Lieber Christian Levrat
Sie haben Schwein gehabt. Wäre Fulvio Pelli etwas raffinierter gewesen, stünden Sie jetzt als schlechter Verlierer da. Als einer, der seinen Gegner einen Lügner nennt, und das öffentlich. Aber nein, offenbar ist es Schicksal aller Parteipräsidenten, hie und da von Testosteronstössen und nicht von der Vernunft getrieben zu werden. Gockel Pelli hat gleich zurückgekräht, und wie! Der Avvocato wollte Sie wegen des «Lügners» vor den Kadi zerren. Man stelle sich vor: Pelli gegen Levrat vor dem Berner Bezirksgericht! Spektakulärer als Fütterungszeit im Affenkäfig. Aber wie gesagt, Pelli hat Sie gerettet, indem er mit der Klagedrohung das ganze Interesse sofort auf sich gezogen hat. Und alle sagen mussten: Was? Klagen wegen eines verbalen Ausrutschers im Zorn, wo sind wir eigentlich? Nun sind Sie quitt und können zusammen ein Bier stemmen. Was Ihr übrigens öfter tun solltet. Denn seltsam finde ich an Ihrem Gebaren nicht nur diese plötzliche Dünnhäutigkeit. Ich frage mich auch, wie gut, oder wie schlecht Sie einander eigentlich kennen. Ich meine, ich sehe Fulvio Pelli nicht jeden Tag wie Sie, aber ich würde ihn nie einen Lügner nennen, nur weil er als typischer Tessiner Anwalt seine Karten nie ganz aufdeckt.
Pellis Stil sollte Ihnen eigentlich geläufig sein. Man sieht wieder einmal, dass es eben keine «lateinische» Schweiz gibt: Die Romands und die Tessiner ticken völlig unterschiedlich. Auch der tapsige Christophe Darbellay ist bei Pelli immer wieder aufgelaufen.
Freundliche Grüsse, Peter Rothenbühler
Publiziert am 02.10.2010
von: sonntagszeitung.ch







