Operation misslungen
Jeder vierte Arzt in der Schweiz hat ein ausländisches Diplom - das führe zu Problemen bei der Qualität, sagen Gesundheitsexperten
von Petra Wessalowski und Denis von Burg
Bern 26 Prozent der Ärzte, die in der Schweiz tätig sind, haben ihr Diplom im Ausland erlangt. Das zeigen Zahlen der Ärzteverbindung FMH für das Jahr 2011. In der Nuklearmedizin und der Radioonkologie sowie bei den praktischen Ärzten sind Schweizer in der Minderheit. An den Spitälern sind Neurochirurgen, plastische Chirurgen sowie Psychiater und Psychotherapeuten mehrheitlich Ausländer, wobei über 80 Prozent in EU-Ländern ausgebildet worden sind. Die Tendenz ist laut FMH-Präsident Jacques de Haller weiter steigend.
Die Zuwanderung verschärft innerhalb der Ärzteschaft die Diskussion über die Behandlungsgüte. «Die Übertragung der EU-Facharzttitel verursacht Probleme bei der Qualität», sagt Ralph Schmid, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Chirurgie. Ein deutscher Thorax-Chirurg ist in sechs Jahren ausgebildet. In der Schweiz dauert die Ausbildung acht bis zehn Jahre. Aufgrund der bilateralen Verträge müssen die EU-Diplome in der Schweiz anerkannt werden.
Alle ausländischen Ärzte sollen zuerst 3 Jahre ins Spital
Die Chirurgen werden die Ausbildungszeit anpassen. «Das führt zu einer Qualitätseinbusse», warnt Schmid. Er stellt zudem fest, dass derzeit mehr bereits ausgebildete ausländische Ärzte in die Schweiz kommen, um eine Praxis zu eröffnen. «Diese Ärzte arbeiten ausserhalb jeglicher Kontrolle.»
Die Orthopäden kritisierten in ihrem letzten Jahresbericht, dass Fachärzte aus Südeuropa nur eine theoretische Weiterbildung kennen und es für sie ein Leichtes sei, eine Praxis zu eröffnen, «ohne jegliche chirurgische Erfahrung». Die Ärzteschaft unterstützt daher den Vorschlag der FMH und der Kantone, dass alle ausländischen Ärzte zuerst drei Jahre in einem Spital arbeiten müssen.
Zunehmend werden auch fehlende Sprachkenntnisse zum Problem. Das betrifft Ärzte aus dem Osten oder aus Griechenland und der Türkei, wie die Ombudsstelle der St. Galler Ärztegesellschaft feststellt.
SP-Nationalrat Jean-François Steiert, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheitspolitik und Vizepräsident des Dachverbandes Schweizerischer Patientenstellen, stellt fest: «Behandlungsfehler gehen immer öfter auch auf Kommunikationsprobleme zurück.» Mangels Schweizer Ärzten müssten Spitäler auf Mediziner aus dem weiter entfernten Ausland zurückgreifen, die mit keiner Landessprache vertraut seien.
Für Steiert ist klar: «Es braucht eine systematische Förderung der Kenntnisse einer Landessprache.» Spitäler müssten Sprachkurse obligatorisch anbieten. Er zieht auch ein Sprachkursobligatorium für alle ausländischen Ärzte mit mangelnden Sprachkenntnissen in Betracht. Das sehen Toni Bortoluzzi (SVP) und Ruth Humbel (CVP) ebenso. «Genügende Sprachkenntnisse müssen eine Voraussetzung für die Arbeit als Arzt sein, insbesondere wenn einer eine eigene Praxis eröffnen will», sagt Bortoluzzi. Humbel sagt: «Perfekte Sprachkenntnisse sind entscheidend für eine genaue Diagnose, die richtige Therapie und die Qualität der Behandlung.»
Deshalb plädieren Gesundheitspolitiker, dass Ärzte mindestens drei Jahre an einem Spital arbeiten müssen, bevor sie eine Praxis eröffnen können. Überhaupt sei, so Bortoluzzi, zusätzliche Weiterbildung zu verlangen: «Von den Zugewanderten müssen wir Zusatzlehrgänge verlangen, um den Standard Schweiz zu erreichen.» Das sieht auch Humbel so: «Ausländische Ärzte haben unseren hohen Qualitätsstandard zu erfüllen. Tun sie das nicht, haben sie die Ausbildung nachzuholen, oder dann sollten sie nicht gemäss den Tarmed-Tarifen abrechnen können.»
Auch Schweizer Ärzte müssen nachbüffeln
Aber auch bei Schweizer Ärzten steht es mit der Qualität nicht zum Besten. Kürzlich haben 105 Orthopäden freiwillig die Facharztprüfung nochmals absolviert. «Wir haben grosse Unterschiede festgestellt - von sehr gut bis ungenügend», sagt Bernhard Christen, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie. Obwohl die Auswertung noch im Gang ist, stellt er fest: «Die heutige Fortbildung scheint den minimalen Wissensstand nicht zu garantieren.» Verschiedene Massnahmen wie die Anpassung der Facharztprüfungen oder Patientenbefragungen vor und nach der Behandlung sollen Verbesserungen bringen. Ziel ist es, die Mitgliedschaft bei der Fachgesellschaft zu einem Qualitätslabel zu machen.
Aus Sicht von Werner Bauer hingegen, Präsident des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung der FMH, «hat sich die geltende Fortbildungspflicht bewährt».
Für Christen ist jedoch klar, dass nicht nur die Orthopäden Probleme mit der Qualitätssicherung haben. «Wir gehören einfach zu den Ersten, die aktiv werden», sagt er. Auch für Erika Ziltener, Präsidentin des Dachverbands Schweizerischer Patientenstellen, genügen die Anstrengungen nicht. «Die Behandlungsqualität wird generell kaum gemessen.»
Publiziert am 21.10.2012




