Beitrag vom 19.06.2011

«Schluss mit der Junta»

Volksversammlung auf dem Syntagma-Platz in Athen:

Näher an Kairos Tahir als an der Porta del Sol in Madrid

Foto: Key


35 Jahre nach Ende der Diktatur fordern die Griechen einen Neuanfang

Von Chrissi Wilkens

Athen Seit dem 25. Mai protestieren Hunderttausende Griechen, die sich als «empörte Bürger» bezeichnen, auf zentralen Plätzen der griechischen Städte gegen den radikalen Sparkurs der sozialistischen Regierung. Während Europa mit Sorge die Entwicklung der griechischen Schuldenkrise verfolgt, sehen sich die Menschen als Opfer von Politikern und Banken.

Auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament in Athen stehen riesige Plakate mit Parolen gegen die Regierung und die politischen Parteien. «Schluss mit der Apathie. Direkte Demokratie», steht auf einem. Täglich werden Diskussionen mit Experten und einfachen Bürgern zur Krise und zu möglichen Auswegen abgehalten.

Efi, eine junge Arbeitslose, sitzt mit gekreuzten Beinen auf dem Platz, ihr Blick ist auf das Parlamentsgebäude gerichtet. Seit mehr als einem Jahr ist die 28-Jährige arbeitslos. «Die Politiker haben uns unseren Lebensraum geraubt», sagt sie wütend. «Wir haben keinen Zugang mehr zum Arbeitsmarkt, kein Zugang zum Geld, und bald wegen der Privatisierungspläne keinen Zugang mehr zu öffentlichen Gütern.» Offizielle Daten, was die Jugendarbeitslosigkeit angeht, sind erschreckend: Unter den 15- bis 24-Jährigen sind bereits 42,5 Prozent arbeitslos. Im Vorjahr waren es 29,8 Prozent gewesen.

Politiker werden auf der Strasse angegriffen

Zusammen mit den Arbeitslosen protestieren Angestellte, Rentner, Familien und Studenten. Experten schätzten, dass bis zu drei von über 11 Millionen Griechen bereits an diesen Protesten teilgenommen haben. Laut einer Studie des Instituts Public Issue bezeichnen 85 Prozent der Befragten diese Bewegung als «sehr wichtig». 41 Prozent der Befragten geben an, dass sie sich zu keiner Partei mehr zugehörig fühlen. Der Unmut gegen korrupte Politiker ist gross. Immer öfter werden diese auf der Strasse oder in staatlichen Gebäuden von wütenden Bürgern verbal oder physisch angegriffen. Zwar sind seit Ende der Militärdiktatur mehr als 35 Jahre vergangen. Trotzdem skandieren Demonstranten wieder und wieder: «Schluss mit der Junta.»

Stavros, ein 35-jähriger Anwalt, ist Teil der Bewegung der «Empörten Bürger». In einer Arbeitsgruppe setzt er sich zusammen mit anderen mit juristischen Themen auseinander. Beispielsweise mit der Frage nach der Immunität von Politikern. Er erläutert die Motive, welche die Leute seiner Meinung nach auf die Strasse gebracht haben: «Viele protestieren gegen die Straflosigkeit der Politiker, aber auch gegen die Tatsache, dass Entscheidungen getroffen werden, ohne dass das Parlament befragt wird.» Viele der Forderungen der Griechen würden denen ähneln, welche schon Spanier oder Portugiesen auf die Strasse brachten. Sie hätten mit der heutigen Funktion des Finanzsektors zu tun.

Der Juraprofessor Kostas Douzinas schrieb vor kurzem in einem Artikel: «Syntagma ist jetzt näher an Kairos Tahrir-Platz als an der Puerta del Sol in Madrid.» Die Erfahrung, täglich vor dem Parlament zu stehen und die Politik zu konfrontieren, habe positive Veränderungen gebracht und bereitete den Eliten zum ersten Mal Sorgen.

In der Studie von Public Issue schätzen 81 Prozent der Befragten, dass die Proteste weitergehen, und 52 Prozent, dass sie damit sogar etwas erreichen können. Diese Einschätzung teilt auch Alexandra, eine 48-jährige Privatangestellte. Vom Protestieren erschöpft, strahlen ihre Augen trotzdem: «Dies hier ist ein Atem des Lebens für mich.» Es sei unglaublich, wie viele Leute sich aus unterschiedlichen politischen Ausrichtungen zusammengeschlossen haben, um eine bessere Zukunft für Griechenland einzufordern.

Publiziert am 19.06.2011
von: sonntagszeitung.ch





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