Liebe Natalie Rickli
Es ist Mode, jede Provokation gleich mit Empörung zu adeln. Ich finde Ihren Spruch, der jetzt so viel Lärm macht, überhaupt nicht empörungswürdig: «Die Leute regen sich halt auf, weil zu viele Deutsche im Land sind», haben Sie gesagt. Und gleich eine Ventilklausel für Deutsche vorgeschlagen. Es ist Ihr gutes Recht, von der Befindlichkeit der Leute zu reden, mit denen Sie verkehren. Ich verkehre mit andern, zum Beispiel mit vielen Deutschen, aber was heisst schon Deutsche? Die Menschen aus dem grossen Kanton sind so verschieden wie die Tessiner von den Genfern. Fast alle sind tüchtig und nett und mehren unseren Wohlstand, haben aber einen Nachteil: Sie sprechen besser und schneller Deutsch als wir, und das kratzt am Selbstbewusstsein.
Aber nicht bei allen. Nicht bei den Welschen, die ja eigentlich auch «Leute» sind. Die schätzen nämlich die Deutschen in Zürich enorm: Endlich Menschen, mit denen man in einer lernbaren Kultursprache reden kann! Ja, die Deutschen sind in Genf und Lausanne fast noch beliebter als die Deutschschweizer. In den Feriengebieten gehören sie fast zur Familie. Von mir aus können ruhig noch mehr Deutsche kommen, sie sind mir alle recht, solange sie keine Minarette bauen und in Schulkantinen Currywurst und geräucherten Aal serviert haben wollen. Die bange Frage, die ich mir stelle (und die Sie sich stellen sollten) geht eigentlich andersrum: Was machen wir nur ohne die Deutschen, wenn die mal alle wieder zurück wollen? Vielleicht vorher etwas netter sein mit ihnen?
Mit freundlichen Grüssen, Peter Rothenbühler
Publiziert am 29.04.2012
von: sonntagszeitung.ch






