Steinbrück ist pflichtgemäss siegesgewiss
Angela Merkel weiss: Der SPD-Kandidat für die kommende Kanzlerwahl ist ihr ebenbürtig
von Werner Thies
Berlin Der Wahlkampf in Deutsch- land ist eröffnet, und die SPD schickt den Mann mit der Kavallerie ins Duell gegen Angela Merkel. Morgen soll Peer Steinbrück, der frühere Finanzminister, auf einer Sondersitzung des SPD-Parteivorstandes zum Kanzlerkandidaten gekürt werden. Gestern schon gab sich Steinbrück pflichtgemäss siegesgewiss: «Wir setzen auf Sieg», rief er seinen Genossen zu.
Das war auf einem Landesparteitag der SPD in Nordrhein-Westfalen. Minutenlang wurde Steinbrück dort von den Genossen gefeiert. Die SPD und Steinbrück sind bislang nicht für einen herzlichen Umgang miteinander bekannt. Der Kandidat strahlte deshalb dankbar. Solchen Jubel hatte er nicht erwartet.
Angela Merkel liess ihren Sprecher gelassen auf das Bekanntwerden des Herausforderers reagieren. Der Kanzlerin, hiess es, sei jeder Gegner recht. Doch Merkel weiss: Steinbrück ist ihr ebenbürtig. Merkel und Steinbrück kennen sich bestens. Sie respektieren einander, befreundet sind sie nicht. Der Ex-Finanzminister wird nicht müde zu betonen, dass er «nie wieder» unter Angela Merkel mitregieren wolle.
Würde heute gewählt, wären Steinbrücks Chancen dürftig
Steinbrück will unter niemandem nur mitregieren. Der Mann will Bundeskanzler werden. Alles oder nichts. Würde heute in Deutschland gewählt, wären seine Chancen aber dürftig. In aktuellen Umfragen liegt die CDU mit bis zu 10 Punkten klar vor der SPD.
Wo immer in Deutschland dieser Tage über Politik geredet wird, wird vor allem viel gerechnet. Die Frage ist: In welcher Konstellation könnte welche Partei mit welchen Partnern eine Regierung bilden?
Steinbrück gestern: «Die jetzige Regierung wird abgelöst in einem Jahr.» Schaffen will er das gemeinsam mit den Grünen. So lautet jedenfalls die offizielle Sprachregelung. Doch derzeit droht
die Regierungsübernahme laut Umfragen an der Mathematik zu scheitern. 30 Prozent (für die SPD) und 12 Prozent (für die Grünen) ergeben nun mal keine Mehrheit.
Als Alternative ist eine sogenannte Ampel-Koalition aus Rot, Gelb und Grün denkbar. Gelb steht dabei für die Liberalen. Immer mehr FDP-Leuten in Deutschland gefällt diese Idee. Wolfgang Kubicki, FDP-Chef im Bundesland Schleswig-Holstein, brachte das erst letzten Montag auf den Punkt: «Wer uns zur Macht verhilft, ist doch völlig egal.» Kubicki präsentierte gerade eine Biografie des von ihm hoch geschätzten Steinbrück und liess dabei seinen sozialliberalen Fantasien freien Lauf. Liberale, marktorientierte Sozialdemokraten hauen in die gleiche Kerbe, allen voran Gerhard Schröder. Der frühere Bundeskanzler gestern in einem Zeitungsinterview: «Damit würde die SPD der Kanzlerin die letzten Reste einer Machtoption nehmen.»
Fragt man die Berliner Auguren, ist aber eine Grosse Koalition aus CDU/CSU und SPD derzeit die wahrscheinlichste Variante. Wenn nicht mit Angela Merkel an der Spitze, dann mit Ursula von der Leyen. Die heutige Sozialministerin gibt den linken Flügel der CDU. Sie macht sich stark für Mindestlöhne und präsentiert Vorschläge gegen Altersarmut.
Mitarbeiter munkeln, dass er «die Menschen nicht liebt»
Im Bundesrat, der zweiten Parlamentskammer, haben die schwarz und rot regierten Bundesländer so eine Grosse Koalition vor zehn Tagen schon mal erfolgreich geprobt. Es ging um eine Frauenquote für die Aufsichtsräte in der Wirtschaft.
Peer Steinbrück, 65, wortgewaltig, sarkastisch, frech, überheblich. Es gibt Mitarbeiter, die munkeln, dass er «die Menschen nicht liebt». Kein Mann zum Kuscheln also. Seine eigenen Parteigenossen verspottet er bisweilen als «Heulsusen».
Vor allem auf dem linken Flügel der SPD ist die Skepsis gross. Nicht nur, weil Steinbrück als liberal gilt, sondern auch, weil er alle seine bisherigen Wahlkämpfe verloren hat. Vor drei Jahren hat er es nicht einmal geschafft, als Direktkandidat in den Bundestag gewählt zu werden.
«Ich werbe um euer Vertrauen», rief Steinbrück gestern der SPD-Basis zu. Dann dozierte er ein bisschen über den Euro, die Finanzkrise - und über den Steuerstreit mit der Schweiz. Kavallerie? «Manchmal», sagte Steinbrück, «habe ich den Eindruck, man hätte nicht nur über sie reden sollen - sondern sie auch satteln.» Das sollte lustig sein.
Publiziert am 30.09.2012




