Aus der aktuellen Ausgabe

Druck auf Pendler von allen Seiten

Zugreisende:

Sie stehen nicht nur oft dicht gedrängt, sie sollen dafür auch bald noch viel mehr bezahlen

Foto: Alessandro della Valle/Keystone


Bürgerliche Politiker verlangen von SBB-Kunden 300 Millionen Franken mehr pro Jahr

Von Pascal Tischhauser und Martin Spieler

BERN 10 000 Franken für ein Generalabonnement: Der Streit, wie stark die Preise im öffentlichen Verkehr künftig steigen dürfen, lässt die Emotionen hochgehen. SBB-Chef Andreas Meyer versucht, die heissen Köpfe mit rationalen Argumenten zu beruhigen: «Tatsache ist, im Personenverkehr kommen wir heute auf einen Vollkostendeckungsgrad von rund 50 Prozent. Die Hälfte der Billettkosten zahlt momentan die öffentliche Hand», sagt er gegenüber der SonntagsZeitung. Wie es mit der Tarifentwicklung weitergehe, sei eine politische Frage: «Die Politik muss entscheiden, wie viel die öffentliche Hand künftig im Personenverkehr bereit ist zu zahlen und wie viel die Nutzer in Zukunft selbst übernehmen sollen.»

Mit dem heutigen Fahrplanwechsel steht den Bahnpassagieren ein verbessertes Angebot mit mehr Zugverbindungen und mehr Sitzplätzen zur Verfügung. Die Bahntickets steigen im Schnitt um 5,2 Prozent. Deutlich höher fallen die Preisanstiege bei den Halbtax-Abos sowie den Generalabonnementen aus, die zum Teil über 8 Prozent mehr kosten.

Hohe Preisaufschläge oder SBB-Schuldenberg

In Zukunft müssen sich Bahnfahrende wohl noch an viel höhere Preisaufschläge gewöhnen. Bürgerliche Verkehrspolitiker wollen die SBB dazu zwingen, von ihren Fahrgästen einen höheren Selbstdeckungsgrad zu verlangen. Markus Hutter (FDP), Präsident der Verkehrskommission des Nationalrats, warnt: «Nur wenn wir die SBB verpflichten, die Fahrpreise zu erhöhen, fahren die Bundesbahnen nicht einem riesigen Schuldenberg entgegen.»

Sein Parteikollege Kurt Fluri schlägt vor, die Zuschüsse an die SBB sukzessive zu vermindern. «So sind sie automatisch gezwungen, einen höheren Teil der Kosten vom Fahrgast reinzuholen.»

SVP-Fuhrhalter Ulrich Giezendanner hat klare Vorstellungen, um wie viel die Bahnfahrer stärker zur Kasse gebeten werden sollen: «Mindestens 10 Prozent mehr» sollen sie zahlen. Wie die Transportstatistik des Bundes aus dem Jahr 2005 zeigt, verbilligen die Steuerzahler die Bahnfahrten mit 2,9 Milliarden Franken im Jahr. Damit müssten die Passagiere künftig rund 300 Millionen Franken pro Jahr mehr beitragen.

Die Subventionen der Bahn sind Giezendanner ein Dorn im Auge: «Da zahlt jeder von uns mit - egal, ob er jemals den Zug benützt oder nicht», sagt er. Im Jahr 2005 lag der Eigenfinanzierungsgrad noch bei 55,7 Prozent. Seither ist er weitergesunken. Laut Markus Hutter sollte «der Bahnfahrer aber sicher 60 Prozent der Kosten selber tragen».

Hutter und Giezendanner halten denn auch 10 000 Franken für ein Erstklass-GA für angemessen. Der Preis dafür entspreche in etwa den tatsächlichen Kosten.

Mit der Einführung der sogenannten ÖV-Karte schafft der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) die Voraussetzungen, um flexible Preismodelle einzuführen. Die ÖV-Karte ist ein elektronisches Ticket mit integriertem Chip und wird alle bisherigen Abos ersetzen.

Grüne für flexible Tarife und teureres Vielfahrer-GA

Der grüne Parteivize Bastien Girod will die Möglichkeiten der neuen ÖV-Karte nutzen, um noch mehr Autofahrer zum Umsteigen auf die Bahn zu bewegen. Er schlägt vor, die Ticketpreise für Einzelfahrten ohne Halbtax zu senken und tageszeitabhängige Sparangebote zu schaffen. Und da beim Auto die Mitfahrt gratis ist, fordert Girod mehr Gruppenrabatte - auch solche für Paare.

Die zusätzlichen Kosten will der grüne Nationalrat durch die Anhebung der Halbtax-Abo-Preise und ein differenziertes Generalabonnement bezahlt haben: So spricht er sich für ein Vielfahrer-GA aus, das deutlich mehr kosten soll als das heutige GA. Dafür soll es ein günstigeres Flex-GA geben, das nur ausserhalb der Stosszeiten gilt. Von diesem sollen zeitlich flexible Passagiere wie Rentner und Studenten profitieren. Zudem will er ein GA light. Wenigfahrer sollen damit 100 Bahnfahrten im Jahr gratis absolvieren können. Dank der ÖV-Karten wären laut Girod auch regional gültige Generalabos vorstellbar, die aber 25 bis 50 lange Gratisfahrten bieten.

Girod bringt seine Pläne nächstens in die Geschäftsleitung der Grünen. Die Parteileitung signalisiert schon heute Zustimmung. Co-Präsidentin Regula Rytz: «Ich finde die Vorschläge von Bastien Girod sehr innovativ.» Sie entsprächen den Mobilitätszielen der Grünen. In einem differenzierten Preissystem seien die Grünen offen für ein teureres Vielfahrer-GA. «Ein 1.-Klasse-GA darf aber niemals 10 000 Franken kosten. Sonst wird die Mobilität zu einem Luxusgut», betont Regula Rytz.

Publiziert am 09.12.2012




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