Aus der aktuellen Ausgabe

Atomoffensive der Forscher

Dokumente zeigen: Der ETH-Rat will ein Kernenergie-Zentrum gründen

von Reza Rafi und Martin Stoll

Bern Seit Bundesrätin Doris Leuthard im Sommer 2011 den Atomausstieg angekündigt hat, stehen die Zeichen im Land keineswegs auf Abkehr von der Kernenergie - im Gegenteil. Im Rahmen der vom Bundesrat angestossenen Energiewende organisiert die Forschungselite derzeit die langfristige Absicherung der umstrittenen Technologie in der Schweiz. So setzt sich der ETH-Rat in Bundesbern für die Einrichtung eines nationalen «Kompetenzzentrums für Nuklearenergieforschung» ein - obwohl beim Paul-Scherrer-Institut in Villigen AG bereits ein solcher Forschungsbereich mit einem Jahresbudget von rund 50 Millionen Franken existiert. Der SonntagsZeitung liegt ein Schreiben des ETH-Rats an das Staatssekretariat für Bildung und Forschung vom 20. August vor, in dem Ratspräsident Fritz Schiesser für eine solche Institution plädiert. Am kommenden Dienstag will das Gremium in Bern die Öffentlichkeit informieren.

Auch wenn das Kompetenzzentrum nur eine von mehreren genannten Massnahmen ist, mutet ein neues Zentrum für Kernenergie anderthalb Jahre nach dem beschlossenen Atomausstieg sonderbar an. Gemäss Recherchen unterstützt die Forschergilde daher keineswegs unisono die Position des ETH-Rats. Insider monieren, dass etwa sozial- und umweltwissenschaftliche Bereiche beim Energieumbau zu kurz kommen. «Für den Abbau eines AKW braucht es keine weitere Forschung», sagt ein Professor, der nicht namentlich genannt werden will. Das Kompetenzzentrum diene nur der «Bündelung vorhandener Kräfte», erwidert ETH-Ratspräsident Schiesser im Interview.

Anlass der Offensive des ETH-Rats ist der Aktionsplan «Koordinierte Energieforschung Schweiz» - mit diesem Konzept will der Bundesrat den Schweizer Forschungs- und Entwicklungsstandort auf Leuthards «Energiestrategie 2050» einstellen. Insgesamt 202 Millionen Franken schiesst der Bund zu diesem Zweck für die Periode 2013 bis 2016 ein. Dazu kommen weitere 544 Millionen Franken Bundesmittel für die Energieforschung, die die Landesregierung im Rahmen der Botschaft für Bildung, Forschung und Energie («BFI-Botschaft 2012») bereits angekündigt hat.

In der Neuausrichtung des Schweizer Forschungsplatzes spielt der ETH-Rat eine Schlüsselrolle. Das elfköpfige Gremium kontrolliert die sechs vom Bund finanzierten Forschungsinstitute ETH Zürich, ETH Lausanne, das Paul-Scherrer-Institut (PSI), die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), die Materialprüfstelle Empa und das Wasserforschungsinstitut Eawag. Der ETH-Rat, in dem auch die designierte Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin sitzt, verwaltet somit ein jährliches Budget von rund 2 Milliarden Franken an öffentlichen Geldern.
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«Das ist eine interne Organisationsmassnahme»

ETH-Ratspräsident Fritz Schiesser verteidigt seine Vorschläge.

Wieso braucht die Schweiz ein Kompetenzzentrum für Nuklearenergieforschung?

Auch beim beschlossenen Kernenergieausstieg braucht es genügend Know-how, um die wesentlichen anstehenden Fragen zu beantworten - etwa zum sicheren Weiterbetrieb und nachfolgenden Rückbau der Kernkraftwerke, zur Endlagerung der nuklearen Abfälle, aber auch zum Einsatz in anderen Bereichen wie der Medizintechnik.

Ihr Vorhaben liegt im gegenwärtigen politischen Klima quer - die Mehrheit lehnt neue AKW ab.

Der Begriff Kompetenzzentrum könnte in der Tat missverstanden werden. Unsere Forschungsanstrengungen sind weder neu, noch geht es um eine Aufstockung der Mittel. Vielmehr wollen wir die vorhandenen Kräfte bündeln. Das ist eine interne Organisationsmassnahme, die der stärkeren Zusammenarbeit dient, und im Sinne der Transparenz legen wir diese auch offen.

Industrievertreter hoffen auf Reaktoren der vierten Generation. Soll auch dies Zweck des Zentrums sein?

Da ist das Feld noch offen. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir in der Schweiz eigene Experten brauchen, um einordnen zu können, wie sich die Technologie weltweit entwickelt. Sollte sich dereinst bei Reaktoren der vierten Generation ein Zwischenfall ereignen, bin ich froh, wenn wir eigene Experten haben, die so etwas beurteilen können.

Interview: Reza RafI

Publiziert am 02.09.2012




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