Aus der aktuellen Ausgabe

Ein Strudel aus Leidenschaft, Verrat und Gewalt

Mit der Hinterwäldler-Saga «Der Tod von Sweet Mister» etabliert sich der Amerikaner Daniel Woodrell als Gottvater des «Country noir»

von Gunter Blank

Der übergewichtige Shug Akins ist gerade 13 geworden und wächst in einer Bruchbude in den Ozark Mountains im Herzen der USA auf. Sein gewalttätiger Redneck-Vater zwingt ihn zu Diebestouren, und seine ständig angesäuselte Mutter überschüttet ihn mit mehr Liebe als einem Pubertierenden guttut. Als dann noch eines Tages ein Fremder in einem grünen Ford Thunderbird vorfährt und der Mutter schöne Augen macht, gerät der Teenager wider Willen in einen Strudel aus Leidenschaft, Verrat und Gewalt.

«Ich sehe mich nicht primär als Krimiautor», sagt der 59-jährige Daniel Woodrell. «Aber die Menschen, über die ich schreibe, geraten eben mit dem Gesetz in Konflikt, weil die Armut so brutal ist, dass es keinen Spielraum für Fehler und Irrtümer gibt.»

In «Der Tod von Sweet Mister» schildert er deshalb nicht nur ein Eifersuchtsdrama aus der Perspektive eines Halbwüchsigen, sondern entwirft mit kargen Strichen ein harsches, aber einfühlsames Porträt einer Welt, in der die Errungenschaften der Zivilisation den meisten als wenig erstrebenswert gelten. Woodrell: «Die Ozark-Bewohner haben sich dem US-Mainstream so weit entfremdet, dass sie sich in ein Paralleluniversum mit eigenen Gesetzen zurückgezogen haben.»

Oscar-Nominierung machte Daniel Woodrell berühmt

Vor mehr als zehn Jahren, als Daniel Woodrell diesen Roman als Teil seines Ozark-Mountains-Zyklus schrieb, interessierte sich ausser ein paar eingefleischten Fans niemand für seine Geschichten aus dem hintersten der amerikanischen Hinterwälder. Allerdings hat sich das schlagartig geändert, als die Verfilmung seines Romans «Winter's Bone» für einen Oscar nominiert wurde.

Woodrells Bücher wurden neu aufgelegt, und selbst die «New York Times» stellte fest, dass «Woodrells Schreibkunst der Perfektion nahekommt. Sprache, Handlung, die Figuren - alles greift ineinander. Makellos und kraftvoll.»

Und schonungslos, muss man hinzufügen. Denn bei Woodrell gibt es keine einfachen Auswege. Das muss auch Shug auf die harte Tour lernen. Als seine Mutter mit dem Fremden Zukunftspläne schmiedet, kann sich Shug den Gesetzen der Berge nicht länger entziehen. «Die Flasche, in der ich mein Leben lang all die Schreie verkorkt hatte, zerbarst», erinnert er den Augenblick der Entscheidung. Und die Entscheidung, die er trifft, macht ihn zwar vor der Zeit zum Mann, wird ihn aber auch für den Rest seines Lebens als Outlaw brandmarken.

Publiziert am 07.07.2012




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