Liebe Micheline Calmy-Rey
Sie waren in den letzten Jahren meine Lieblingskorrespondentin, auch wenn Sie mir nie zurückgeschrieben haben. Ich konnte mich immer so schön ärgern über Sie. Und wundern. Noch vor zwei Jahren sagte man Ihnen ein Karriere-Ende mit Schrecken voraus. Jetzt, da Sie durch einen politischen Schluck Tee ersetzt werden, bricht plötzlich so etwas wie Nostalgie aus. War dies die letzte Figur mit Ecken und Kanten im Bundesrat? Kommt jetzt wieder eine Durststrecke der aussenpolitischen Neuenburger Pendulen à la Aubert und Felber? Es weinen die Karikaturisten. Und die Kommentatoren finden endlich, doch, doch, die Frau hats gebracht; an einem Posten, wo prinzipiell nicht viel auszurichten ist, hat sie einiges bewegt, manchmal sogar im Interesse des Landes.
Ihr starkes Auftreten, Ihr Charisma, Ihre Eleganz sind weltweit positiv aufgefallen. Sie sind also drauf und dran, als recht gute Aussenministerin in die Geschichte einzugehen. Wobei vermutlich bei vielen Lobhudlern der leise Wunsch mitschwingt, dass Sie definitiv von der Bildfläche verschwinden, und nicht, wie Sie schon gedroht haben, sich weiter für gewisse Anliegen einsetzen werden (Ärger garantiert!). Ihr Abschied kommt auch in einem Moment, wo eigentlich alle offenen Fragen geklärt sind, ausser einer natürlich: Wer ist eigentlich Ihr Coiffeur? Ich gebe zu, dass ich in den letzten Jahren mehrere Reporter auf die Suche geschickt habe, um den Kerl blosszustellen, leider erfolglos. Jetzt gebe ich es auf. Good luck!
Mit freundlichen Grüssen, Peter Rothenbühler
Publiziert am 01.01.2012
von: sonntagszeitung.ch







