Aus der aktuellen Ausgabe

Bischof gegen Kirche

Im Bistum Chur eskaliert ein Streit um Stellen, die über Abtreibung informieren

Von Matthias Halbeis

Chur Bischof Vitus Huonder und sein Generalvikar Martin Grichting machen mobil gegen Abtreibungen und greifen damit gleichzeitig die Autonomie der Bündner Landeskirche in Finanzfragen an. Vergangene Woche stellte Grichting im Parlament der Landeskirche demonstrativ den Antrag, einen Beitrag über 15 000 Franken an die Beratungsstelle Adebar zu streichen. Die vom Kanton und von beiden Landeskirchen getragene Institution hilft Ratsuchenden bei Fragen zu Familienplanung und Sexualität. Grichting stellte den Antrag auch im Namen von Diözesanbischof Huonder. Nach engagierter Diskussion wurde der Antrag jedoch mit 43 gegen 6 Stimmen abgelehnt

Die Ablehnung des Antrags im Wissen um den klaren Wunsch des Bischofs zeige, dass der Bischof auch bei Fragen, die den Glauben direkt betreffen, der Landeskirche völlig ausgeliefert sei. «Es zeigt sich hier exemplarisch, dass die Landeskirche mit den Kirchensteuern macht, was sie will - selbst dort, wo Kernanliegen des Glaubens tangiert sind», so Grichting. Leider sei die Bistumsleitung völlig machtlos. «Mehr als das Wort haben wir nicht zur Hand.»

«Eine konfessionell neutrale Beratungsstelle»

Grichtings Vorstoss ist Teil einer Offensive von Huonder gegen Abtreibungen. Für die Bistumsleitung steht fest, dass die Organisation «an der Tötung ungeborener Menschen» mitwirkt. Grichting: «Adebar tut sicher auch Gutes, aber die Begleitung bei Abtreibungen und die Werbung für Abtreibungspillen ist mit der Lehre der katholischen Kirche über den Schutz des menschlichen Lebens nicht vereinbar.»

Vereinspräsidentin Andrea Bäder Federspiel widerspricht: «Adebar ist eine konfessionell neutrale Beratungsstelle, welche Abtreibungen weder speziell befürwortet noch grundsätzlich ablehnt.» Ihr Auftrag sei es, betroffene Frauen über die gesetzliche Regelung zu informieren und sie darin zu unterstützen, eine selbstbestimmte Entscheidung zu treffen. «Wir wollen Frauen umfassend über alle Wege informieren.»

Laut Bäder Federspiel ist schon länger klar, dass sich das bischöfliche Ordinariat mit den Beiträgen schwertut. Neu sei aber, dass die Auseinandersetzung nun in der Öffentlichkeit stattfinde. Das klare Abstimmungsresultat zeige aber, dass die Landeskirche die Arbeit von Adebar grösstenteils für sinnvoll erachte.

Der Finanzvorsteher der Landeskirche, Conrad Battaglia, wundert sich über Grichtings Vorgehen: «Ich war sehr überrascht, dass der Generalvikar diesen Antrag im Parlament stellte.» War doch der Beitrag in der Exekutive der Landeskirche, wo die Bistumsleitung mit Bischofsvikar Christoph Casetti Einsitz habe, kein Thema. Die Landeskirche werde Adebar nun im nächsten Jahresbericht eingehend vorstellen. «So kann sich jeder Katholik selbst ein Bild machen», sagt Battaglia. Und: «Ich bin überzeugt, dass Adebar auch mit den Beratungen in Schulen gute und seriöse Arbeit leistet.»

Dem pflichtet Bäder Federspiel bei: «Die Beratungsstelle trägt mit ihren Sexualpädagogik-Angeboten auch dazu bei, ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden und so auch die Zahl der Abtreibungen zu verringern.» Immerhin weise die Schweiz eine im internationalen Vergleich tiefe Abtreibungsquote auf, was nicht zuletzt auf die gute Präventionsarbeit zurückzuführen sei.

Publiziert am 30.10.2011




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