Beitrag vom 09.12.2012

«Ich denke, ich würde auch mit Pinguinen am Südpol klarkommen»

Schauspieler Anatole Taubman über seine Begeisterung für das Exotische, seine Rolle als Bösewicht im «James Bond», den Handel mit Kindern und ein Aufgebot von Manchester United

Von Matthias Lerf

Bern, Belpmoos, an einem nebligen Novembernachmittag. Über die Piste donnert der Bundesratsjet, daneben weiden Schafe. Sonst ist es ruhig. Plötzlich steht Anatole Taubman da, mit vielen Koffern. «Ich liebe diesen Flughafen, kann man den kaufen?», scherzt er sogleich mit der Belpmoos-Mitarbeiterin. Der vielsprachige 41-Jährige ist in der Schweiz aufgewachsen, spielt in Hollywood und in Europa. Am 16. Januar zeigt die ARD den packenden Kindsmissbrauchskrimi «Operation Zucker» mit ihm als Kommissar. Bevor um 17.05 Uhr seine Skywork-Maschine startet, bleibt Zeit für ein - natürlich schweizerdeutsch geführtes - Gespräch.

Anatole Taubman, kennen Sie das Lied «Bälpmoos» von Patent Ochsner?

Die Band kenne ich natürlich, das Lied nicht.

Ich spiele Ihnen ein paar Takte auf dem iPhone vor ...

(hört zu) Super Text. Ah doch, ich habe es schon gehört. Sehr lange her. «Spick mi furt vo hie.»

Wohin spickt es Sie?

Zurück nach Berlin, wo ich wohne. Ich war für Dreharbeiten da, habe im Flüchtlingsdrama «Nur ein Schritt» Sidney Dreifuss gespielt, den Vater von Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss und 1938/39 Leiter der Israelitischen Flüchtlingshilfe in der Schweiz.

Und wieso fliegen Sie ab dem Flughafen Bern-Belp?

Zu Beginn der Dreharbeiten war ich Gast an der Gala de Berne, zu Ehren von Ursula Andress. Da wurde ich gefragt, ob ich nach Bern fliegen wolle. «Stimmt», antwortete ich, «da gibt es einen richtigen Flugplatz.» Nach der Landung habe ich mich sofort verliebt in ihn. Es ist grossartig, inmitten von Schafen anzukommen.

Das Lied «Bälpmoos» handelt von der Sehnsucht, wegzufliegen. Was empfinden Sie?

Freiheit. Immer an Flughäfen. Auch an Bahnhöfen. Ich mag das geschäftige Treiben, die Leute, die kommen und gehen.

Die Schweizer gehen zum Bahnhof - oder in diesem Fall zum Flughafen -, reisen aber nie ab, sagt man. Sind Sie auf der ganzen Welt zu Hause?

Irgendwie schon. Ich bin ein Menschenliebhaber, begeistere mich für alle, egal welche Rasse, welche Religion. Man kann mich überall hintun, ich denke, ich würde auch mit Pinguinen am Südpol klarkommen. Oder könnte den Eskimos einen Langnese-Eiscremeshop verkaufen. Aber: Man muss im Leben ja auch bei sich ankommen. Das ist die Reise, die ich jetzt begonnen habe. Es ist sozusagen ein Crashkurs im Erwachsenwerden. Ja. (zögert)

Ist es so schwierig?

Es ist meine grösste Herausforderung. Ich war immer überall und nirgends zu Hause, hatte nie eine wohlbehütete Kindheit. Die daraus entstehende ständige Unruhe war zwar ein guter Katalysator für meinen Beruf. Aber jetzt, mit fast 42 Jahren, ist es wichtig, die Reise auch zurück zu machen.

Was heisst das konkret?

Bewusst leben. Ich sehe gewisse Verhaltensweisen an mir, die sich in den letzten Jahren durch das Ruhelose verstärkt haben. Ich habe immer die Welt umarmt. Aber man darf und soll sich auch selber mögen, zu sich stehen.

Es fällt auf, dass Sie - zum Beispiel hier am Flughafen - sofort Menschen umarmen, immer herzlich ...

