Aus der aktuellen Ausgabe

«Immer wenn ich meinen Browser sehe, bin ich glücklich»

Mozilla-Präsidentin Baker:

«Wir schreiben heute sogar Wörter falsch, um sie zu patentieren»

Foto: Urban Zintel


Mitchell Baker, Präsidentin der Mozilla Foundation, über Firefox, die Abhängigkeiten von Google und geistiges Eigentum

Von Barnaby Skinner

Der Webbrowser ist das Tor zum Internet. Wer ihn kontrolliert, weiss, wer sich wie im Web bewegt. Er verrät mehr über unser Surfverhalten als Suchmaschinen. Und doch sehen Unternehmen wie Google davon ab, ihn als Werbefläche zu verkaufen. Dies haben wir dem Nonprofit-Unternehmen Mozilla und seiner Präsidentin Mitchell Baker zu verdanken. Mit 250 Mitarbeitern hat die studierte Juristin den Gratis-Browser Firefox kreiert, der punkto Geschwindigkeit und Sicherheit den Tech-Kolossen Microsoft und Google den Rang abläuft.

Basis des Erfolgs ist der offene Quellcode. Die letzte Firefox-Version haben Zehntausende freiwillige Programmierer zusammen entwickelt, und Hunderttausende Nutzer haben die Software getestet, bevor sie auf www.mozilla.com veröffentlicht wurde. In der Schweiz ziehen über 1,4 Millionen Nutzer Firefox dem Internet Explorer vor. Weltweit hat er 350 Millionen Nutzer. Jetzt soll er auch das Handy erobern. Ende Januar hat Baker die erste mobile Firefox-Version präsentiert.

Frau Baker, kürzlich referierten Sie in München zum Thema «Marktbrecher». Sie teilten sich das Podium mit Gründern des Lexikons Wikipedia und des InternetTelefons Skype. Ich hatte den Eindruck, Ihnen war nicht ganz wohl in Ihrer Haut. Warum?

Das stimmt. Das Internet stellt vieles auf den Kopf. Vielleicht alles. Die meisten Technologiefirmen finden das Neue per se gut, ohne zu hinterfragen, welche Konsequenzen ihre Erfindungen haben. Man sollte sich stets vor Augen halten, dass Veränderungen auch Leid verursachen.

Wem haben Sie Leid zugefügt?

Microsoft hat seine Monopolstellung verloren. Der Marktanteil des Internet Explorers ist von über 95 Prozent auf knapp über 50 Prozent geschrumpft.

Wem schadet Firefox sonst?

Wir stellen unsere Software auch der Konkurrenz zur Verfügung und fordern diese dazu auf, damit noch bessere Browser zu machen. Deshalb denke ich, dass vom Ende des Browsermonopols alle profitiert haben - ausser Microsoft.

Was ist denn heute im Internet besser als früher?

Firefox hat dazu beigetragen, dass Surfen im Internet schneller und vor allem sicherer ist als vor fünf Jahren. Sich mit der Version 6 des Internet Explorers (IE) im Web zu bewegen, war eines der gefährlichsten Dinge, die man im Internet tun konnte. Die Software ist ein Sieb von Sicherheitslücken.

Haben Sie damit schlechte Erfahrungen gemacht?

Ich habe IE 6 nie verwendet. Und ich empfehle allen, die noch damit surfen, auf einen anderen Browser umzusteigen! Grundsätzlich gilt: Browser dürfen keiner Regierung gehören. Die Kontrollmöglichkeiten wären zu gross. Browser in Händen von kommerziellen Anbietern sind besser. Doch auch sie können gesammelte Nutzerdaten missbrauchen. Ideal ist, wenn man einen Browser zur Wahl hat, der nicht gewinnorientiert ist. Wie Firefox eben.

Trotzdem müssen auch Sie Geld verdienen. Mozilla hat 250 Mitarbeiter.

Wir arbeiten mit Suchmaschinen wie Yahoo und Google. Nutzer können ihre Suchfenster direkt in den Firefox-Browser einbauen. Dafür erhalten wir Geld.

Wie viel überweist Ihnen Google jeden Monat?

Google macht 95 Prozent unseres Umsatzes aus. Genaue Zahlen weise ich keine aus.

Ist es nicht heikel, so abhängig von einem Anbieter zu sein?

Die Mehrheit des Webs ist von Google abhängig. Welche anderen Modelle sehen Sie, ausser mit Werbung Geld zu verdienen? Viel wichtiger als alternative Geldquellen ist für uns die Trennung zwischen Umsatz und Produkt. Kein Partner kann uns etwas aufzwingen - auch Google nicht.

