Aus der aktuellen Ausgabe

Basel kämpft um seine Eishockeykultur

Die drittgrösste Schweizer Stadt hat einen Fussballclub, der alles überstrahlt - und einen zweitklassigen EHC, der die Massen kaltlässt

Von Kai Müller

Basel/Zürich Sie strömen aus allen Himmelsrichtungen zum Stadion, sie kommen zu Fuss, mit Cars, Autos, mit überfüllten Trams. Sie tragen Trikots, Schals, schwenken Fahnen, singen. Sie machen aus Heimspielen Events. Sie, das sind die Fans des FC Basel. Jenes Clubs, der nicht nur die Schweizer Fussballszene überstrahlt, sondern auch alle anderen Sportvereine in der Stadt. Auch den auf der anderen Seite der St.-Jakob-Strasse, den EHC Basel.

Nur wenige Meter liegen zwischen den beiden Spielstätten. Meter, die zwei Welten trennen. Die Eishockeyaner müssen sich seit Jahren mit einem überschaubaren Publikum begnügen. Nur 1143 Zuschauer kamen im Schnitt zu den 16 NLB-Heimspielen dieser Saison. «Natürlich schaut man über die Strasse, aber nicht aus Neid», sagt Geschäftsführer Pascal Suter. «Wir können viel vom FCB lernen. Er war vor 15 Jahren auch nicht dort, wo er heute ist.»

Betrachtet man die Schweizer Eishockey-Landkarte, tritt Basel als Sonderfall hervor. Von den fünf grössten Städten im Land fehlt nur in der Nordwestschweiz ein NLA-Club. Klar, Lausanne hat den Aufstieg nach mehreren Anläufen erst im Frühling geschafft, doch der EHC Basel ist selbst weit davon entfernt, die zweithöchste Liga zu dominieren. «Wir haben alles, wovon andere träumen: eine gute Infrastruktur, einen starken Wirtschaftsraum. Aber in Basel ist es extrem wichtig, dass man Erfolg hat, damit Zuschauer kommen», sagt Suter.

Mehrere Generationen an Fans gingen verloren

Präsident Matthias Preiswerk hat vor einem Jahr errechnet, dass sich in einem Ballungsraum wie Basel rund 30 000 Menschen für Spitzensport interessieren und gegen 60 Millionen Franken ins Sportsponsoring fliessen. «Es gibt die Swiss Indoors, den CSI und den FCB, die den Grossteil verschlingen. Für Eishockey, Handball und Volleyball bleiben nur noch Brosamen übrig», sagt der Bankier.

Dass die Zuschauerzahlen, die Catering- und Sponsoreneinnahmen beeinflussen, derart resultatabhängig sind, hat Gründe. Das Konkurrenzangebot ist vielseitig, auch kulturell bietet die Stadt Anlässe von grosser Anziehungskraft. Und in Basel fehlt eine Hockeykultur. «Wir haben zwei, drei Generationen verloren, weil Eishockey hier so lange in der Versenkung verschwunden war», sagt Suter.

Längst verblasste Erinnerungen sind die Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg, als Basel die Meisterschaft 1946 und 1952 auf Platz 2 hinter Davos respektive Arosa beendete und der grösste Club im Land war. Bis zu 12 000 Fans kamen auf die Kunsteisbahn St. Margarethen, im Volksmund liebevoll zur «Kunschti» verkürzt. In den Folgejahren der sportlichen Dürre mit vier Dekaden zwischen NLB und 2. Liga geriet Eishockey immer mehr in Vergessenheit.

Nach der Jahrtausendwende nahm der Verein mit einem grossspurigen Projekt einen neuen Anlauf, die Gunst der Bevölkerung zurückzugewinnen. Im Oktober 2001 erfolgte der Spatenstich zum einjährigen Bau der St.-Jakob-Arena, wenige Monate später stieg Unternehmer Rudolf Maag als Investor ein. Das Budget wurde auf die Meisterschaft 2002/2003 massiv erhöht, Ende Saison reichte der NLB-Meistertitel zum Aufstieg.

Nach dem direkten Wiederabstieg kämpfte sich Basel 2005 zurück in die höchste Spielklasse und blieb drei Jahre Teil davon. Nur eines änderte sich kaum: das Interesse der Bevölkerung. Selbst im ersten Winter, als die Playoff-Qualifikation gelang, wollten pro Match nur 3366 Fans das zusammengekaufte Team sehen, danach wurden es weniger und weniger. Ueli Schwarz, damals Geschäftsführer, sagt: «Wir wollten um jeden Preis aufsteigen. Wir hatten die Mittel und wollten nach dem Top-down-Prinzip eine Kultur aufbauen, mit einem strahlkräftigen Fanionteam als Startpunkt.»

Der heutige Verbands-Sportdirektor sah das Projekt bald scheitern und reichte im November 2007 den Rücktritt ein, wenige Monate vor dem erneuten Abstieg. «Wir wollten Hockey in Basel wieder verwurzeln, bissen uns aber die Zähne daran aus. Kurzfristig erreichten wir unsere Ziele, arbeiteten aber nicht nachhaltig.»

Das Verliererimage aus der NLA wirkt immer noch nach

Die aktuelle Clubführung um Preiswerk, der 2008 vom Verwaltungsratsmitglied zum Präsidenten aufstieg, spricht denn auch von Versäumnissen in jener Zeit, von einem Versuch, ein Spitzenprodukt zu züchten. «Mit einem Mäzen im Hintergrund wollte man zu schnell zu viel, ohne zuerst ein solides Fundament zu errichten.» Er glaubt, noch heute gegen das Verliererimage anzukämpfen, das Basel in seinem letzten NLA-Jahr mit nur fünf Siegen aus 63 Spielen zementierte.

Die Strukturen haben sich seither verbessert. Über 200 Nachwuchsspieler zählt die Organisation, seit die grössten Talente aus den umliegenden Amateurclubs Rheinfelden, Zunzgen-Sissach und Laufen per Abmachung in die Stadt wechseln, erste haben es ins NLB-Team geschafft. Was fehlt, ist Erfolg. Im Schnitt 500 Zuschauer mehr würden benötigt, um eine Saison ohne Defizit abzuschliessen. So muss der Verwaltungsrat regelmässig gegen 1,5 Millionen Franken einschiessen. Bei einem Budget von rund 4 Millionen.

Preiswerk: «Wenn es länger so weiterläuft, dann ist fertig»

Preiswerk fordert, dass sich der EHC schnell in der NLB-Spitze etabliert. «So, wie wir sportlich dastehen, macht es keinen Spass. Und Leute, die mich kennen, wissen, dass ich keine Geduld habe», sagt der Quereinsteiger und lacht. Die Basler sollten das als Drohung verstehen, fügt er doch an: «Wenn es länger so weiterläuft, dann ist fertig.» Was er meint, ist klar. Nur stellt sich ein Problem: «Ich habe noch niemanden gefunden, der für mich einspringen würde.»

Der Präsident hängt emotional zu sehr am Club, als dass er ihn hängen lassen würde. Aber vielleicht gelingt ja bald der Vorstoss unter die besten B-Teams. Bis Basel jedoch wieder einen Eishockeyverein hat, der Massen anzieht, wird es noch länger dauern.

Publiziert am 05.01.2014




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