... und immer auch ernst gemeint. Nie eine Show. Aber es lenkt auch von mir selber ab.

Jetzt nehmen Sie sich also Zeit für sich?

Unbedingt. Bis jetzt war ich nie ein grosser Fan von Weihnachten. Ich mochte es nicht, wenn alles plötzlich so ruhig wird.

Sie mochten die Stille nicht?

Nein. Wenn mir jemand im Hotel sagte: «Wir haben für Sie ein Zimmer, schön ruhig gegen hinten», dann antwortete ich: «Bitte, lieber vorne raus. Ich mag es laut.» Das hat sich geändert, jetzt. Ich freue mich auf die Stille von Weihnachten und beginne sie zu mögen. Auch die innere Stille.

Die ganze Welt umarmen - ist das auch eine Eigenschaft von Schauspielern?

Das ist sicherlich individuell. Ich kenne jedoch viele Schauspieler, die grossartig sind, aber keine einfache Kindheit hatten.

Wirklich?

Ich kenne wenige, die ohne irgendeine Zerrüttung aufwuchsen. Wie soll man Einblicke haben in die Abgründe, wenn man nicht selber etwas erlebt hat? Ich bringe in jede Rolle meine eigene Person ein. Wobei klar ist: Jede Rolle ist auch nur ein Gast in mir.

Ihr bekanntester Gast ist der Bösewicht Elvis in «Quantum of Solace» ...

... ja, dieser Bond-Film - sicherlich ein Segen, aber auch ein wenig ein Fluch.

Ein Fluch?

Dank dieser Weltmarke hat sich vieles geöffnet für mich. Aber ich konnte schon vor Bond zehn Jahre lang vom Beruf leben. Besonders in der Schweiz werde ich gerne auf diese Rolle des schrägen Hilfsbösewichts reduziert. Schliesslich ist das aber Klagen auf hohem Niveau. Ich bin dankbar, konnte ich Elvis spielen. Und denke, es wird bestimmt nie wieder jemanden geben, der in einem James-Bond-Film mit seiner Mutter schweizerdeutsch telefoniert.

«Mami, s isch scho chli heiss hie», sagen Sie.

Regisseur Marc Forster und ich haben fast nur Mundart miteinander gesprochen. Es war ein Running Gag, ständig fielen Wörter wie «Schätzeli». Das hat am Ende auch James Bond verstanden.

Haben Sie den neuen «Skyfall» gesehen?

Ich fand ihn ganz toll. Javier Bardem ist der Wahnsinn als Bösewicht. Jetzt, denke ich, hat sich Bond endgültig neu ausgerichtet, ohne die alten Werte zu verlieren. Man wollte ja die Marke neu definieren, mit Daniel Craig. Bei den beiden ersten Filmen war man am Suchen. Jetzt ist man da.

Apropos Telefon mit der Mama: Wie geht es Ihrer richtigen Mutter?

Nicht so gut. Sie ist in einem fortgeschrittenen Stadium von Alzheimer. Mitunter bestimmte das in den letzten zwei Jahren auch mein Leben.

Erkennt sie Sie?

Ja. Ich glaube, ich werde das Letzte sein, das sie vergessen wird. Weil sie mich auch nie so gehabt hat, wie sie es gerne wollte. Wir hatten nie die klassische Beziehung: Ich bin mit fünf weggegeben worden, als sich meine Eltern ums Sorgerecht stritten. Mein Vater starb, als ich zehn Jahre alt war, teilweise bin ich in Heimen aufgewachsen, teilweise bei meiner Mutter, die aber immer sehr mit sich selber beschäftigt war.

Denken Sie, wenn Sie die Mutter besuchen, über die verpasste Zeit mit ihr nach?

Es ist herzzerreissend. Ich habe noch nie so viel Zeit verbracht mit ihr wie in den letzten zwei Jahren, versuche, sie so viel wie möglich zu sehen. Sie kriegt das sicherlich irgendwie emotional mit. Aber es geht auch darum, meinen Frieden mit ihr zu finden.

Inwiefern?

