Aus der aktuellen Ausgabe

«Es ist erst vorbei, wenn er aufhört»

Coach Peter Lundgren über Roger Federer, mit dem er vor zehn Jahren in Wimbledon gewann

von René Stauffer

WIMBLEDON Vor zehn Jahren war Peter Lundgren der Coach Roger Federers, als dieser in Wimbledon den ersten Pokal errang. Dieses Jahr erlebte der 48-jährige Schwede das Scheitern des Titelverteidigers gegen Sergei Stachowski in Wimbledon als Betreuer des Amerikaners Michael Russell. Der frühere Profi arbeitete mit Federer ab August 1997 und führte ihn bis auf Rang 2 der Welt, ehe es Ende 2003 zur Trennung kam. Er betreute unter anderem auch Marcelo Rios, Tomas Enqvist, Marat Safin und 2010/11 Stanislas Wawrinka. Inzwischen arbeitet er in Houston, Texas, als Clubtrainer.

Dachten Sie in Wimbledon oft ans Jahr 2003?

Es ist schon erstaunlich: bereits zehn Jahre . . . Können Sie glauben, wie schnell die Zeit verfliegt?

Kamen viele Emotionen hoch?

Immer, wenn ich in Wimbledon bin. Dieser Titel, sein erster Grand-Slam-Sieg, ist die grösste Erinnerung, die ich mit ihm habe. Ich bin schon etwas stolz darauf, dass ich damals mit ihm war.

Welches ist die prägendste Erinnerung, die Sie daran haben?

Vor dem Viertelfinal gegen Sjeng Schalken hatte er starke Rückenschmerzen. Dann begann es plötzlich zu regnen, und es regnete immer weiter. Das gab ihm die Chance, sich zu erholen und wieder fit zu werden. Das war kapital. Sonst wäre es für ihn schwierig geworden, in jenem Jahr zu gewinnen.

Sie sagten einst, bei Federer könnte der Ketchup-Effekt eintreten - erst kommt nichts, dann plötzlich alles. Sie hatten recht. Aber hätten Sie sich vorstellen können, dass er gleich sieben Wimbledontitel holt?

Der erste grosse Titel ist immer wichtig. Die Leute fragten mich oft: Warum gewinnt er kein Grand-Slam-Turnier? Ich sagte: Er ist noch nicht bereit dazu. Alles braucht seine Zeit. Schauen Sie sich die Spieler von heute an: Die sind 25 oder 28 Jahre alt, wenn sie wirklich gut werden. Wimbledon war für ihn schon immer speziell. Hier gelang ihm mit dem Sieg über Pete Sampras 2001 der Durchbruch, damit wurde er berühmt. Im Jahr darauf verlor er auf brutale Weise gegen Ancic, ein Jahr später holte er den Titel.

Wie beurteilen Sie die Niederlage gegen Stachowski?

Ich sah nicht alles, aber Teile davon. Michael Russell, den ich betreue, hatte mit Stachowski trainiert, und ich merkte da schon, dass er enorm gut in Form ist. Natürlich sollte er im Normalfall gegen Federer nicht gewinnen. Es brauchte auch einen dieser Tage, an denen er nicht hundert Prozent seiner Leistung bringt. Dass er 36 Mal in Folge die Viertelfinals an Majorturnieren erreicht hatte, ist ein unglaublicher Rekord. Es ist schade für das Turnier, dass er und Nadal nicht mehr dabei sind. Das Tableau hat sich auf erstaunliche Weise geöffnet.

Wie beurteilen Sie Federers Leistung?

Ich finde nicht, dass er sehr schlecht gespielt hat. Er hatte nicht seinen besten Tag, aber Stachowski gelangen auch grossartige Schläge, wenn er sie benötigte. Und er hatte absolut nichts zu verlieren. Er traf auf den besten Spieler aller Zeiten, ging einfach raus auf den Platz und zog seinen Match durch. Es war ähnlich mit Dustin Brown, der Lleyton Hewitt schlug, oder mit Steve Darcis, dem gegen Nadal vielleicht der Match seines Lebens gelang.

Was erwarten Sie von Federer in Zukunft noch?

Ich bin sicher, er wird zurückkommen, problemlos. Schon früher sagten mir viele Leute: Jetzt ist es mit ihm vorbei. Aber es wird erst vorbei sein, wenn er seine Karriere beendet. Nicht vorher. Solange er dieses Spiel betreibt, wird er immer Chancen haben, einen Grand Slam zu gewinnen.

Wie lange wird er noch spielen?

Ich hoffe für ihn und das Tennis, noch lange. Er liebt dieses Spiel, und ich glaube, dass er sich noch frisch fühlt. Er spielt nicht zu viel und sieht fit aus. Es hängt nur von ihm ab, ob er das Feuer noch hat. Wenn es erlischt, sollte er stoppen. Aber ich denke, dass er noch viel Tennis in sich hat. Er gewann ja in Halle eben den 77. Titel. Und er hat, zusammen mit Wawrinka, in Pierre Paganini den besten Fitnesscoach der Welt.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu ihm entwickelt? Haben Sie noch oft Kontakt?

Ja. In Wimbledon traf ich ihn auf dem Trainingsgelände. Er taucht heutzutage nicht mehr so oft auf, und es ist schwierig, ihn zu treffen. Aber wenn wir uns sehen, ist alles wie früher. Es ist ein wunderbares Gefühl. Er ist immer noch der Gleiche, und das mag ich sehr. Es ist ja schon lange her, seit wir zusammenarbeiteten. Wir sind immer noch gute Freunde.

Sprachen Sie mit ihm darüber, was vor zehn Jahren geschah?

Nein, diesmal nicht. Wir sprachen über die Kinder, er fragte nach meinen und ich nach seinen. Aber ich will ihn nicht zu lange stören, um ihn herum sind immer viele Leute, die etwas von ihm wollen.

Kann Federer nochmals die Nummer 1 werden?

Er versucht sicher noch, möglichst gut klassiert zu sein. Aber wenn man zurückfällt, wird es schwieriger und schwieriger, man erhält auch schlechtere Setzungen. Ich denke, dass er sich auf die Turniere konzentriert, die er gewinnen will, aber trotzdem auch auf das Ranking schaut.

Reisen Sie als Coach von Russell nun wieder regelmässig durch die Tennistour?

Nein, nein, das ist vorbei, das habe ich viele Jahre gemacht. Ich helfe ihm gelegentlich, weil er ein netter Kerl und harter Arbeiter ist und bei mir im Club trainiert.

Wie sieht Ihr neuer Alltag in Texas üblicherweise aus?

Ich unterrichte fünf, sechs Stunden pro Tag, arbeite mit guten Junioren, älteren Leuten, Klubmitgliedern. Es ist etwas anderes, aber es macht Spass. Es ist angenehm, eine Basis zu haben und im eigenen Bett zu schlafen, und mir gefällt auch das Klima. Jetzt ist es fast 40 Grad warm. Aber ich hatte in meinem Leben schon genug kalt. In zwei Wochen kommt mein Sohn, Lukas. Er ist 15, will Tennisprofi werden und hofft, ein Collegeteam zu finden.

Publiziert am 30.06.2013




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