Aus der aktuellen Ausgabe

Mangelhafte Betreuung im Asylzentrum Tschorren

Kritik an der ORS Service AG wegen Missständen in Lagern häuft sich

Von Pascal Tischhauser

BERN Die kürzlich im Asylzentrum Eigenthal in Schwarzenberg LU festgestellten Missstände sind kein Einzelfall. Zuvor gab es im Zentrum Tschorren in Hasliberg BE ähnliche Schwierigkeiten, wie die frühere Mitarbeiterin Judith Reber berichtet. Auch hier soll es Probleme mit der Ernährung, unzureichende medizinische Versorgung, mangelhafte Versorgung mit Kleidern und fehlende Betreuung gegeben haben. Der Berner Tschorren ist von derselben Firma geführt worden wie Eigenthal: von der ORS Service AG.

In Luzern haben die Missstände zum Austausch des Zentrumsleiters geführt. Obwohl Reber bereits im Frühling gekündigt hatte, hat sie sich nach der Personalmassnahme in Eigenthal entschieden, nicht mehr zu schweigen: «Die haben einfach den Leiter in Eigenthal zum Sündenbock gemacht, dabei ist der sicher nicht allein schuld.» Der Mann war zuvor stellvertretender Leiter des Tschorren. Dort habe Chaos in der Hausapotheke geherrscht: «Teilweise sind falsche Medikamente verabreicht worden», sagt Reber. Und: «Lange Zeit gab es kein vegetarisches Essen.» Am Anfang seien keine Frauenkleider zur Verfügung gestanden. «An Unterwäsche gab es überhaupt nichts.» Putzen und TV schauen waren laut Reber in ihrer Zeit im Tschorren die einzigen Beschäftigungen.

Denise Graf von Amnesty International sagt: «Die beschriebenen Verhältnisse gleichen in weiten Teilen den Verhältnissen, die wir im Zentrum Eigenthal angetroffen haben.»

Kontakt zur Presse ist den Mitarbeitern verboten

An die Leitung des inzwischen geschlossenen Zentrums Tschorren hat Reber keine guten Erinnerungen. Die Leitung habe «Kalifen» unter den Asylbewerbern ausgesucht. «Sie erhielten Privilegien.» Auch habe es Rassismus von Nordafrikanern gegen Schwarzafrikaner gegeben. Der Berner Polizeidirektor Hans-Jürg Käser bestätigt diesen letzten Punkt.

Bedeutend ist der Vorwurf, es habe bei der Zustellung der Asylentscheide an die Betroffenen gehapert. «Weil ihm niemand geholfen hat, hat ein Asylbewerber erst realisiert, dass er einen negativen Entscheid erhalten hatte, als die Rekursfrist abgelaufen war.» Dazu sagt Gaby Szöllösy, Sprecherin des Bundesamts für Migration (BFM), der Empfang von Asylentscheiden müsse jedes Mal quittiert werden. «Wenn die Zustellung nicht korrekt war, ist sie ungültig.» Falls dieser Prozess im Tschorren nicht korrekt umgesetzt worden sei, sei das «gravierend». Personen, die mit dem Tschorren zu tun hatten, stützen die Aussagen Rebers, doch keiner traut sich, mit Namen hinzustehen. Bei den ORS-Angestellten ist klar, warum. Sie haben in ihren Arbeitsverträgen eine Klausel, die ihnen den Kontakt mit der Presse verbietet. Reber hat ihren Vertrag nie unterschrieben.

Das BFM nimmt die Vorwürfe von Judith Reber ernst. Es hat die ORS beauftragt, diese sorgfältig und in geeigneter Form abzuklären, sagt Szöllösy. Mitte Dezember bestimmt das Amt, ob weitere Schritte nötig sind.

CEO Stefan Moll-Thissen versichert, die ORS prüfe Vorwürfe stets ernsthaft. «Wo Fehler passierten, korrigieren wir umgehend.» Die Anschuldigungen, so sagten ORS-Mitarbeiter, seien im Zentrum nie vorgebracht worden. Er sei überrascht, dass die frühere Mitarbeiterin, die heute bei einem Hilfswerk arbeite, die Vorwürfe gerade zu dem Zeitpunkt vorbringe, zu dem die Neuausschreibung der Asylbetreuung durch das BFM anstehe. Dennoch überprüfe man «retrospektiv alle Anschuldigungen». Moll-Thissen führt für den korrekten Umgang in den ORS-Zentren den Bericht der nationalen Kommission zur Verhütung von Folter vom 22. November an, in dem die Delegation auf die respektvolle Behandlung verweise.

Publiziert am 02.12.2012




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