Liebe Micheline Calmy-Rey
Wissen Sie, was das Härteste ist, was Sie im Präsidialjahr erwartet? Der Vergleich mit Doris Leuthard. Von ihr ist einzig der perfekte Eindruck zurückgeblieben, den sie auf internationalem Parkett und auch bei Auftritten in der Heimat gemacht hat. Sogar ihr Graumäuschen-Mann machte bei Empfängen eine prima Falle. Die Garderobe tipptopp, die Roben perfekt, die modische Abstimmung mit Gastgebern immer eins a. Ich weiss, es kommt auf Inhalte an, auf die Politik. Aber das Äussere ist fast so wichtig, gerade bei Frauen, das ist nun mal so. Ihr werdet einfach intensiver, aber auch strenger angeguckt, nicht nur von Männern übrigens, das wissen Sie selbst. Also, wenn ich Ihr Stilberater wäre, würde ich Ihnen nur eins vorschlagen:
Sie sollten keinesfalls versuchen, die liebe Doris auf ihrem Gebiet zu schlagen. Sie gab sich ganz als verführerische, herzige Frau, als Pretty Woman aus dem Aargau, mit Augenaufschlag und blitzendem Lächeln.
Sie haben nur eine Chance: Stilwechsel. Sie haben die Stimme von Marlene Dietrich, die Silhouette einer Garbo, lange Beine, gerade Haltung, da drängt sich der dunkle, androgyne Hosenanzug auf und bei Galas der Smoking von Yves Saint Laurent. Die moderne Frau kann niemand so glaubwürdig verkörpern
wie Sie. Es soll doch am Ende Ihres Präsidialjahres niemand sagen können, Aargauerinnen seien eleganter und stilbildender als Genferinnen. Das wäre noch. Also viel Glück, wir werden Sie scharf beobachten.
Freundliche Grüsse, Peter Rothenbühler
Publiziert am 02.01.2011
von: sonntagszeitung.ch






