Aus der aktuellen Ausgabe

Mit Kind und Kegel die Wand hoch

Elena, 10 in der Gneiswand:

Wo Konzentration und Verantwortung übernehmen Spass machen

Foto: B.van Dierendonck


Unter kundiger Leitung ist Klettern ein idealer Familiensport

von Bernard van Dierendonck

Die runden Gneisfelsen überragen den Kastanienwald von Arcegno um 60 Meter. Einer der steinernen Tessiner Buckel heisst Pozz di Butt. Seine Westflanke fusst in einem kleinen Tümpel, während die Ostseite senkrecht bis überhängend in den Wald abbricht. Der Pozz di Butt ist das idelae Kletterrevier für Kinder und Familien. 20 Routen wurden perfekt mit Bohrhaken abgesichert und sind von geringer bis moderater Schwierigkeit.

«Stand», piepst die zehnjährige Elena zögerlich über die Baumwipfel hinaus. Sie ist die erste Seillänge vorgestiegen, hat sich gesichert und zieht am Seil. Aber es bleibt gespannt. «STAND!», doppelt das zierliche Mädchen lautstark nach. Das Seil lockert sich endlich. Elena zieht es hoch und sichert mit Halbmastwurf ihren Seilpartner, den Bergführer und Alpinschule-Inhaber Thomas Zwahlen. Neben Elena klettern Dominik, 9, und Roman, 12, selbstständig als Zweierseilschaft in der Mehrseillängenroute am Gneis in der Nähe von Ascona. Eigentlich sind die Kinder zusammen mit den Eltern an dieses Familienkletterwochenende ins Tessin gefahren. Nun klettern sie aber für ein paar Stunden ausser Reichweite von Mama und Papa.

Die Erlebnispädagogin Anita Rossel wechselt zwischen den beiden Alterskategorien hin und her. Als Organisatorin koordiniert sie bei der Thuner Alpinschule Bergfalke die Kinder- und Familienkletterkurse. «Es bewährt sich, wenn Kinder und Eltern zeitweise unter sich bleiben», sagt Rossel. «So können wir die Eltern gezielter im Umgang mit Kindern in den Bergen schulen.» Ziel der Übung: Die Trennung bewahrt ehrgeizige Väter davor, ihre Söhne zu stressen und hält Mütter davon ab, Töchter am Berg zu unterfordern.

Während die Jungseilschaften eine etwas steilere und griffigere Stelle in Angriff nehmen, versuchen sich Eltern und ältere Geschwister an den anspruchsvolleren, aber kürzeren Kletterrouten auf der anderen Seite der Felskuppe. Hier behält der zweite Bergführer, Hans-Peter Imboden, den Überblick. Er demonstriert, wie man sich auch von Kindern sichern lassen kann und kontrolliert bei den Erwachsenen die Anseilknoten.

Der Ernst der Sache bringt Ruhe und Selbstvertrauen

Meggi, Mutter von Dominik, klettert zum zweiten Mal. Sie schnürt die Kletterschuhe noch etwas satter und schwärmt vom neu entdeckten Familiensport. «Klettern ist für meinen Sohn und mich eine neue Herausforderung. Denn im Alltag kann ich dem neunjährigen Wirbelwind sportlich zu wenig bieten», sagt die Mutter. Klettern fordert Kids physisch. Der Ernst der Sache bringt Ruhe und Selbstvertrauen. Sie lernen, sich zu konzentrieren und übernehmen direkte Verantwortung.

Die Kurse der Bergfalken, die als kommerzieller Anbieter Kinder- und Familienbergsteigerlager im Sommer und Winter anbieten, sind beliebt. Während der Schulferien und an Wochenenden treffen sich bis zu zwanzig junge und ältere Teilnehmer am Fels. Die Kundschaft ist gemischt - ganze Familien, Kinder mit Götti oder Gotte, alleinerziehende Mütter und Papis, die auf spannende Ferien mit dem Nachwuchs hoffen.

