Aus der aktuellen Ausgabe

600 Raketen in Richtung Israel

Den dritten Tag in Folge wurde in Tel Aviv Luftalarm ausgelöst

Von Gisela Dachs

Tel Aviv Nach dem ersten Raketenalarm in ihrem Leben erstellte Maya, 7, aus Tel Aviv eine Länderliste in bunten Farben. Auf ein Blatt Papier schrieb die Zweitklässlerin alle Staaten der Welt, die zu Israels Freunden, oder besser gesagt, nicht offiziell zu dessen Feinden gehören. Wenige Stunden, nachdem vergangenen Donnerstag in der zweitgrössten Stadt Israels Luftalarm ausgelöst worden war und zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten eine Rakete nahe der Stadt einschlug.

Die Liste hat Maya ein wenig beruhigt. Doch ihre Angst ist geblieben: Sie will nicht allein schlafen, will nicht, dass ihre Mutter duscht, denn dann wäre sie nicht sprungbereit, falls die Sirenen wieder losgingen. Mayas Mitschülern aus der Tel Nordau Schule in Tel Aviv geht es ähnlich. Gestern heulten die Alarmsirenen in Tel Aviv bereits den dritten Tag in Folge. Mehr als 600 Raketen hat die radikal-islamische Hamas seit Mittwoch auf Israel regnen lassen.

Das israelische Militär reagiert mit grosser Härte: In der Nacht auf Samstag flog die Armee 180 Angriffe auf Ziele im Gazastreifen. Dabei wurde auch der Regierungssitz von Premier Ismail Haniya zerstört. Zudem wurden 75 000 Reservisten mobilisiert. Noch ist unklar, ob damit eine Drohkulisse aufgebaut werden soll - oder ob es tatsächlich zu einer Bodenoffensive kommt.

Sicher ist, dass diesmal, anders als beim Gazakrieg vor vier Jahren, weder vom «Ausradieren des Terrors» die Rede ist noch vom Sturz der Hamas. Man wolle allein Israels Abschreckungspotenzial wiederherstellen und der Bevölkerung im Süden des Landes zu einem ruhigen Leben verhelfen, heisst es in Israel. Sollte es allerdings tatsächlich zu einer Bodenoffensive kommen, könne man nicht mittendrin aufhören, sondern müsse «bis zum Ende» gehen, verkündete Aussenminister Avigdor Lieberman,

Internationale Hoffnungen ruhen auf Ägypten

Die Strategie von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu ist riskant. Er befindet sich im Wahlkampf, will mit militärischer Stärke punkten. Doch sollte der Konflikt zum verlustreichen Krieg werden, könnte sich das Blatt gegen die Regierung wenden. Die internationalen Hoffnungen ruhen nun auf Ägyptens Präsident Mohammed Mursi. Gestern trafen sich in Kairo offizielle Vertreter aus der Türkei, Katar und Ägypten, um über eine Strategie zur Beruhigung der Lage zu beraten.

Um Tel Aviv vor Raketenangriffen zu schützen, hat das israelische Militär gestern ein Raketenabwehrsystem des Typs Iron Dome vor der Stadt stationiert. Bisher war für die Menschen in Tel Aviv weit entfernt, was für andere Israelis Alltag war: der ständige Beschuss mit Raketen.

Seit dem Golfkrieg 1991 war in Tel Aviv der lang gezogene, durchdringende Ton der Sirenen aus Lautsprechern nicht mehr zu hören. Im Ernstfall bleiben den Menschen nun 90 Sekunden, um Schutz zu suchen. Sei es in einem fensterlosen Treppenhaus, im Bunker oder notfalls auf dem Boden liegend, die Arme über dem Kopf.

Jetzt fragen sich Mütter in Tel Aviv entsetzt, wie das die Eltern im Süden Israels bloss machen. Dort hat man nach dem Alarm höchstens 15 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Oft hatten die Menschen in Sderot und Umgebung in den letzten Jahren geklagt, dass man erst dann von ihrem Schicksal Notiz nähme, wenn die verwöhnten Tel Aviver betroffen wären.

Am Donnerstag war es so weit. Maya und ihre Freundinnen wurden von ihren Müttern zu einem tiefer gelegenen Treppenabsatz im Schulhof gebracht. «Wir wussten erst gar nicht wohin, der Bunker hatte noch zu», erzählt die Mutter Michal Drori, 38. Als am Tag darauf erneut Alarm ausgelöst wurde, befand sie sich in einem Einkaufszentrum. Da war sie besser vorbereitet als beim ersten Alarm - und konnte vor ihren Kindern die Fassung wahren.

Fest steht: Der Raketenalarm hat die Stadt verändert, auch wenn die Cafés am Samstag wieder gefüllt und der Strand belebt waren. Es ist, als hätte Tel Aviv seine Unschuld verloren. Am späten Nachmittag ertönten die Sirenen zum dritten Mal. Die israelische Raketenabwehr holte das Geschoss vom Himmel, bevor es in Tel Aviv einschlagen konnte.

Publiziert am 18.11.2012




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