Leuthard verlagert den Streit
Nach Nein zu Werbung folgt der Konflikt, was SRG-Journalisten im Netz dürfen
von Reza Rafi
Bern Es war ein Paukenschlag, als Medienministerin Doris Leuthard am Freitag die Ambitionen der SRG bis auf weiteres beerdigte, auch das Online-Angebot mit Reklame zu versehen. Doch von einer Beilegung des Konflikts zwischen SRG und Verlegern kann keine Rede sein - nun hat eine Medienkommission auszuarbeiten, wo die Grenzen des Service public im Netz sind. Über die Zusammensetzung des Gremiums wird in den nächsten Wochen beraten. Für Insider ist klar, dass jeder Entscheid dieser Kommission für Streit sorgen wird.
Unter den Verlegern kursiert derzeit ein Papier mit verschiedenen Vorschlägen, wie die öffentlich-rechtliche Anstalt im Netz zurückgebunden werden kann. Die Begrenzung der Texte auf 1000 Zeichen ist ein Kriterium, aber auch ein Mindestanteil an audiovisuellen Elementen oder ein zwingender Sendehinweis sind angedacht. «Wir wollen eine griffige und klare Regelung», sagt Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer.
Alarmsignale der SRG-Spitze haben sich nicht bewahrheitet
In der Vergangenheit haben SRG-Titel im Internet immer wieder die Service-public-Grenzen überschritten, etwa mit eigens für den Online-Auftritt hergestellten Filmbeiträgen. SRG-Sprecher Daniel Steiner hält fest: «Die SRG ist und bleibt offen für bilaterale Kooperationen mit privaten Medienhäusern.»
Man sehe «noch keine Notwendigkeit, der SRG Werbung auf ihren Internetseiten zu gestatten», hat der Bundesrat seinen Entscheid am Freitag begründet. Der schulmeisterliche Unterton war kein Zufall - vergangenes Jahr hat die SRG-Spitze mittels einer eigens veranlassten PWC-Studie Alarm geschlagen und damit für einen freien Zugang zum Online-Werbekuchen argumentiert. «Der globale Internet-Werbemarkt wächst deutlich schneller als der Fernsehwerbemarkt», heisst es in der Untersuchung. In Tat und Wahrheit ist der TV-Werbeumsatz der SRG in jüngster Zeit weiter gewachsen, während der Internetmarkt stagniert.
Dass allerdings weder die Verleger noch die SRG in Jubel ausgebrochen sind, hat einen Grund: Mit der gleichzeitigen publizistischen Öffnung des Internets für die SRG haben Leuthard und ihre Chefbeamten den Konflikt lediglich verlagert. Die SRG kann ihre massiven Investitionen in den Online-Journalismus weiter vorantreiben, im November soll überdies die konvergente SRF-Newssite aufgeschaltet werden - vor dieser Offensive fürchten sich manche private Medienhäuser. Die gestrige SRG-Reaktion, wonach Leuthard «salomonisch» geurteilt habe, wirkt vor diesem Hintergrund sarkastisch.
Publiziert am 16.09.2012




