Aus der aktuellen Ausgabe

Missen und andere Bienen

Zum Abschluss des Filmfestivals gab es wilde Insekten und zahme Leoparden

von Matthias Lerf

Was für ein Gemetzel! Die zierlichen Protagonistinnen sterben reihenweise, zerquetscht, zerdrückt, zerschnitten. Nein, nicht vom «Missen Massaker» ist hier die Rede, jenem Film, der das abschliessende Locarno-Wochenende am Freitagabend prägte. Gestern wurden auf der Piazza richtige Bienen massakriert, die in den USA zwecks Bestäubung von Mandelbäumen industriell gehalten werden. Es ist eine Szene im herausragenden Dokumentarfilm «More than Honey» von Markus Imhoof.

Mit dem Programmieren von zwei so unterschiedlichen Schweizer Werken zum Abschluss ist Festivaldirektor Olivier Père ein Coup gelungen. Normalerweise pflegt der Anlass zum zweiten Wochenende hin auszufransen, die Filmprofis sind längst weg, das Publikum hat genug. Jetzt aber blieben viele oder reisten noch einmal an. Mit 7000 Personen war die Piazza vorgestern beim «Missen Massaker» so gut gefüllt wie sonst nur zweimal am 11-tägigen Festival (am Rekordabend zu «Ruby Sparks» kamen 7400). Schuld war der Regisseur von «Mein Name ist Eugen» und «Grounding».

Michael Steiner, 42, lieferte genau das, was sein Filmtitel verspricht. Ein paar Schönheiten mit Miss-Schweiz-Ambitionen werden auf eine thailändische Insel verfrachtet. Und dann eine um die andere ins Jenseits befördert. Ein heiteres Morden ist das, wobei nicht Schockelemente im Zentrum stehen, sondern Lacher und Zitate aus der Filmgeschichte.

Für die Schweizer Beiträge gab es wenig zu gewinnen

Der Film wurde auf der Piazza wohlwollend, aber nicht begeistert aufgenommen. Dieses «Missen Massaker» ist ein Kompromiss, den einen zu wenig lustig, den andern zu wenig blutig und den Dritten zu wenig komplex. Alle haben recht, aber nach dem überambitionierten «Sennentuntschi» ist es doch genau der richtige Film für diesen Regisseur, der darin lustvoll mit Dialekten, Schweizer Mythen und den Medien spielt. Vielleicht ist Steiner nicht der Quentin Tarantino oder Robert Rodriguez des Schweizer Films, wie Festivaldirektor Père augenzwinkernd sagte. Aber mit seiner Nase fürs Publikum und dem Sinn für Deutschschweizer Themen könnte er Franz Schnyder oder Kurt Früh sein.

Markus Imhoof, 70, dagegen ist ein gestandener Regisseur von prägenden Spielfilmen wie «Das Boot ist voll». In den letzten fünf Jahren hörte er oft den Spruch: «Machst du jetzt wirklich einen Film über Bienlein?» Ja, «More than Honey» ist ein Film über Bienen, er enthält sensationelle Aufnahmen von Königinnen und Arbeiterinnen. Imhoof bringt einem diese Insekten nahe, die von Krankheiten und Milben bedroht werden. Aber es ist ebenso ein Film über grosse Zusammenhänge. Und natürlich die Menschen.

Die Bienen sorgten für einen spektakulären Schlusspunkt hinter dem Festival, bei dem sich Direktor Olivier Père in seiner dritten Ausgabe noch einmal steigern konnte. Nur die internationale Jury setzte einen Dämpfer und verteilte ihre Hauptpreise den harmlosesten Filmen eines abwechslungsreichen Wettbewerbs (siehe Kasten). Wenig zu gewinnen gab es hier für die beiden Schweizer Beiträge. Ausgezeichnet wurden sie nur von der Jugendjury. «Image Problem» erhielt eine lobende Erwähnung. Und «The End of Time» einen Preis für Umwelt und Lebensqualität.

Apropos Lebensqualität: Markus Imhoof kommt im Bienenfilm zum Schluss, dass die Bienen nicht - wie oft prophezeit - vor den Menschen aussterben werden. Nein, die sogenannten Killerbienen werden uns alle überleben.

«Das Missen Massaker» startet am 23. August im Kino, «More than Honey» am 25. Oktober


Publiziert am 12.08.2012


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