Reiseknigge: USA

Reise- und Verhaltensinformationen für die USA.

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Aus der aktuellen Ausgabe

Im Labyrinth der Farben und Gerüche

Im Souk von Aleppo:

Geschäftiges Treiben in der Hauptgasse, eine Auswahl farbenprächtiger Mezze,
Apotheker, die mit ihren Zauberkräutern und Gewürzen auf Kunden warten

Fotos: Frank Heuer/Laif


Die syrische Stadt Aleppo war ein Knotenpunkt der Kulturen, ihr Souk ist der grösste und eindrücklichste der Welt

Von -minu

Das Erste, was sie einem in Aleppo anbieten: frischen Granatapfelsaft. Er schmeckt pelzig auf der Zunge, macht aber fit - allerdings auch Flecken auf dem Hemd. Das zweite Angebot: die Shisha, eine gurgelnde Wasserpfeife. Männer in Pluderhosen rennen herum, erkundigen sich nach jedem sechsten Zug, ob alles in Ordnung sei («Blubberblubber okay?»). Dann legen sie mit einer Pinzette Kohlenstücke zum Tabakbällchen nach, ein Tabak, der nach Rosen, Caramel oder Kandiszucker schmeckt.

«... wenn du wirklich gut essen willst, musst du ins Christenviertel», das ist Bens Wort zum Tag. Ben ist unser Fahrer. Er brettert die Hotelgäste auf einem verros-teten US-Motorrad durch die Stadt. Allah selber muss seine Hand über dem klapprigen Vehikel halten, dass es sich nicht in seine Bestandteile auflöst. Ben ist auch ein Feinschmecker. Wie alle Syrer hat er das Kochen erfunden: «Jedes Gewürz dieser Erde ist mal bei uns vorbeigekommen. Aus jeder Ecke der Welt haben sie ihre Köstlichkeiten hierher gebracht. So etwas prägt die Küche.» Nun ja. Ich will die Sache nicht mieser machen, als sie ist. Aber - ganz unter uns - die legendären syrischen Hühner sind trocken wie die Wüs-te vor der Tür. Und wenn die Lämmer auch noch so dick mit Kardamom und Minze einbalsamiert worden sind, so verströmen sie als Eintopf stets diesen allzu penetranten Hautgout, den auch eine noch so gewürzte Honig-Essig-Sauce nicht bodigen kann. Die klebrigen Teigdingelchen allerdings, die sie zum Dessert auffahren lassen - die sind okay. Zumindest für denjenigen, der es üppigdolce und honigtriefend mag. Ein einziger Bissen hat die Kalorienzahl eines Sechsgangmenüs, lässt jedoch in jedem süssen Gourmetgaumen die Zimbeln klingen.

Terrorakte und Entführungen schreckten die Touristen ab

Einst war Aleppo ein In-Ort. Schon die Ammoniter haben hier den Wettergott Hadad um Abkühlungen angefleht, und wer je bei 45 Grad im Schatten auf den City-Bus von Aleppo gewartet hat, weiss weshalb! Im Osmanischen Reich zählte Aleppo 50 000 Einwohner, heute sind es 1,7 Millionen. In den 80er-Jahren blühte in der zweitgrössten syrischen Stadt der Tourismus wie der Jasminbusch am Ort. Doch Fernsehbilder von blutigen Terrorakten im Nahen Osten, Entführungsgeschichten und die Angst vor al-Qaida haben den Touristenstrom versiegen lassen. Die Flüge aus Europa pendeln immer erst um Mitternacht herum ein, auch das trägt nicht zur Touristenentwicklung bei.

Hier soll schon Abraham all seine Herden geweidet haben

Im Jahr 2006 wurde Aleppo zur Kulturhauptstadt des Islams ausgerufen, dennoch ist man als europäischer Tourist in Syrien ein Exot (anders rund um Palmira, wo die einzigartigen Ausgrabungen viele Tagesbesucher aus Damaskus und den Nachbarländern anlocken). Das Wahrzeichen Aleppos ist die Zitadelle. Ben rattert mit uns hin. Er selber lümmelt in einer der zahlreichen schattigen Teestuben am Fuss der Burg herum, während wir die Stufen hochkeuchen, um dann auf einer der Terrassen mit einem weiten Blick über die Stadt sowie einem arabischen Kaffee, dick wie Griessbrei, belohnt zu werden.

