«Ich bin der Fischer und der Fisch»
Jeff Bridges über Selbstdisziplin, den Dude-Kult und seine Oscar-Chancen als Countrysänger in «Crazy Heart»
von Mariam Schaghaghi
Seine Kultrolle ist die des Faulenzers Dude in «The Big Lebowski»: Jeff Bridges, 60, hatte zwar als Sohn eines Schauspielers schon mit vier Monaten seinen ersten Kameraauftritt, bezeichnet sich aber im Interview in London trotzdem als «Spätentwickler». Jetzt brilliert er als versoffener Countrysänger Bad Blake in «Crazy Heart». Gut möglich, dass er dafür heute Nacht den Oscar erhält - nachdem er bis jetzt viermal leer ausgegangen war.
Jeff Bridges, sind Sie nervös vor der Oscar-Nacht?
Es ist eine Situation, die einen automatisch nervös macht. Können Sie sich das vorstellen? Ich meine so richtig vorstellen? Ich finde es geradezu Furcht einflössend!
Nominiert sind Sie für die Rolle eines versoffenen Sängers. Haben Sie den Blues, falls Sie nicht gewinnen?
Klar verfange ich mich auch manchmal in diesem Mythos des leidenden Künstlers. Und denke: Ich muss den Schmerz fühlen, weil daraus wahre Kunst hervorgeht. Der Schmerz ist nichts Schlechtes, man muss sich nur daran gewöhnen und dann weitermachen. Aber ich zelebriere meine Traurigkeit nicht, wie es der Countrysänger im Film tut.
Nicht mal, wenn Sie schon viermal für einen Oscar nominiert waren, ohne je zu gewinnen?
Nein, nein. Bereits die Nomination ist eine tolle Anerkennung. Schliesslich kommt sie von Leuten, die genau das Gleiche tun wie ich selber. Andere Schauspieler nominieren dich, und das ist fantastisch.
Wer ist heute Nacht Ihre härteste Konkurrenz?
Ich habe nicht alle Filme gesehen. Aber George Clooney war grossartig in «Up in the Air».
Mit Clooney haben Sie ja auch in «The Men Who Stare At Goats» zusammengearbeitet.
Das Angebot für diese Rolle erhielt ich mitten in den Dreharbeiten zu «Crazy Heart». Wenn ich drehe, habe ich Scheuklappen auf. Als mein Agent anrief und sagte, Clooney wolle mich sprechen, dachte ich: Scheisse, ich will kein Drehbuch lesen, ich mache hier gerade mein Ding!
Was hat Sie umgestimmt?
George kann verführen und irritieren. Er hat mir die Geschichte am Telefon erzählt, und ich war fasziniert, weil sie so herrlich verrückt tönte. Ich liebe ungewöhnliche Filme.
Dann lieben Sie auch «The Big Lebowski», in dem Sie zur Ikone wurden?
Oh, der Film fesselt mich jedes Mal, wenn ich ihn sehe - und ich habe ihn schon wer weiss wie oft gesehen! Dabei schaue ich mir Filme im Fernsehen nicht gerne an. Wenn «The Big Lebowski» kommt, nehme ich mir vor, nur so lange zu gucken, bis John Turturro die Bowlingkugel ableckt. Aber dann bleibe ich jedes Mal hängen. Dieser Film gehört für mich in dieselbe Kategorie wie «Der Pate» - einfach fantastisch!
Waren Sie mal auf einer der Lebowski-Partys, die von Fans gefeiert werden?
Ja, und das war ein grosser Moment. Ich ging mit meiner Band auf die Bühne und habe vor einem Meer von Dudes gespielt. Wie cool ist das? Überall Bowlingkugeln und Dudes. Wild!
Sie beschreiben sich manchmal auch als faul, wie der Dude ...
... ja, ich wünschte, ich hätte mehr Selbstdisziplin. Das sollte es als Schulfach geben. Als Künstler ist es entscheidend, ob du von etwas gepackt wirst. Ich bin wie ein Fisch, der den Köder nicht schnappen will. Ausserdem bin ich der Fischer und der Fisch zugleich. Und je älter ich werde, desto schwieriger ist es, mich an die Angel zu kriegen.
Spielte beim Ködern für «Crazy Heart» die Musik eine Rolle?
Eine sehr wichtige sogar. Als Jugendlicher habe ich davon geträumt, Musiker zu werden. Ich spiele Klavier und Gitarre, schreibe eigene Songs und habe auch ein Album veröffentlicht.
Sie waren 50 Jahre alt, als Sie dieses Album, «Be Here Soon», herausbrachten. Sind Sie ein Spätentwickler?
Ich habe sogar einen Song geschrieben, der «Spätentwickler» heisst. Und bin wohl wirklich einer. Den Anstoss zum Album gaben wunderbare Musiker wie Jackson Browne und David Crosby, die in meiner Nachbarschaft in Los Angeles wohnten. Die haben mir gut zugeredet.
Bei Ihrem ersten Film waren Sie vier Monate alt. Hätten Sie diesen Beruf auch gewählt, wäre Ihr Vater Lloyd Bridges kein Schauspieler gewesen?
Wer weiss? Das Schwierigste im Showbiz ist ja, den Fuss in die Tür zu bekommen. Das hat mein Vater für mich erledigt, klar. Am Set wirkte seine Begeisterung ansteckend. Logisch, dass er auch mich und meinen Bruder Beau auf den Geschmack gebracht hat.
Sehen Sie Ihren Bruder, mit dem Sie in «The Fabulous Baker Boys» spielten, manchmal auch als Konkurrenten?
Eher als Mentor. Er ist acht Jahre älter als ich und hat mir viel beigebracht. Wegen des Altersunterschieds standen wir eigentlich nie in Konkurrenz für die gleichen Rollen. Wir sind ein Team.
Haben Sie das normale Leben nie vermisst?
Ein wenig schon. Aber es ist wie nach jedem Film: Ich habe einfach genug davon, so zu tun, als wäre ich jemand anderes. In diesem Moment schwöre ich mir, dass ich es nie mehr machen will. Es ist wie ein heftiger Muskelkater, und man hat das Gefühl, diese Muskeln nie wieder benutzen zu können. Aber wie der Muskelkater verschwindet auch dieses Gefühl nach einer gewissen Zeit. Und dann habe ich Lust auf ein weiteres Mal.
«Crazy Heart» ab dem 18. März in den Kinos. «The Men Who Stare At Goats» ab Donnerstag
Publiziert am 07.03.2010