Nutzerdaten sammeln Sie wirklich keine? Diese sind im Internet die neue Währung geworden.

Selbst um das Produkt zu verbessern, tun wir das nicht.

Warum?

Wir haben mit sehr vielen Menschen im Internet einen regen Austausch, weil sie den Browser auch gleichzeitig entwickeln oder testen. Dabei stellen wir fest, dass Firefox-Nutzer die Privatsphäre hoch einschätzen. Selbst in den USA, wo dies weniger zählt als in Europa, beobachten wir dies.

Datenschutz und Sicherheit sind die Hauptgründe, um sich für Firefox zu entscheiden?

Auch der menschliche Anstrich ist zentral. Firefox macht das Internet human. Mit ein paar Klicks wählt man neue Farben, Bilder oder Zusatzprogramme, die die Funktionalitäten des Browsers ergänzen. Zum Beispiel können sie E-Mail direkt im BrowserRahmen anzeigen oder eben die Suchmaschinenfunktion.

Wie sieht Ihr Browser aus?

Ich sticke Steppdecken und schmücke meinen Browser mit Fotos meiner Kreationen. Es hört sich kitschig an, aber immer wenn ich meinen Browser sehe, bin ich glücklich. Unsere Verpflichtung gehört dem Wohlbefinden aller Webnutzer.

Das sagt Microsoft von seinen Kunden auch.

Microsoft will so viel Geld für die Shareholder generieren wie möglich. Google hat das Ziel, alle Informationen der Welt verfügbar zu machen. Wir hingegen legen Wert auf Selbstbestimmung und Wahlfreiheit im Internet.

Trotzdem scheuen Sie den Kontakt zu Grosskonzernen nicht. Kürzlich haben Sie mit Nokia die erste mobile Version von Firefox lanciert.

Nokia hat für das N900 eine offene Plattform gewählt. Wir arbeiten aber auch an Versionen für Windows Mobile und Android, die Google-Plattform.

Haben Nutzer des mobilen Browsers dieselben Freiheiten wie auf dem Computer?

Wir kämpfen ständig dagegen, dass Partner Wahlfreiheiten beschränken wollen. Wenn ein Hersteller mit einem geschlossenen System kommt, ist es schwierig, Offenheit einzulösen. Für das iPhone wird es wohl nie einen Firefox-Browser geben. Auf dem N900-Handy von Nokia haben Nutzer aber alle Freiheiten.

«Kooperation zählt immer mehr»

Mozilla ist effizient organisiert. Ein Kernteam von 250 Mitarbeitern liefert Software für 350 Millionen Menschen.

Das können wir nur mit Tausenden Freiwilligen tun, die einzelne Programmcodes mitentwickeln und die Software testen. Ich beobachte heute eine wachsende Bereitschaft, Wissen zu teilen. Zum Beispiel publizieren Polizeistellen im Internet die Verbrechensraten einzelner Stadtteile, die von Stadtplanern mit Angaben zu Mietpreisen auf Google Maps verknüpft werden. An Universitäten werden immer mehr Forschungsprojekte eingereicht, die von mehreren Autoren verfasst wurden.

Woher kommt diese höhere Bereitschaft, Wissen zu teilen?

Dieser Austausch hat pragmatische Gründe: Die Probleme, die uns heute beschäftigen - egal ob Stadtplaner oder Software-Entwickler -, werden komplexer. Die letzten 100 Jahre waren eine Periode, in der Zusammenarbeit eine geringere Rolle spielte. Geistige Eigentumsrechte wurden immer stärker ausgebaut. Wir schreiben heute sogar Wörter falsch, um sie zu patentieren. Wie viel haben wir der Welt gegeben, indem wir die Schreibweise «light» durch «lite» ersetzten und patentierten?

Sind Patente innovationshemmend?

Das weiss ich nicht. Was ich weiss, ist, dass wir in einem neuen Zeitalter leben.

Im Zeitalter des Internets wird also weniger Wert auf geistiges Eigentum gelegt?

Richtig. Kooperation zählt immer mehr. Die Vorteile, wenn Millionen Nutzer im Web - und nur dort können so viele Menschen zusammenfinden - gemeinsam an einem Problem arbeiten können, sind immens. Schauen Sie die Erfolge von Wikipedia an. Das Problem ist nur: Wie honorieren wir die Mitarbeit von Einzelnen an Projekten, an denen Tausende involviert waren? Mit dieser Frage kämpfen wir bei der Entwicklung des Browsers täglich. Doch nicht nur in der Software-Industrie, sondern über die gesamte Gesellschaft hinweg wurde darauf noch keine Antwort gefunden.

Publiziert am 07.02.2010