Aus der aktuellen Ausgabe

Mysterium Mitt Romney

Auf dem Weg nach Florida:

Romney begrüsst Anhänger in New Hampshire
Foto: John MooRe/Getty


Morgen beginnt der Parteitag der Republikaner - aber niemand weiss, wofür der Kandidat steht

Als Mitt Romney noch Gouverneur des liberalen Bundesstaates Massachusetts war, war vieles anders. Damals war Romney für Abtreibung, für striktere Waffengesetze und wollte gegen den Klimawandel aktiv werden. Jetzt, da er sich darauf vorbereitet, nach Tampa, Florida, zu fliegen, um dort von der Republikanischen Partei am 30. August als Präsidentschaftskandidat nominiert zu werden, ist er gegen all das.

Vor einem Jahr wollte Romney den Einkommenssteuersatz auf dem aktuellen Level belassen. Jetzt will er ihn für alle senken. Für die reichsten Amerikaner soll er sogar von 35 auf 28 Prozent fallen.

Alle Politiker ändern ihre Meinung von Zeit zu Zeit. Aber Romney könnte in dieser Disziplin eine olympische Medaille gewinnen. Das ist schade, denn eigentlich gibt es viel Gutes in der Geschichte dieses Mannes, der völlig uncharismatisch ist, aber hartnäckig.

Da ist sein Geschäftssinn. Und die Art, wie er es als Gouverneur geschafft hat, die Gesundheitsreform durchzusetzen und das Haushaltsdefizit zu senken. Er hat vernünftige Ansichten. Er prangert die exzessive Zunahme der Regulierungen an und die Folgen, die das auf Investitionen, Produktivität und Wachstum hat. Warum sollte, nach vier Jahren vollmundiger Rhetorik und lückenhafter Reformen, nicht eine geschäftsorientiertere Figur an die Macht kommen, die anfängt, Amerikas Finanzprobleme in den Griff zu bekommen?

Um gewählt zu werden, sagt und macht Romney alles

Aber Kompetenz ist wertlos, wenn man keine Richtung hat, und keinen Charakter. Romney hätte sich als standhafte Führungskraft profilieren können, die vieles erreicht hat. Doch stattdessen erschien ein schwanzwedelnder Kandidat, der offensichtlich gewillt ist, alles zu tun und zu sagen, um gewählt zu werden.

Das hat dazu geführt, dass er in einigen Bereichen, zum Beispiel in der Sozial- und Aussenpolitik, einen unnötig extremen und gefährlichen Kurs eingeschlagen hat. Er mag daran nicht wirklich glauben. Doch es wird schwer sein, diesen Kurs zu ändern.

In anderen Bereichen, vor allem in denen, die mit Wirtschaft zu tun haben, zeigt der Mangel an Details, dass sich viele der Massnahmen gut in den Schlagzeilen anhören - dass sie sich aber, wenn man genauer hinschaut, als bedeutungslos und vermutlich gefährlich erweisen. Hinter all dem steht das beunruhigende Bild eines Mannes, der nicht wirklich weiss, was er will. Amerika wird diesen Mann nicht wählen. Beim Parteitag muss Romney seine Chance nutzen und sagen, was er wirklich denkt.

Es gibt einige Bereiche, in denen Romney sich unnötigerweise rechts positioniert hat. Im amerikanischen Kulturkampf ist er dem republikanischen Trend gefolgt und hat immer mehr sozialkonservative Positionen eingenommen. Das hören Evangelikale aus dem Süden gern. Aber nicht unabhängige Wähler.

Romney hat gedroht, China am ersten Tag seiner Präsidentschaft als Währungsmanipulator zu brandmarken. Es ist unklar, was das auslösen würde. Und trotzdem: Es ist völlig unsinnig, einen Handelskrieg mit Amerikas grösstem Handelspartner zu riskieren, wenn der Aufschwung krankt. Und auch seine Versuche, die amerikanischen Juden zu ködern, indem er fast rassistisch über Araber spricht und die Lust auf einen Krieg gegen den Iran schürt, könnten den Interessen seines Landes (und denen Israels) schaden.

Einmal mehr könnte man sagen, dass all das nicht zählt. Auch vorhergegangene Präsidenten haben Interessengruppen begünstigt und dann, als sie im Amt waren, Realpolitik betrieben. Ausserdem wird diese Wahl mit der Wirtschaft entschieden. Hier sollte der Manager Romney seine Stärke ausspielen. Aber er muss erst noch überzeugen.

Romney läuft Gefahr, seine Glaubwürdigkeit zu verlieren

Theoretisch hat Romney einen detaillierten 59-Punkte-Plan für die Wirtschaft. Tatsächlich ignoriert er praktisch alle schwierigen oder interessanten Fragen. Sein Programm für den wirtschaftlichen Aufschwung, für Wachstum und Jobs ist wie der Roman «Fifty Shades of Grey» ohne Sex.

Mitt Romney mag denken, dass es das Beste ist, ruhig zu bleiben. Die marode Wirtschaft wird ihm die Wähler in die Arme treiben. Doch es ist wahrscheinlicher, dass seine ausweichende Art seinen grössten Wettbewerbsvorteil zerstört: Ein Geschäftsmann, der keinen glaubwürdigen Plan hat, um ein Problem zu lösen, verliert seine Glaubwürdigkeit.

Das alles unterstreicht das Hauptproblem mit Romney: Niemand weiss, wer dieser Mann wirklich ist. Es ist ein halbes Jahrzehnt her, dass er in einer Führungsposition war. Warum spricht er über seine Karriere nicht offener? Warum war er so zögerlich, seine Steuerauszüge zu veröffentlichen? Wo will er das mächtigste Land der Welt hinführen? Noch kann Mitt Romney Amerikas Wählern zeigen, dass er ein Mann ist, der seine Partei führen kann - und nicht von ihr geführt wird. Aber es gibt viele Fragen, die er in Tampa beantworten muss.

Publiziert am 26.08.2012




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