Leben mit Ecken und Kanten
In diesem Wohnblock strahlt jedes Stockwerk Individualität aus
VON ERIK BRÜHLMANN
Schon auf den ersten Blick wirkt das Vierfamilienhaus an der Segantinistrasse in Zürich-Höngg aussergewöhnlich: Jedes Stockwerk ist ein wenig anders ausgerichtet als das darunterliegende, grosse Fensterfronten liegen hinter kantig wirkenden Balkonen. Kurz: Das Gebäude hebt sich ab vom Gros der Mehrfamilienhäuser, die oft wie Wohnboxen aussehen. Drei Jahre lang plante das Architekturbüro Baumberger & Stegmeier dieses Gebäude mit einer Drei-, einer Vier- und zwei Fünfzimmerwohnungen. «Die Individualität jedes Stockwerks, jeder Wohnung zum Ausdruck zu bringen und dabei gleichzeitig das Haus als Einheit erscheinen zu lassen, war uns wichtig», sagt Architekt Peter Baumberger. «Zudem stellt ein solches Haus höchste Ansprüche in Sachen Statik.»
In jeder der Wohnungen ist ein echter Rundgang möglich
Das Gebäude steht auf fast schon historischem Grund: An seiner Stelle befand sich zuvor eines der ersten Einfamilienhäuser in Höngg. Wo vorher nur eine Familie Platz fand, leben jetzt also wesentlich mehr Leute. Trotz dieser Wohnraumverdichtung blieb die Individualität aber nicht auf der Strecke: Keine Wohnung ist wie die andere. «Wir wollten einen Grundriss mit ineinander übergehenden Räumen, der nicht einfach rechteckige Zimmer aneinanderreiht», so Peter Baumberger. Während man in anderen Wohnungen nur einen Gang rauf und runter gehen kann, von dem die Zimmer abzweigen, ist an der Segantinistrasse ein echter Rundgang möglich: vom Eingangsbereich durch das Wohnzimmer, die Küche, die Schlafzimmer und das Bad wieder zurück zum Eingang. Die Wohnungen wirken dadurch besonders grosszügig, harmonisch und originell. Und sie sind auch besonders flexibel: Dank Schiebetüren kann man bei Bedarf einige Bereiche abtrennen - und damit die Privatsphäre vergrössern.
Bei der Ausgestaltung der Wohnungen konnten die Käufer mitreden. «Das entspricht unserer Haltung - auch wenn es wirtschaftlich nicht unbedingt sinnvoll ist», sagt Peter Baumberger. «Wir legten den Käufern einen Grundvorschlag vor und entwickelten mit ihnen anschliessend den endgültigen Ausbau der Wohnungen.» Einige Vorstellungen liessen sich leicht umsetzen, andere bedingten einen Entwicklungsprozess auf beiden Seiten. Das Aushandeln der Ausgestaltung sei ein spannender Prozess für alle Beteiligten, der auch Spass mache, sagt Baumberger.
Quartiere sollen mit Neubauten ihre Identität behalten
Bei modernen Neubauten besteht immer die Gefahr, dass die Behaglichkeit der Funktionalität untergeordnet wird. Das Haus an der Segantinistrasse ist, wie eine der Bewohnerinnen bestätigt, jedoch ebenso praktisch wie wohnlich. Peter Baumberger führt dies auch auf die «Haptik des Gebäudes» zurück: Durch die Verwendung einer Vielzahl von Materialien, die sich fliessend zu einem Ganzen vereinigen, wird die sinnliche Wahrnehmung der Bewohner
angesprochen.
So ist beispielsweise das Treppenhaus mit Bronze- und Silberpigmenten überzogen; Türen und Fenster sind mit fein gemasertem, edel wirkendem Holz ausgestattet. «Das Haus soll einen noblen, aber nicht protzigen Charakter haben», begründet der Architekt die Achtsamkeit auf solche Details.
Dass der Wohnraum in den Quartieren verdichtet wird, hält Peter Baumberger für sinnvoll. Man müsse aber unbedingt darauf achten, dass «die Quartiere auch mit den Neubauten ihre Identität behalten und dass das vorhandene Grün nicht zu einem Abstandsgrün zwischen zwei Gebäuden verkommt - oder gar verschwindet». Daher richteten die Architekten ein besonderes Augenmerk auf den Garten, «auch weil uns die Erbengemeinschaft des Vorgängerhauses bat, ihn so gut wie möglich zu erhalten». Baumberger & Stegmeier fügten das Gebäude nahtlos zwischen die bestehenden Bäume ein - und sorgten dafür, dass es in einer guten Beziehung zu seinem Umfeld steht.
Publiziert am 29.01.2012