Nach dem Zitadellenhügel richtet sich alles und jeder. Hier soll schon der von den Muslimen hochverehrte Stammvater Abraham seine Herden geweidet haben. Hier haben Sultane gelebt; Griechen, Römer und Byzantiner haben sich auf dem 40 Meter hohen Wall gegen den Feind gewehrt. Nur die Mongolen haben alles kurz und klein geschlagen - heute sind es die Architekten, die eine der eindrucksvollsten Befestigungen der islamischen Welt zur Sau gemacht und östlich des Hadad-Heiligtums ein Theater hingepflastert haben. Nun bittet man am heiligen Ort zu Popkonzerten.

Ben, der halb schlafend an seiner Wasserpfeife nuckelt, meint, dass wir uns etwas für Seele und Leib verdient hätten. Er lädt mich in den Hamam ein. Das Bad al-Labadiya gehört zu den schönsten Badeanlagen des Orients und stammt aus dem 13. Jahrhundert. Die Sonne schüttet ihre Strahlen durch blaue Glasaugen, welche in die hohen Kuppeln eingegossen sind. Die Räume mit ihren Marmorböden und den blubbernden Brunnen werden in ein gespens-tisches, fast violettes Röntgenlicht getaucht. Real ist nur der fleischige Masseur, der einem die Glieder auf- und zuschnappen lässt, als wäre man ein Sackmesser.

Interessiert steht eine Runde von Syrern um den heissen Stein, auf dem man für die Schönheit geopfert wird. Jedes Knacken der müden Knochen wird kommentiert, sodass der Masseur noch mehr in seiner Arbeitswut angefeuert und das Ganze zur totalen Sado-Show wird. Da helfen später auch die Essenzen von Sandelholz nicht mehr, mit denen der Schlächter einen einbalsamiert wie die Hausfrau den Truthahn mit Butterschmiere. Durchgeknetet wie ein Stück Pizzateig liegt man im Ruheraum. Und wartet nur noch darauf, endlich aufzugehen.

Die Handwerker hämmern und hobeln in alten Karawansereien

Zwei Stunden später fühlt man sich leicht wie eine Feder und schafft den Souk wie auf Wolken. Der Souk von Aleppo ist sicherlich etwas vom Eindrücklichsten, was die Stadt zu bieten hat. Nichts hat sich verändert, manche Baustrukturen stammen aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Und an Hunderten, Tausenden von manchmal kaum hüftbreiten Ständchen werden Bonbons und Sesamstängel, Gewürzsäcke und Damastfäden, Zauberkräuter und Datteln angeboten. Die Zeit ist hier stehen geblieben. Der grösste Souk der Welt (15-mal grösser als Istanbuls grosser Basar) ist in Farbenpracht und traditionsverbundenem Angebot unerreicht.

In den Seitenarmen des überdachten Basars hämmern, klopfen, nähen und hobeln Handwerker in den alten Karawansereien. Da sind aber auch Strassen mit zarten, durchsichtigen Negligés - Dinge, wie man sie bei uns nur in einschlägigen Boutiquen sieht. Hier wühlen die Frauen so ungeniert im Angebot wie Mama Müller beim Schlussverkauf. Zum traditionellen Angebot gehören auch die Seifen von Aleppo, seit Jahrhunderten werden sie handgeschöpft. Und noch heute sind sie aus einer Mischung von Olivenöl und einem Anteil kostbaren Lorbeeröls zusammengesetzt. Ahmed ist der Besitzer einer der rund 50 Seifensiedereien, die sich vorwiegend im Südwesten der Altstadt und seit Generationen in Familienhänden befinden. Er ist wütend über die EU, die den Export dieser Seife wegen des Lorbeeröls untersagt: «Die behaupten, das Öl würde hautempfindliche Menschen verunstalten. Unsere Frauen waschen sich seit Tausenden von Jahren damit und sind berühmt für ihre Schönheit!»

Abends dann der Bummel durchs Christenviertel Judeide, rund 15 000 Christen leben hier. Das Quartier mit seinen restaurierten Palästen (die da und dort auch als Hotel-Oase die Tore und Innenhöfe offen halten) zählt fünf Kirchen und ist wegen seiner gepflasterten Gässchen zum beliebten Wohnquartier geworden. Hier wohnen Christen neben Muslimen, und als wir vor der Maroniten-Kirche einer Braut zuschauen, wie sie von ihrem Vater liebevoll zum Altar geführt wird, ertönt über dem Gesang des Kirchenchors der Ruf des Muezzin - die Sonne ist soeben hinter der Moschee in die tausendundeine Nacht eingetaucht.

Publiziert am 07.03.2010



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