einzelpersonen zurückgeführt werden. Ein weiteres Argument betrifft die Kosten. Euphorische Studien prognostizieren zwar einen gesamteuropäischen Wachstumsimpuls von 40 Milliarden Euro. Tatsächlich sind die Kosten der Datenaufbereitung oder mögliche Ertragsausfälle im Vergleich zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung offener Daten nicht abzuschätzen.
Die bisher einzige Schweizer Studie zum Thema Open Data, durchgeführt von der Berner Fachhochschule und der Zürcher Firma Itopia, geht allerdings von einem Mehrwert für die Schweiz aus. Alleine schon die Erhebung von Geodaten etwa - zur Raumplanung oder für die Telekommunikationsinfrastruktur - kostet heute schon jährlich zwischen 250 und 300 Millionen Franken. Momentan erzielt der Bund mit dem Verkauf dieser Daten an Dritte nur 13 Millionen Franken. Die Studie geht davon aus, dass mit Geo-Daten volkswirtschaftlich ein Mehrfaches generiert werden könnte, würden diese frei publiziert. Langfristig würden sich für den Bund also offene Daten lohnen.
Mitarbeit: André Lison, Datenanalyse
Publiziert am 12.08.2012
von: sonntagszeitung.ch
