Beitrag vom 26.06.2011

«Dieser Entscheid zerschlägt die Logik des Internets»

Der Schweizer Sicherheitsexperte Marc Ruef kritisiert die Erweiterung der Webadressen um Endungen wie .apple oder .bank

Vergangene Woche hat das US-amerikanische Non-Profit-Unternehmen Icann, das Top-Level-Internetdomains wie .com oder .org verwaltet, einen historischen Entscheid gefällt: Künftig sollen Endungen wie .bank oder .essen zugelassen werden. Sie kritisieren dies. Weshalb?

Ich halte den Entscheid für gefährlich. Er zerschlägt die Logik des heutigen Internets.

Es waren doch schon länger Endungen wie .museum oder .info möglich.

Das stimmt. Doch ausser .org haben sich diese Endungen kaum durchgesetzt. Das Gute an den Länder-gebundenen Top-Level-Domains ist die Übersicht für den Nutzer. Neu wird er sich Fragen stellen müssen wie: Ist nun ubs.com, bank.ubs oder ubs.bank die offizielle Website meiner Bank?

Wenn sich .info oder .museum nicht durchgesetzt haben, warum soll dies neuen Namen gelingen?

Ein Unternehmen wie Apple, für das die Marke alles ist, wird an den neuen Endungen sehr schnell Gefallen finden. Und mit dem Apple-Marketing könnte es für andere Brands sehr schnell zum guten Ton gehören, die eigene Top-Level-Domain zu besitzen. Für den Nutzer aber bedeutet dies wie gesagt eine neue Unübersichtlichkeit. Aber was noch viel schlimmer ist: Es ergeben sich noch mehr Möglichkeiten für Cyberkriminelle, Internetnutzer in die Falle zu locken.

Geben Sie uns ein Beispiel.

Wenn alle Banken der Welt unter .bank zusammengefasst sind, haben Hacker viel weniger Barrieren für Attacken. Sie erreichen zum Beispiel beim Phishing, der Simulation von Websites, um Daten von E-Banking-Formularen zu stehlen, die ganze Welt und nicht mehr die Nutzer eines Landes. Und Spammer haben mehr Möglichkeiten, falsch geschriebene Adressen auszunützen: zum Beispiel .orq statt org.

Aber wenn Städte wie .bern, .basel oder .zürich ihre eigenen Endungen bekommen, und alle Städte-relevanten Informationen gesammelt werden, ist das doch eine gute Sache.

Irgendwer muss dafür bezahlen. Allein die Registrierung jeder einzelnen Top-Level-Domain kostet 185 000 US-Dollar. Für ein Unternehmen wie Apple ist das ein Klacks. Städte müssen solche Ausgaben aber erst vor dem Steuerzahler rechtfertigen. Der Entscheid der Icann hat deshalb nur das Ziel, den Geldfluss weiter zu sichern, und zwar auf Kosten der Nutzer. So handelt kein Non-Profit-Unternehmen, und als solches bezeichnet sich die Icann noch immer.

Barnaby Skinner

Publiziert am 26.06.2011
von: sonntagszeitung.ch





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