Für Trainshare ist der Zug abgefahren
Am 17. Oktober lancieren die SBB ihre App Connect - drei Programmierer fühlen sich übergangen
Eigentlich hatte sich Philipp Küng den Tag für die Prüfungsvorbereitung reserviert. Doch nachdem der ETH-Informatikstudent via Twitter den Hinweis auf eine neue Smartphone-App bekommen hatte, welche die SBB am 17. Oktober lancieren wollen, war für kurze Zeit an Lernen nicht zu denken. Für den 25-Jährigen brach eine kleine Welt zusammen.
Mit zwei Freunden hat Küng nämlich in den vergangenen sechs Monaten nächtelang an einer eigenen Handy-App gearbeitet, die es ihm und seinen Facebook- und Twitter-Freunden vereinfachen soll, sich in SBB-Zügen während der Fahrt zu verabreden. «Damit bucht man sich vor der Reise in einen Zugwagen ein und gleicht sich dann mit den Freunden ab», erklärt Küng. Ähnlich wie beim Flug-Check-in.
Hinter der einfachen Bedienung stecken in erster Linie viele Daten. Damit Küngs App funktioniert, muss er SBB-Zugläufe oder -Zugnummern kennen. Doch solches behalten die Bundesbahnen für sich. Der gewiefte Programmierer fand dennoch einen Weg, den Verkehr «abzuhören» und eine eigene Datenbank anzulegen. Um sich abzusichern, suchte Küng im März das Gespräch mit den SBB; sie bescheinigten ihm, sie fänden seine App toll. Und solange er ihr System nicht hacke oder ihr Logo verwende, könne er seine App auch in App Stores anbieten. «Vier Monate später erfahre ich, dass SBB Connect die genau gleichen Funktionalitäten haben wird wie unsere App Trainshare», sagt Küng. «Vielleicht war ich etwas naiv.»
An SBB Connect arbeiten die SBB schon seit Januar 2012. Doch offenbar war die Grundidee der App ein Coupondienst. Geschäfte, die sich in Bahnhöfe eingemietet haben, könnten damit beispielsweise gezielt App-Nutzer, die bestimmte Bahnstrecken besonders oft befahren, mit Spezialrabatten in ihre Läden locken. Die Idee, dass Nutzer sich auch untereinander über ihren Aufenthalt im Zug austauschen, soll später hinzugekommen sein.
Die SBB weisen den Vorwurf von sich, Küngs Idee geklaut zu haben. Küng sei darüber schon im März informiert worden, dass die SBB an einer Social-Media-App für Smartphones arbeiteten. SBB-Projektleiter Michael Rüetschli ergänzt: «Ich glaube, es gibt im Markt genügend Platz für eine zweite Check-in-App.»
Küng ist da weniger optimistisch. Er ist enttäuscht, weil er der Meinung ist, die SBB hätten nicht mit offenen Karten gespielt. Die Arbeit an Trainshare-App will er erst wieder aufnehmen, wenn er weiss, was SBB Connect den Nutzern wirklich bietet.
Barnaby Skinner
Publiziert am 29.07.2012



