Verkannte Grösse
Das Eigenheim mit seiner 400 Quadratmeter grossen Wohnfläche verbirgt geschickt seine ausladenden Dimensionen
Von Anna Schindler
Seine wahre Grösse nicht sichtbar werden lassen - diese Absicht prägte das Gestaltungskonzept dieses Einfamilienhauses in Arles-heim BL. Den Architekten Sacha Marchal und Philippe Fürstenberger aus Basel ist das durch einen geschickten Umgang mit der Topografie gelungen: Das Haus liegt in dem steilen Hang unterhalb der Burg Reichenstein und geniesst eine eindrückliche Aussicht.
Die Architekten schafften es, das Heim für eine vierköpfige Familie mit seinen stattlichen 400 Quadratmeter Wohnfläche so in das abschüssige Terrain einzufügen, dass es von keiner Seite her mächtig wirkt. Dabei scheint ein kantiger, mehrheitlich geschlossener Körper in warmem Rotbraun über einem gläsernen Sockelgeschoss zu schweben. Der Sockel steht auf einem Plateau aus hellem Travertinstein; über die transparente Konstruktion ragt auf allen Seiten das massive Obergeschoss hinaus. Seine einfache kubische Form mit den unregelmässig gesetzten Fensteröffnungen unterschiedlicher Grösse erinnert an Pueblo-Bauten, der verwaschen pastellene Kalkputz an Hausmauern in Nordafrika.
Die Frage, wie sich Architektur und Topografie ideal miteinander verbinden lassen, bestimmt den Entwurf: Die Architekten wollten Räume schaffen, in denen man Innen und Aussen als fliessende Einheit erlebt. Zugleich durfte die angestrebte Offenheit nicht in Unbestimmtheit kippen. Jeder Raum sollte klar umrissen und in seiner Funktion erfahrbar bleiben. Dazu wird das Untergeschoss tief in den Hang geschoben. Auf dem gläsernen Erdgeschoss als durchlässigem Zwischenbereich ruht das Obergeschoss als eigentlicher Hauskörper.
Als folgte man den Windungen einer Muschel hinauf ans Licht
Auch die innere Gliederung des Hauses folgt einer Dreiteilung. Eine in den Hang eingeschnittene Seitenwand geleitet einen über flache Stufen und einen ansteigenden Vorplatz ins Innere. Hinter der Haustür gelangt man in eine grosszügige Garderobe, die nur durch ein Oberlicht belichtet wird. Die übrigen Serviceräume auf der untersten Ebene verschwinden im Dämmerbereich - stattdessen wird die Aufmerksamkeit auf die breite Treppe gelenkt, die in harmonischem Schwung eine rauh verputzte, lehmfarbene Wand entlang nach oben führt. Sie lädt in sanftem Bogen zum Aufsteigen ein, als folgte man den Windungen einer grossen Muschel - hinauf ans Licht.
Dort liegt der Hauptbereich des Familienhauses: der Wohnraum und die daran anschliessende, offene Küche mit Sitznische. Bestimmen im Kellergeschoss erdige Töne die Atmosphäre, so ist die Zwischenzone des Erdgeschosses von Stein und Glas geprägt. Die transparente Fassade zieht sich auf drei Seiten rund um den Wohnraum - als komplett durchlässige Membran wird sie allerdings nur auf der Südfront wahrgenommen. Dort öffnen sich grossflächige, mit schmalen Aluprofilen gerahmte Schiebefenster zur Aussicht über das Dreiländereck.
Der Eindruck der Nahtlosigkeit von Innen- und Aussenraum wird verstärkt durch den Boden aus hellem, sägerohem Travertin, der sich vom Wohnbereich über zwei niedrige Treppenstufen auf die weitläufige Terrasse hinauszieht und eine innen wie aussen einheitliche, schimmernde Fläche schafft. Auf der Ost- und der Nordseite erscheint die Glasfassade dagegen nicht so fragil, dass sie der Geborgenheit des Wohnraums abträglich wäre. Vielmehr wird sie zu einer lichtdurchlässigen zweiten Haut vor dem Erdreich. Die geschwungene Treppenhauswand zieht sich nämlich in den Aussenraum weiter und gräbt sich als begrünte Stützmauer in den Hang.
Im Furnier der Küchenrückwand kündigt sich der dritte, privateste Bereich des Hauses an: Das Obergeschoss ist eine behagliche, mit Eichenholz ausgeschlagene Box. Zwar steckt unter den massiven Eichenböden und hinter den ebenso behandelten Wandverkleidungen eine Stahlkonstruktion - es dominiert dank der hölzernen Oberflächen aber eine wohnliche Geborgenheit.
Im Liegen kann man den Blick auf das Tal geniessen
Die Räume sind ohne Korridorzone zu einer Mosaik-artig versetzten Struktur aneinandergefügt. Neben einem Büro, einem Gästezimmer mit Bad und der Waschküche finden zwei Kinderzimmer, ein Kinderbad und ein grosser Elternbereich Platz. Die Anordnung der Fensteröffnungen folgt der Nutzung eines Raums: Sitzt man, liegt man, oder steht man darin? Entsprechend zeichnet ein auf Sitzhöhe herabgesetztes Bandfenster den Arbeitsbereich aus. Das Elternschlafzimmer verfügt über ein niedriges Aussichtsfenster, das den Blick aufs Tal im Liegen freigibt, die Kinderzimmer über deckenbündige Fenster, die bis zu den eingebauten Schreibtischen hinunterreichen. Es ist ein Haus, das ganz auf die Bedürfnisse seiner Bewohner zugeschnitten scheint - und sogar mit einem internen Lift versehen wurde, damit es auch für ältere Generationen tauglich bleibt.
Publiziert am 07.03.2010


