Aus der aktuellen Ausgabe

«Ich bin nicht James Bond, wollte es nie sein»

Daniel Craig:

«Wenn Bond ein Gebäude verlässt, nimmt er nicht den Lift, sondern springt runter»

Foto: Tom Craig


Daniel Craig über seine bekannteste Rolle, den neuen 007-Film «Skyfall», eine Schweizer Mutter und Tee trinken mit der Königin

von Matthias Lerf

London, Nobelhotel Dorchester, am letzten Sonntag. Interviews zu «Skyfall», dem besten Bond-Film seit Jahren. Gleich wird man dem Mann mit der Lizenz zum Töten persönlich gegenübersitzen, vorher gibt es Tee im Warteraum für Journalisten. Wer einen starken Kaffee will, muss bei der Espressomaschine anstehen. Aber halt, dort hantiert schon jemand herum und lässt sich eigenhändig ein Getränk heraus. Ja, es ist tatsächlich Daniel Craig. Vier Jahre nach Marc Forsters «Quantum of Solace» steht der 44-Jährige endlich wieder im Dienst ihrer Majestät. Und kippt seinen Espresso stehend in einem Zug.

Mister Craig, hat Bond niemanden, der ihm Kaffee bringt?

Der hat das vermutlich schon. Aber ich bin nicht James Bond, wollte es nie sein. Diese Figur ist weiter von mir entfernt, als es irgendjemand sein könnte. Ich bin ein Junge aus Liverpool.

Bond dagegen, lernen wir in «Skyfall», ist ein Junge aus dem schottischen Hochland.

Ja. Regisseur Sam Mendes kennt die alten Bücher von Ian Fleming auswendig. Er hat dieses Detail in den Film eingebaut. Die Tatsache, dass Bond als Waisenjunge aufwuchs, erklärt einiges.

Im Film wird nicht gesagt, wie Bonds Eltern starben.

In den Büchern sterben sie bei einem Skiunfall im französischen Chamonix. Aber das erschien uns irgendwie zu bourgeois. Deshalb wird es nicht erwähnt.

Bonds Mutter in den Büchern ist eine Schweizerin, eine Waadtländerin namens Monique Delacroix.

Ich weiss, ich weiss, Bond hat Schweizer Wurzeln. Sollte das einmal zur Sprache kommen in einem Film, werde ich mich natürlich darauf besinnen beim Spielen. (lacht)

Wollten Sie wirklich nie James Bond sein?

Nein. Aber wenn andere Menschen davon träumen, ist das cool. Für mich ist er einfach eine grosse schauspielerische Herausforderung. Was ich als Bond mache, ist eine totale Erfindung. Ich versuche, diese so realistisch zu gestalten wie möglich. Dafür stehe ich jeden Morgen auf.

Ihr Bond zeigt mehr Gefühle als diejenigen der Vorgänger.

Nun ja, so komplex ist sein Gefühlsleben auch wieder nicht. Wir haben es hier nicht mit Tschechow zu tun, nicht mit Ibsen oder Shakespeare. Bond bleibt Bond.

Sind Sie jeweils nervös, bevor Sie einen so riesigen Film in Angriff nehmen?

Nicht, wenn wir ein gutes Drehbuch haben. Ich bin lange genug im Geschäft, um ein solches zu erkennen und zu wissen, dass damit nur noch wenig schiefgehen kann. Gut, ich kann dann immer noch kritisiert werden. Aber ich fühle mich sicher.

Verletzen Sie Kritiken?

Verletzen nicht. Manchmal ärgern sie mich, wenn sie von falschen Tatsachen ausgehen. Aber ich reagiere nicht darauf. Ich blogge nicht, bin nicht auf Facebook. Und werde das - verdammt noch mal - auch nie sein.

Wieso nicht?

Weil es Zeitverschwendung ist. Vielleicht bin ich altmodisch. Aber ich treffe meine Freunde lieber persönlich, statt mit ihnen zu chatten und ihnen mitzuteilen, dass ich an diesem Morgen - sorry - gut geschissen habe.

Können Sie denn noch in eine Bar gehen, um Freunde zu treffen?

Kann ich, ja. Ich lebe in New York. Da haben die Menschen Besseres zu tun, als sich mit Bond herumzuschlagen.

Hand aufs Herz: Ist der neue Bond-Film «Skyfall» so gut, weil «Quantum of Solace» schlecht war?

Das müssen Sie entscheiden, das ist nicht mein Job.

Aber Sie sagten doch, Sie erkennen ein gutes Drehbuch ...

... stimmt, und das zu «Quantum of Solace» war nicht fertig, konnte wegen des Autorenstreiks in Hollywood nicht beendet werden. Das war eine neue Erfahrung. Nicht unbedingt eine, die ich wiederholen möchte.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Regisseur Marc Forster jetzt, also fünf Jahre später?

Bestens. An ihm lag es bestimmt nicht. Er hat hart gearbeitet wie wir alle. Aber ich wiederhole: Es ist verrückt, einen so grossen Film ohne ausgearbeitete Geschichte zu beginnen.

Stimmt es, dass Sie Sam Mendes als «Skyfall»-Regisseur ins Spiel brachten?

Ja, ich traf ihn in New York, im Haus von Hugh Jackman, mit dem ich gerade Theater spielte. Wir hatten ein paar Drinks zu viel, ich sagte zu Sam: «Du könntest doch den nächsten Bond inszenieren.» Und als wir wieder nüchtern waren, nahm alles seinen Lauf.

Bereuten Sie es nie?

Oh nein. Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt als Bond. Obwohl es anstrengend war.

Körperlich anstrengend?

Jawohl, ich musste fit sein. Bond läuft nun mal nicht einfach durchs Zimmer, er rennt. Und wenn Bond ein Gebäude verlässt, nimmt er nicht den Lift, sondern springt runter. Das nahm mich mit.

Im Film ist oft vom Altern die Rede ...

... Altern ist zum Kotzen, oder?

Klar.

Aber in «Skyfall» geht es für mich weniger ums Altwerden. Es geht darum, dass da Welten aufeinanderprallen. Regierungen arbeiten heute viel lieber mit modernster Technologie als mit Menschen. Sie setzen auf Spionagesatelliten und Drohnen.

Das schont das Leben der Spione.

Möglich. Aber ich glaube, es ist einfach billiger, als echte Menschen einzusetzen. Bond auf jeden Fall gehört zur alten Schule, er will den Leuten, die er bekämpft, in die Augen schauen. In diesem Sinn bin ich ihm wirklich ähnlich. Mein Ausbruch über Facebook vorhin hat wohl auch damit zu tun.

Haben Sie eigentlich ähnliche Probleme mit Autoritäten wie James Bond?

Hmm. Kommt drauf an. Hmm. Dazu schweige ich lieber.

Wie war es, für die Filmeinspielung zur Olympia-Eröffnungszeremonie die echte Queen Elizabeth II im Palast abzuholen?

Eine Freude. Sie schien glücklich damit zu sein. Und ich war froh, eine sehr kleine Rolle in diesem gigantischen Spektakel spielen zu können. Ich kannte die Queen bereits. Aber bei ihr im Palast zu sein, war schon ein wenig surreal.

Haben Sie mit ihr geplaudert, in den Drehpausen?

Ja, ja, wir haben Tee getrunken zusammen, eine geraucht ... Im Ernst: Sie war sehr entspannt an diesem Tag. Und weil sie es war, war ich es auch.

«Skyfall»: ab Donnerstag in den Kinos


Publiziert am 28.10.2012


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