Lieber Didier Burkhalter
Sie sind seit über einem Jahr Bundesrat, aber es gibt Sie immer noch nicht. Ich meine, als Figur mit Kanten und Ecken, als Leuchtturm in der Brandung des Gesundheits- und des Bildungswesens. Alle finden Sie nett und freundlich, aber auch unbedeutend. Allseits beliebt zu sein, ist nicht unbedingt ein gutes Zeichen, mein Lieber. Ich frage mich, ob es genügt, wenn man auf die Frage «Was macht eigentlich Didier Burkhalter?» zur Antwort kriegt: «Er arbeitet.» Klar, Sie arbeiten gut, offenbar, Sie suchen den Konsens, Sie knüpfen Kontakte, Sie suchen in Ruhe nach Lösungen und stehen damit in vollem Kontrast zu Kollegen, die das Rampenlicht suchen. Aber man kann ja auch diskret werkeln und trotzdem mal einen zitierbaren Satz rauslassen, eine Idee entwickeln, die zur Debatte Anlass gibt. Mal echt anecken.
Von Ihnen gibts praktisch nichts dergleichen. Am Freitag, beim Gewerkschaftskongress, wurde der Antrag gestellt, man sollte doch auf die Rede von Ihnen verzichten, dann könne man besser über Wesentliches reden. So etwas ist einem Bundesrat noch nie passiert. Die Deutschschweizer denken vielleicht, Sie seien halt eher in der Westschweiz ein Star, darum nehme man Sie weniger wahr. Leider ist das ja nicht so. Ihr Vorgänger Pascal Couchepin ist im politischen Diskurs der Westschweiz viel präsenter als Sie. Animal politique bleibt Animal politique. Neben ihm machen Sie die Figur eines Eichhörnchens der Politik: scheu, herzig und leichtgewichtig. Das müssen Sie ändern!
Freundliche Grüsse, Peter Rothenbühler
Publiziert am 07.11.2010
von: sonntagszeitung.ch






