Aus der aktuellen Ausgabe

«Wir benötigen für die AHV die Beiträge der Frauen»

Bundesamts-Chef Jürg Brechbühl über die Reformierung der Sozialwerke

Von Joël Widmer

Der Bundesrat will, dass Männer und Frauen bis 65 oder noch länger arbeiten. Wer soll all diese älteren Arbeitnehmer beschäftigen?

Wir vereinheitlichen das Referenzrentenalter für Frauen und Männer bei 65 Jahren. Aber eine allgemeine Erhöhung des Rentenalters ist nicht vorgesehen. Ich bin überzeugt, dass die Demografie auch auf dem Arbeitsmarkt ihre Wirkung haben wird. Früher oder später werden ältere Personen gesucht werden.

Derzeit werden Leute häufiger frühpensioniert, weil sie für Firmen Kostenfaktoren sind.

40 Prozent der über 58-Jährigen gehen vor dem Rentenalter in Pension. Wir haben aber auch schon ein Drittel, das länger arbeitet. Die Flexibilität ist eine Realität. Da aber die Mehrheit der Arbeitgeber noch nichts unternimmt, um Arbeitnehmer über das AHV-Alter hinaus zu halten, können wir eine generelle Erhöhung des Rentenalters nicht verantworten.

Sie sagen, die Rolltreppenlöhne sind nicht die Zukunft.

Wir sind es gewohnt, dass wir immer mehr Lohn erhalten und am Schluss mit dem Toplohn pensioniert werden. Künftig werden wir gegen die Pensionierung hin vielleicht nicht mehr 100 Prozent arbeiten, sondern 80 oder 60 Prozent und so am Ende der Karriere auch weniger verdienen. Wir müssen nun schauen, dass die Sozialversicherungen solchen Modellen nicht im Weg stehen.

Ihre Studien zeigen aber, dass Firmen ältere Arbeitnehmer erst als letzte Option anstellen.

Die Wirtschaft hat langfristig wohl gar keine Wahl. Heute spielt die Einwanderung eine grosse Rolle. Doch diese Leute kommen aus Ländern wie Deutschland oder Italien, die eigene demografische Probleme haben. Bald einmal wird der «Wasserhahn der Einwanderung» spärlicher fliessen, und dann werden ältere Arbeitnehmer wieder gesucht auf dem Arbeitsmarkt.

Ihr AHV-Revisionspaket will da auch Anreize schaffen. Wie können diese aussehen?

Wenn man heute über 65 hinaus arbeitet, hat man einen Freibetrag von rund 16 000 Franken. Wenn man mehr verdient, zahlt man auf den Mehrbetrag AHV-Beiträge. Wir wollen, dass sich mit diesen zusätzlichen Beiträgen auch die Rente verbessert, wenn man nicht schon beim Maximum ist.

Das ist ein Anreiz für Arbeitnehmer. Wie sieht es bei den Arbeitgebern aus?

Man muss besser kommunizieren, dass Arbeitgeber das Wissen der Älteren nutzen sollten. Zudem braucht es wohl Anreize für Arbeitgeber, ältere Personen zu beschäftigen. Etwa durch die Senkung der Arbeitgeberbeiträge. Das werden wir prüfen müssen.

Wie könnte in zwanzig Jahren die Karriere in einem Erwerbsleben aussehen?

Das Leben wird ein lebenslanges Lernen sein. Man wird fit sein müssen. Es wird ein kompetitives Umfeld sein. Wir werden flexiblere Stellen haben. Für den Bund ist auch ein grosses Ziel, dass Familienleben und Erwerbsleben vereinbar sind. Das ist ein sehr wichtiger Punkt für die Finanzierung der AHV. Wir können es uns nicht leisten, Frauen auszubilden und diese nachher vor die Alternative Kinder oder Karriere zu stellen. Es muss beides möglich sein. Wir benötigen die Beiträge der Frauen, um die Sozialwerke zu finanzieren.

Sie wollen auch Leistungen an Hinterbliebene und Beiträge von Selbstständigerwerbenden überprüfen.

Bei den Leistungen werden zum Beispiel Renten an kinderlose Witwen gezahlt. Ich frage mich, ob das heute noch eine notwendige Aufgabe der Sozialversicherungen ist. Kinderlose Frauen stehen häufig im Erwerbsleben. Es braucht sicher vorübergehend eine Hilfe, um die schwierige Zeit nach dem Tod des Partners oder der Partnerin zu überbrücken. Ob aber eine lebenslängliche Witwenrente in der heutigen Gesellschaft noch gerechtfertigt ist, kann man sich fragen.

Und bei den Beiträgen der Selbstständigerwerbenden?

Selbstständigerwerbende haben bei der AHV einen tieferen Beitragssatz. Zudem gibt es in der beruflichen Vorsorge Privilegien. Ein Selbstständigerwerbender kann beim Einkauf in die Pensionskasse einen virtuellen Arbeitgeberbeitrag abziehen. Da zahlt er weder Steuern noch AHV-Beiträge. Als Arbeitnehmer profitiere ich beim Einkauf in die PK von all dem nicht. Ich sehe keinen Grund, diese Ungleichbehandlung weiterzuführen.

Neben all den Anreizen und Massnahmen braucht es aber auch zusätzliches Geld.

Man kann die Lohnbeiträge oder die Mehrwertsteuer erhöhen. Die Mehrwertsteuer steht für uns im Vordergrund, da dann auch die Pensionierten über ihren Konsum einen Beitrag zur Sicherung der Renten leisten.

Könnte nicht die IV nach Abbau der Schulden die AHV querfinanzieren?

Wenn die IV die Schulden abgebaut hat, müssen wir zuerst schauen, dass sie keine neuen Schulden macht. Wenn sich aber zeigt, dass die Beitragssätze der IV langfristig zu hoch sind, könnte man einen Abtausch mit der AHV machen, sodass die Lohnabzüge gleich blieben oder nur wenig steigen würden.

Bei der Beruflichen Vorsorge wird eine Senkung des Umwandlungssatzes ohne Massnahmen bei den Verwaltungskosten nicht möglich sein. Schöpfen die Lebensversicherer Geld ab, das den Versicherten gehört?

Um diese Frage sauber zu beantworten, braucht es zuerst einmal Transparenz. Diese haben wir heute bei den Pensionskassen, die von Versicherungsgesellschaften geführt werden, nicht so, wie es nötig wäre. Bei normalen betrieblichen Pensionskassen wissen Sie ganz genau, wohin das Geld geht, das Sie einzahlen. Bei den Versicherungsgesellschaften wissen Sie das nicht. Was auffällt: Bei den Versicherern sind die Risikoprämien doppelt so hoch wie die Risikoleistungen. Da gibt es ein grosses Fragezeichen.

Da wird den Versicherten also Geld vorenthalten?

Ich habe das Gefühl, da ist Luft drin. Das stellte ich auch in meiner Tätigkeit als Berater für Pensionskassen fest. Die Lebensversicherer müssen da günstiger werden.

Publiziert am 25.11.2012




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