«Gute Architektur braucht gute Bauherrschaften»
Selten baut ein Architekt für einen anderen Architekten. An Zürichs Waldrand steht seit zwölf Jahren eine Ausnahme - dazu waren nicht 17 Varianten nötig, denn der erste Entwurf sass
von Ariana Pradal
Für jede Bauherrschaft erfindet der Architekt das Haus neu. Dies gilt sowohl für einen kleinen Umbau wie auch für eine grosse Wohnüberbauung, weil sich kein Entwurf ohne Anpassungen an einem anderen Ort reproduzieren lässt. Lage, Boden, Vorschriften wie auch Wünsche und Anforderungen des Investors lassen aus jedem Haus ein Unikat werden. Bei privaten Bauherrschaften hat es der Architekt fast ausschliesslich mit Laien zu tun. Denn kaum ein Architekt lässt sich sein Eigenheim von einem anderen Baukünstler planen, da er diese seltene Gelegenheit gerne selbst in die Hand nimmt.
Nicht so Martin Hofer und seine Frau Caroline Gaszner. Der ausgebildete Architekt liess sich sein Haus in Zürich zwischen Irchelpark und Waldrand vom Basler Architekturbüro Morger & Degelo entwerfen. «Als wir dieses Bauland fanden, arbeitete ich bereits beim Immobilienberatungs-Unternehmen Wüest & Partner. Nach mehreren Jahren als selbstständiger Architekt hatte ich den Bleistift und die Reissschiene zur Seite gelegt», erklärt der Bauherr. «Ich habe mich nie als Architekt von Gottes Gnaden verstanden, noch liess mir mein neuer Beruf genügend Zeit, das Projekt zeitgleich als Architekt und Bauherr zu betreuen», fügt er an.
In seiner neuen beruflichen Funktion als Bauherrenvertreter hatte Martin Hofer bereits mit dem Architekten Meinrad Morger gearbeitet. Morgers Umgang mit Bauherrschaften sowie seine bereits realisierten Wohnprojekte mit mehreren Einheiten und verschachtelten Grundrissen machten ihn zum idealen Partner für Hofers Aufgabe. «Mit meinem ehemaligen sowie meinem jetzigen Architekturbüro Morger Dettli haben wir mehrmals Zwei- oder Dreifamilienhäuser geplant. Die Ausgangslage dafür ist immer die gleiche: Ein Grundstück von etwa 1200 Quadratmetern ist für die meisten Bauherrschaften zu gross und zu teuer, um es alleine zu bebauen. Deshalb überlegen wir uns, wie man zwei oder drei Einheiten darauf platzieren kann, sodass alle gleich attraktiv sind.»
Beim Bauland in der Nähe des Irchelparks gedachte die Bauherrschaft ein Haus mit drei Einheiten zu erstellen, sodass alle drei von allem profitieren würden. Das heisst, jeder Wohnteil musste Stadt- und Waldsicht, Garten- und Dachzugang sowie viel Licht bieten. «Martin Hofer und Caroline Gaszner hatten eine präzise Vorstellung von dem, was sie wollten. Das machte die Aufgabenstellung klar», erklärt Meinrad Morger die Ausgangslage. «Nach nur drei Wochen kam Meinrad Morger mit einem Entwurf zu uns. Es war das, was wir uns vorgestellt hatten, und abgesehen von kleinen Anpassungen entspricht der realisierte Bau dem ersten Entwurf», erzählt Martin Hofer.
Die präzise Formulierung der Bauaufgabe sowie das Verständnis fürs Bauen vonseiten der Bauherrschaft machten es möglich, dass der Bau von der ersten Besprechung bis zur Fertigstellung nur eineinhalb Jahre dauerte. Morger fügt an, dass er bei anderen Bauherrschaften bis zu 17 verschiedene Varianten zeichnen müsse. Das sei hier nicht nötig gewesen, und so ging jeder Schritt rasch voran. Zur unkomplizierten Zusammenarbeit habe zudem beigetragen, dass die Rollen von Anfang an klar aufgeteilt gewesen seien. Obwohl der Bauherr auch Architekt sei, habe er nie selbst entwerfen wollen, fügt der Basler Baukünstler an.
Das besondere am Zürcher Dreifamilienhaus ist die Organisation des Raumprogramms. Der Grundriss besteht aus drei Quadraten, die zusammen einen gleichschenkligen Winkel formen, der sich über zwei Wohngeschosse und eine zurückversetzte Attika erstreckt. Nun haben die Architekten aber nicht eine Wohnung pro Geschoss oder Quadrat angeordnet, sondern alle ineinander verschachtelt, sodass sich zum Beispiel das Schlafgeschoss der einen Einheit in einem und deren Wohnebene sich im anderen Schenkel des Winkels befindet. Diese Anordnung ermöglicht es, dass alle drei Besitzer von den zu Anfang von der Bauherrschaft gestellten Bedingungen profitieren können. «Diese ungewöhnliche Raumaufteilung kam nur dank der ungewöhnlichen Bauherrschaft zustande», bringt der Architekt diese Planung auf den Punkt: «Gute Architektur braucht gute Bauherrschaften.»
Martin Hofer: «Ging der erste Teil der Planung einfach und unkompliziert über die Bühne, stellte sich der zweite als schwieriger heraus. Wir wollten den Bau mit einem Generalunternehmen (GU) realisieren. Das hatte für uns als Bauherrschaft den Vorteil, dass wir nur einen Vertrag abschliessen mussten, anstatt mit jedem einzelnen am Bau beteiligten Unternehmen.» Doch die Vorstellung der Architekten, der Bauherrschaft sowie der Handwerker zur Ausführung war nicht immer deckungsgleich. Gewisse Arbeiten mussten mehrmals ausgeführt oder nachgebessert werden - was vor allem die Bauherrschaft Geld und Nerven kostete. Doch trotz dieser Dispute steht der Bau nun seit zwölf Jahren, und er altert in Würde. Auch wohnen in den drei Einheiten seit Beginn die gleichen Besitzer - was für die Wohnqualität des Baus spricht.
Publiziert am 13.06.2010



