Aus der aktuellen Ausgabe

«Rücktritt ist für mich kein Thema»

«Die Darstellung in dem internen Dokument ist ungeschickt und unsensibel»

Foto: Esther Michel


Nagra-Chef Thomas Ernst entschuldigt sich und erklärt, wie er das Vertrauen in seine Organisation zurückgewinnen will

Von Oliver Zihlmann, Martin Spieler, Jürg Meier

Untersucht die Nagra wirklich alle potenziellen Standorte für atomare Tiefenlager ergebnisoffen?

Die interne Aktennotiz beschreibt ein Referenzszenario. Die Nagra muss gemäss einem Entscheid unseres Verwaltungsrates ein konkretes Szenario inklusive Standorte erarbeiten für eine detaillierte Kostenstudie für den Bund. Gleichzeitig haben wir den Auftrag, Pläne für wissenschaftliche Untersuchungen an allen sechs Standorten zu erstellen. In diesen zeigen wir für alle Standorte den Weg auf bis zur Einreichung eines Rahmenbewilligungsgesuches für ein Tiefenlager. Wir behandeln alle Standorte gleich und sind ergebnisoffen.

Wo sind diese Pläne für die anderen Standorte?

Das Bundesamt für Energie hat entschieden, dass wir zunächst den Kantonen und den Präsidenten der Regionalkonferenzen Einblick in diese Konzepte gewähren. Wir werden ihnen aufzeigen, dass das publizierte Papier nur ein Referenzszenario zur Kostenschätzung ist, dass es alternative Szenarien gibt und dass wir die Arbeit weiterhin ergebnisoffen weiterführen.

Warum legen Sie den Bericht nicht ganz offen? Sie müssen ja das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen.

Wir haben das mit dem Bundesamt für Energie diskutiert. Im Bericht stehen konkrete Explorationsstrategien, samt konkreten Bohrstandorten. Wir werden aber nicht mitten in einem laufenden Verfahren Bohrstandorte nennen, weil parallel noch weitere Untersuchungen laufen, die zu Veränderungen führen werden. Wir halten uns auch weiterhin an den im Sachplan vorgegebenen Ablauf.

Sie haben zwar verschiedene Pläne für die Untersuchung aller Standorte, aber sie weisen nur ein Referenzszenario aus, nämlich jenes, das wir veröffentlicht haben.

Um konkrete Kosten berechnen zu können, braucht es konkrete Daten. Deshalb kann es nur ein Referenzszenario geben. Aber intern haben wir weitere vergleichende Szenarien erarbeitet. Das Bundesamt für Energie hat am Mittwoch Einsicht in die Unterlagen erhalten und bestätigt, dass das publizierte Papier ein Referenzszenario für die Kostenstudie ist und dass es alternative Szenarien gibt. Zudem konnten wir dort aufzeigen, dass wir die Arbeit weiterhin ergebnisoffen weiterführen.

Warum haben Sie gerade das Szenario mit einem Lager im Weinland und Bözberg zur Referenz ausgewählt?

Es liegt auf der Hand, dass man nicht ein unwahrscheinliches Szenario als Referenz nimmt, wenn man Kosten berechnen will. Aber abschliessend beurteilen können wir das erst nach Untersuchung aller Standortgebiete. Es ist ein wahrscheinliches Szenario unter anderen. Von den vielen Szenarien, die wir ausgearbeitet haben, ist dieses wohl eines im vorderen Drittel.

Die Auswahl dieses Szenarios als Referenz ist kein Zufall. Sie beruht auf detaillierten Vorkenntnissen über die günstigen Bedingungen im Weinland, über die Schwierigkeiten an anderen Standorten, über die politischen Gegebenheiten.

Politische Gegebenheiten spielen in unseren Untersuchungen keine Rolle, wir argumentieren hier ausschliesslich wissenschaftlich-technisch. Aber der Entscheid, dieses Szenario zur Referenz zu machen ist nicht aus der Luft gegriffen, das ist richtig. Wir haben aufgrund unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse das gleiche Szenario ausgewählt, welches uns schon 2006 als Basis für die damalige Kostenstudie diente.

Für Aussenstehende ist dies, wie wenn ein Schiedsrichter schon vor dem Fussballspiel eine Wahrscheinlichkeitsrechung darüber macht, wer gewinnen könnte. Die Zuschauer trauen einem solchen Schiedsrichter dann nicht mehr zu, dass er unabhängig pfeift.

Wir sind aber nicht im Geringsten Schiedsrichter. Wir stellen nur Anträge für Tiefenlager. Die werden vom Nuklearsicherheitsinspektorat und von mehreren Kommissionen geprüft. Schliesslich ist es der Bundesrat, der entscheidet.

Künftig wird man Sie aber am Referenzszenario messen. Sollten sie zum Beispiel den Wellenberg ausschliessen, werden alle sagen, dass Sie einfach Ihr Szenario durchziehen.

Für die sicherheitstechnische Beurteilung der Standorte zählen einzig und allein die wissenschaftlichen und technischen Fakten.

Für Sie ist demnach der Wellenberg nach wie vor möglicher Standort für ein Tiefenlager?

Der Wellenberg ist wie die fünf weiteren Gebiete gleichberechtigt in einem fairen, vergleichenden Prozess mit dabei. Er wird von uns gleich sorgfältig bearbeitet und ist nach wie vor eine Option.

Was sagen Sie zum Vorwurf, dass die Beziehungen zwischen dem Bundesamt für Energie, dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) und der Nagra zu eng sind?

Es gibt in diesem Feld noch andere Akteure, etwa die Kantone oder die Eidgenössische Kommission für nukleare Sicherheit. Zu konkreten Fachfragen herrscht ein enger, intensiver Dialog. Bis es zu einem Entscheid kommt, werden sehr viele unabhängige Zweit- und Drittmeinungen geäussert. Viel davon fliesst wieder in unsere Arbeit ein. Das zeigt doch gerade, dass das Verfahren funktioniert.

Die Nagra hat sieben Genossenschafter, wovon fünf Kernkraftwerkbetreiber sind. Die Bürger stellen sich jetzt doch mehr denn je die Frage, ob die Unabhängigkeit hier noch gewährleistet ist.

Im Schweizer Kernenergiegesetz gilt das Verursacherprinzip, wie übrigens in der Abfallwirtschaft allgemein. Die Verursacher müssen finanziell und materiell die Entsorgung sicherstellen. Das ist Aufgabe der Nagra. Aber wir sind nur Projektanten und machen Vorschläge. Dahinter steht ein vielstufiges Aufsichts- und Prüfungssystem, mit dem unsere Arbeit beurteilt wird. Aber klar: Wir sind eine Partei in diesem Verfahren, kein unabhängiges Gremium. Das habe ich für die Nagra aber auch nie in Anspruch genommen.

Glauben Sie, dass die Nagra als Institution und Sie als Person das Vertrauen der Öffentlichkeit noch haben, um die Tiefenlagerfrage zu lösen?

Davon bin ich noch immer überzeugt. Wir waren Anfang der Woche in einem echten Stimmungstief. Mittlerweile zeigen die Ereignisse auf, dass es mit der Wahrnehmung der Nagra wieder aufwärts geht. Es tut mir leid, dass Geschirr zerschlagen worden ist. Ich verstehe es, dass die Bürgerinnen und Bürger von den Informationen, die sie Anfang der Woche hatten, verunsichert waren. Die Darstellung, welche die Fachleute in dem internen Dokument wählten, ist ungeschickt und unsensibel.

Haben Sie irgendwann daran gedacht, zurückzutreten?

Das ist für mich kein Thema.

Publiziert am 14.10.2012




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