Fehlendes Grippe-Serum führt zu Chaos
Bund krebst beim Nationalen Impftag zurück
von Petra Wessalowski
Bern Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) propagiert den Nationalen Grippe-Impftag vom 2. November nicht mehr. Der Grund ist ein Engpass beim Grippe-Impfstoff, nachdem das Heilmittelinstitut Swissmedic letzte Woche vorsorglich die Auslieferung von 160 000 Impfdosen von Novartis wegen möglicher Verunreinigungen gestoppt hatte. Bereits früher konnte mit Crucell ein anderer Hersteller aus Qualitätsgründen nicht liefern.
«Wir gehen davon aus, dass rund 100 000 Personen nicht geimpft werden können», sagt Daniel Koch, Leiter der Sektion Übertragbare Krankheiten. Jede Saison schützen sich zwischen 1 und 1,2 Millionen Menschen gegen die Grippe.
Manche Ärzte haben zu wenig, andere eventuell zu viele Dosen
Knapp 800 000 Impfstoff-Dosen wurden bereits verteilt und sollen laut Empfehlung des Bundes nur an Risikopersonen (chronisch Kranke, Schwangere und über 65-Jährige) sowie ihre Kontaktpersonen abgegeben werden. Es liege in der Verantwortung der Ärzte, dies umzusetzen.
Die Situation in den Kantonen ist unübersichtlich und die Umsetzung unterschiedlich. Solothurn hat die Gratisimpfung fürs Staatspersonal letzte Woche gestoppt. Andere Kantone delegieren die Verantwortung an die Ärzte.
Eine Stichprobe bei einer Betriebsimpfung zeigt, dass vergangene Woche entgegen der BAG-Anordnung auch Nichtrisikogruppen geimpft wurden. Gaudenz Bachmann, Präventivmediziner des Kantons St. Gallen, hält das für nicht sehr problematisch. «Wegen der Qualitätsprobleme lassen sich in den Nichtrisikogruppen vermutlich weniger Menschen impfen.»
Das grösste Problem ist ohnehin die Verteilung. Der Freiburger Kantonsarzt und Präsident der Kantonsärztevereinigung, Chung-Yol Lee, vermutet, dass manche Ärzte zu wenig, andere eventuell zu viel Impfstoff haben werden. Während es gemäss Bachmann in St. Gallen voraussichtlich reichen wird, ist das Influenza-Vakzin in der Pharmahochburg Basel-Stadt knapp.
Der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen sucht seit Tagen mit Hausärzten, Heimen und Spitälern nach Lösungen. Die Impfspritzen sind bereits bei den Ärzten. Eine Umverteilung ist für Steffen jedoch nicht realistisch. Wegen der Produktsicherheit, das heisst der Wahrung der Kühlkette, dürfen die Spritzen nicht weitergegeben werden.
Den Impfstoff weitergeben könnten die Spitäler. «Wir müssen aber zuerst für uns und unsere eigene Region schauen», sagt Enea Martinelli, Spitalapotheker und Vertreter des Vereins Schweizerischer Amts- und Spitalapotheker. Es zeige sich, dass das Verteilsystem nur bei optimalen Bedingungen funktioniere.
Publiziert am 28.10.2012