Indem ich still sitze, bei ihr, komme ich zu mir. Und um noch mehr zu mir zu finden, wohne ich seit fast einem Jahr in Berlin in meiner eigenen Wohnung.

Weg von Ihrer Partnerin und den Kindern?

Weg, um mehr da zu sein! Die neue Wohnung ist fünfzig Meter Luftlinie von der Familienwohnung entfernt. Ich bin Fan der modernen Lebensweise «Nicht zusammenwohnen». Das funktioniert wunderbar für uns. Es ist bereichernd, auch für unsere Beziehung und die Kinder.

Kinder stehen im Mittelpunkt des ARD-Films «Operation Zucker». Er behandelt ein schwieriges Thema.

Ja, es geht um Kinderhandel und Kindsmissbrauch. Quasi vor unseren Augen werden Kinder verschachert. Es ist, so abscheulich es tönt, neben Öl, Waffen und Drogen einer der ergiebigsten Geschäftszweige der Welt. Berlin ist ein Hauptumschlagszentrum in Europa, auch die Schweiz ist ein grosses Schleusenland. Schätzungsweise 200 000 Menschen, meist Kinder, werden pro Jahr zwischen Ost- und Westeuropa gehandelt. Wenn man sich damit beschäftigt, ist man überwältigt, erschlagen und schockiert.

War es schwierig zum Spielen?

Gott sei Dank verkörpere ich den Guten, einen Polizisten. Ich weiss nicht, ob ich die Täterrolle akzeptiert hätte. Als Spokesperson der Unicef Schweiz habe ich das Kinderhilfswerk eingebracht.

Wie?

Wir sind mit der Unicef nach Rumänien gereist und haben uns umgeschaut. Dort ist zum Beispiel die Geburtenregistrierung nicht Pflicht. Hand in Hand mit unseren Gesetzeslücken ist das ein gefährliches Gemisch für diese Kinder aus armen Regionen. Und letztlich steht am Ende der Kette eine steigende Zahl von Kunden in der westlichen Welt.

Kann ein Film da wachrütteln?

Er legt auf jeden Fall den Finger in die Wunde. Erstaunlich ist, dass vor allem Männer in höchsten Positionen Täter sind: Männer, die ihre Ohnmacht in ihrem Machtsystem an den Kindern auslassen. Ein weites Feld.

Im Zentrum des Films stehen die Kommissarin und die Staatsanwältin ...

... eigentlich stehen die Kinder im Zentrum.

Es stört Sie nicht, dass Sie etwas im Hintergrund stehen?

Überhaupt nicht, da bin ich komplett leidenschaftslos. Man will ja weitermachen. Es wird eine «Operation Zucker 2» geben, wieder mit Senta Berger, Nadja Uhl und Anatole Taubman.

Wird es erneut um Kinderhandel gehen?

Nein, um ein anderes Tabuthema. Es gibt noch so viel Ernstes, das man behandeln kann.

Wir sind auch ernst geworden. Zur Auflockerung: Stimmt es, dass Tom Hanks Ihnen den Übernamen Toli verpasst hat?

Ja. Das war 1999, am Anfang meiner Karriere, beim Casting zur Weltkriegsserie «Band of Brothers». Produziert wurde sie von Steven Spielberg und Tom Hanks, der in meiner Episode auch Regie führte. Beim Casting schaute er auf das Blatt und sagte: «A? A? Anatole? Komischer Name, wir müssen einen kürzeren finden. Stört es Sie, wenn ich Ihnen Toli sage?» Dabei blieb es.

Stimmt es, dass Anatole Sonnenaufgang bedeutet?

Ja. Die französische Variante kommt vom griechischen Jungenname Anatoli, was «der Mann aus dem Morgenland» bedeutet.

Stimmt es, dass Sie mit einem Diktator aus Zentralasien Rollschuh gelaufen sind?

Ja. Ich bin Goodwill-Ambassador für den BBC Worldwide Trust. Deswegen war ich in Turkmenistan, da ist es etwa so schwierig reinzukommen wie nach Nordkorea. Es gibt dort einen Präsidenten namens Gurbanguli Berdimuchammedow. Ich persönlich nenn ihn ... Nein, das kann ich nicht sagen, sonst bekomme ich Probleme mit dem Geheimdienst.

