Das Bauwerk sorgt für gutes Klima
In Mülenen BE wurde ein Restaurant in klassischer Blockhaustechnik erbaut
VON BENJAMIN GYGAX
«Form follows function» lautet einer der am häufigsten zitierten Design-Glaubenssätze. In der Regel denkt man dabei an puristisches Industriedesign oder kühle Architektur - kaum jemandem käme dagegen ein Blockhaus in den Sinn. Doch eigentlich verkörpert das Blockhaus dieses gestalterische Credo ziemlich gut: Die Form ist reduziert und entspricht dem verwendeten Material sowie der Konstruktionsweise.
In Mülenen im Kandertal hat Walter Bettschen zwei Blockhäuser gebaut: Sein Steakhouse Stock's wurde - abgesehen von der Küche - 2010 als Rundholzbau errichtet. Daneben steht seit Sommer 2011 die Kanderarena. Die modernste Viehmarkt-Halle der Schweiz ist teils Rundholzbau und teils konventionelle Industriehalle. Mit den beiden Betrieben hat der umtriebige Sägereibesitzer sein Geschäft diversifiziert.
Bettschen ist USA- und Kanada-Fan: «Blockhäuser gefallen mir, weil sie einfach gemütlich sind», sagt der Oberländer. Als der Unternehmer 2009 in Finnland Ferien machte, hat er auch dort die Blockhäuser bewundert, «und danach beschloss ich, selbst welche zu bauen». Aber mit modernen Mitteln.
Die Puristen errichten ihre Blockhäuser in Handarbeit mit Stämmen, die mit Hochdruckreinigern geschält wurden. Walter Bettschen fertigt seine Rundholzhäuser industriell. Die konischen Stämme werden auf den Maschinen zu ebenmässigen Zylindern gedreht und der Länge nach eine Nut ausgefräst, damit sie gut aufeinanderliegen.
Blockhaus kostet nur die Hälfte eines konventionellen Baus
Danach werden die Stämme auf die richtigen Masse geschnitten und im Winkel so gefräst, dass sie in den Ecken ineinanderpassen. Für diese Fertigung musste der Unternehmer Maschinen anschaffen, die in den umliegenden Ländern nicht verfügbar waren und auch heute in der Schweiz einmalig sind. Bettschen: «Ich kann damit Stämme von 60 Zentimetern zu Rundholz mit einem Durchmesser von maximal 42 Zentimetern drehen.» Damit unterscheiden sich seine Rundholzhäuser von den Gartenhäuschen, die man in jedem Baumarkt findet.
Diese industrielle Fertigung hat Vorteile: Die Häuser kosten nur rund die Hälfte eines handgefertigten Blockhauses oder eines konventionellen Baus. 350 000 Franken habe Stock's gekostet, schätzt Walter Bettschen. «Das Restaurant hat eine Fläche von 13 auf 13 Meter und eine Giebelhöhe von 7 Metern», sagt der planende Architekt Hans-Jürg Müller. «Es wurde in nur 100 Tagen gebaut.» Die Stämme wurden innerhalb von 20 Arbeitstagen bereit gemacht. Die Montage vor Ort war nach zehn Tagen erledigt. Für das Restaurant wurden rund 350 Weisstannen aus dem Kanton Bern verarbeitet. Dieses Holz hat kein Harz und ist witterungsbeständiger als andere Hölzer. Bei der Verarbeitung der rund 400 Kubikmeter Holz fallen rund 40 Prozent weg; sie werden in der Holzschnitzelheizung verbrannt.
Nicht allen werden die rustikalen Häuser gefallen, doch ihre Vorzüge lassen sich kaum verleugnen. Sie sind fast ausschliesslich aus einem nachwachsenden, einheimischen Rohstoff gefertigt und CO2-neutral. Bei Bettschens werden sie sogar mit eigenem Solarstrom fabriziert. Zwar bringt die Konstruktionsweise einige charakteristische Merkmale wie die vorstehenden Eckverbindungen mit sich. Was die Grösse angeht, gibt es eigentlich keine Grenzen. Das unbehandelte Holz wird nur mit Holzdübeln verbunden, es gleicht Feuchtigkeit und Gerüche aus und dämmt ziemlich gut. Das Klima im Blockhaus ist eben wirklich gemütlich.
Publiziert am 19.02.2012



