Lieber Franz Weber
Als Sie vor fünf Jahren Ihren 80. Geburtstag feierten , im romantischen Giessbach-Hotel, das Sie einst vor dem Abriss gerettet hatten, tanzten Sie mit Ihrer Ehefrau noch wie ein Junger. Und kündigten an, dass man noch mit Ihnen rechnen müsse; alle haben applaudiert, aber keiner hätte je geahnt, dass Sie nochmals die ganze Schweiz zum Walzern bringen würden. Eher dachten wir, jetzt geht eine Epoche zu Ende. Auch der Franz Weber wird mal schlappmachen, zum Glück übernimmt Tochter Vera. Aber oha, denkste! Fünf Jahre später feiern Sie Ihren grössten Sieg, das Volk stimmt für Ihre Zweitwohnungsinitiative und krönt damit ein Lebenswerk, das vermutlich noch nicht zu Ende ist: Wenn man sieht, mit welchem Tempo Sie die Treppen Ihres Hauses in Montreux raufeilen, müssen wir uns auf etwas gefasst machen. Was ist Ihr nächster Coup? Mir gefiel immer an Ihnen, dass Sie zwar von der Schönheit der Landschaften schwärmen, aber kein Schwärmer und Sektierer sind, sondern ein eleganter Monsieur, der für seine Anliegen kämpft, bis er Mehrheiten findet. So haben Sie zum Beispiel vor vierzig Jahren entdeckt, dass der Kanton Waadt in der Verfassung ein Initiativrecht kennt, das aber noch nie genutzt wurde! Und hopp, eine Initiative zum Schutz des Rebberges Lavaux gestartet - und an der Urne gesiegt. Ich kann nur sagen, einer wie Sie, der seine heilige Empörung an die Urne bringt, ist mir tausendmal lieber als Leute, die Ihre Empörung mit Campieren in Pärken abreagieren, ohne etwas zu verändern.
Mit freundlichen Grüssen, Peter Rothenbühler
Publiziert am 18.03.2012
von: sonntagszeitung.ch