Der merkt es nicht ...

... (lacht) gut, ich persönlich nenne ihn Guly oder Birdie. Er weiss es aber nicht. Mit dem bin ich tatsächlich Rollschuh gelaufen. Nicht etwa Rollerblades, sondern die altmodischen, mit vier Rädern und Stoppern vorne.

Wieso das?

Die BBC vermittelte in diesem Land Basiswissen für TV-Sendungen. Und der Präsident läuft fürs Leben gerne Rollschuh. Ich habe dann wirklich mit ihm im Präsidentenpalast auf wunderschönem Marmorboden meine Runden gedreht.

War Ihre Mission erfolgreich?

Damals ja. Wobei man wissen muss: Turkmenistan ist wichtig für England und Europa: Es ist der drittgrösste Erdgasproduzent der Welt. Auch darum ist die BBC dort. Da geht es um viel mehr als um Entertainment.

Wieso arbeiten Sie eigentlich für die BBC?

Ein enger Freund von mir ist beim BBC Worldwide Trust ziemlich weit oben, und ich spreche ein wenig russisch. Ich habe einen englischen Pass, von meinen Eltern, die zwar beide von Geburt auf nicht Engländer waren. Ich möchte aber auch einen Schweizer Pass bekommen. Weil ich in Berlin lebe, ist das nicht so einfach. Ich müsste in die Schweiz ziehen.

Ist das eine Option?

Eine Möglichkeit wäre es, den Hauptwohnsitz in die Schweiz zu verlegen. Das prüfe ich gerade. Ich habe das Gefühl, ich sei mehr Schweizer als viele Schweizer.

Sie haben zu Beginn gesagt, Sie liebten Bern. Sie könnten ja in die Bundesstadt ziehen!

Wieso nicht? Zürich ist toll, aber ich unterstütze alles, was dezentralisiert ist. Ich habe bei der Wohnungsauflösung und der Beistandsübernahme meiner Mutter auch im Kanton Schwyz viel Herzlichkeit erlebt. Aber ich mag die Geschwindigkeit der Berner.

Sie meinen die Langsamkeit?

Sie entschleunigt mich. Darum liebe ich auch diesen Flughafen. Da läuft alles ein wenig persönlicher, mehr miteinander.

Wenn Sie jetzt dann abheben und zum Flugzeugfenster rausschauen: Von was träumen Sie?

Träumen ist gut, denn ich schlafe oft sofort ein im Flieger. Es ist immer ein Abschied. Und ein Neuanfang. Übrigens, man kann Träume beeinflussen. Haben Sie schon von Lucid Dreaming gehört?

Nein.

Die Methode zur Beeinflussung der Träume wird deutsch Klartraum genannt. Eingesetzt wird sie zum Beispiel bei traumatisierten Kriegssoldaten. Es gab diesen deutschen Professor namens Paul Tholey. Der suchte sich Sportarten wie Skiakrobatik aus, die er nicht beherrschte. Er übte sie dann im Traum und brachte es auch in Wirklichkeit zur Europameisterschaft.

Kaum zu glauben!

Doch. Faszinierend. Kann man nachgoogeln.

Was möchten Sie sich in diesem Fall im Traum aneignen?

Ich will die Kraft von Wayne Rooney haben, die Ballgewandtheit von Lionel Messi und die Schnelligkeit von Cristiano Ronaldo.

Kurz, Sie möchten der beste Fussballer der Welt sein?

Nicht einmal das. Aber ich bin ein fast religiöser Verehrer von Manchester United. Und ich möchte mit knapp 42 Jahren erleben, dass mich der Trainer meines Clubs, Sir Alex Ferguson, anruft und fragt: «Könntest du für uns spielen? Wir brauchen dich!» Ein einziges Mal möchte ich in der Startelf ins Old Trafford Stadion einlaufen, das «Theatre of Dreams». Das wäre mein Traum.

Publiziert am 09.12.2012
von: sonntagszeitung.ch





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