Beim Schweizer Alpen-Club (SAC) hat das Kinder- und Familienbergsteigen Tradition. Der Verband bietet professionell geführte und in den regionalen Sektionen auch ehrenamtlich geleitete Wochen und Wochenenden an. Christian Frischknecht, beim SAC Bereichsleiter für Bergsport und Jugend, erklärt: «Wir sensibilisieren angehende Leiter vor allem für zwischenmenschliche Probleme. Wer im Gelände in die Alltagsstrukturen von Familien eingreift, braucht Fingerspitzengefühl.» Auch der Verband trennt in den Kursen zeitweise die Kinder von den Erwachsenen. Bergführer Frischknecht erinnert sich an eine grobe Fehleinschätzung: «Ein Vater bezeichnete seinen Sohn als Problemkind. Der Kleine gehorche nur, wenn er als Vater dabei sei.» In der Tat machte der Junge Ärger - aber nur, solange der Vater ihn betreute. «Kletterte jeder für sich in einer Gruppe, wurde aus dem Problemkind ein guter Kumpel», so Frischknecht.

Die Jungseilschaften in der Gneiswand von Arcegno klettern ruhig und entspannt von einem Standplatz zum nächsten in Richtung Gipfel. Bergführer Zwahlen gibt hier einen Tipp zum Sichern und weist dort die Kinder auf den nächsten Griff oder Tritt hin. Beim Klettern mit Kindern braucht der Bergführer Ruhe und Geduld. Er ist angehalten, den kleinen Bergsteigern möglichst viel Selbstverantwortung zu übergeben.

«Das hät gfägt», gratulieren sich die jungen Gipfelstürmer

Zwahlens zehnjährige Kletterpartnerin Elena kraxelt routiniert über dem Standplatz eine steile Felsschuppe empor. Nach drei Seillängen ist der runde Gipfel erreicht. Elena sichert den Bergführer nach. Dicht auf seinen Fersen folgen die beiden Buben. «Das hät gfägt», schwärmen die jungen Gipfelstürmer und gratulieren sich gegenseitig mit kräftigem Handschlag, als hätten sie eben den Mount Everest bezwungen.

Nach vollbrachtem Tageswerk am Berg interessiert den Nachwuchs nur eins. Elena und die Jungs wollen wissen, wann es zurück zur Unterkunft und zur zwischen zwei Palmen aufgespannten Slackline geht. Hans-Peter Zwahlen schmunzelt. Auf dem sehr populären Schwabbelband übt auch der Bergführer gerne neue Balanciertricks. «Kinder sind keine Erwachsene im Kleinformat», sagt er. «Sie teilen unsere einseitige Bergleidenschaft nicht immer. Während wir Älteren lieber bis zum Eindunkeln klettern würden, ist bei den Kindern das Rahmenprogramm ebenso wichtig.

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Infos: Familien- und Kinderklettern

Kinderklettern: Die Anbieter unterscheiden zwischen Familien- und Kinderbergsteigen. Für beide Kurse braucht es keine alpinistischen Voraussetzungen. Klettermaterial kann bei den Veranstaltern für die Kinder oft gratis ausgeliehen, für Erwachsene günstig gemietet werden.

Anbieter: Alpinschule Bergfalke, Tel 079 502 50 80, www.bergfalke.ch
Die Alpinschule führt mindestens einmal pro Monat eine Kinder-, resp. Familienaktivität durch.
SAC, Tel 031 370 18 30, www.sac-cas.ch

Arrangements Bergfalke:
- Kletterwochenenden (Berner Oberland, Jura), inkl. Halbpension: Erwachsene 160, Kinder (ab 7 Jahren) 90 Franken.
- Kletterwoche im Tessin,10.-16.10., inkl. HP: Erwachsene 590, Kinder 340 Franken.
- Swiss Outdoorweek, 31.7.-8.8. 2010: Klettern, Abseilen, Gletscherwanderungen, Wildnisküche für Familien in der Region Sustenpass. Übernachten im Zelt oder Massenlager. 1 Tag für Erwachsene 80, für Kinder 40 Franken.

Weitere Bergsteigerschulen:
www.bergsportschulen.ch

Publiziert am 11.07.2010




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